Am Abgrund des Endlichen

Hartmut Lange, Deutschlands raffiniertester Novellist, wird an diesem Freitag 80 Jahre alt

  • Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Max Liebermann blickt hinüber zum heutigen Platz der Republik. So gehen die Toten durch die Welt der Lebenden. In Hartmut Langes Novelle »Das Konzert« ist der große Maler gestorben, doch keineswegs tot - und befreundet mit Frau Altenschul, die in einer Berliner Villa zu musikalischen Abenden einlädt. Frau Altenschul ist den »schönen Dingen des Lebens zugetan«, muss aber viel Mühe darauf verwenden, »ihr erbärmliches Ende zu vergessen«: die Ermordung, den grausig verdrehten Schädel im Massengrab. Eine Vernichtete. Wie der junge Pianist Lewanski, der bei ihr auftritt: in Litzmannstadt von Nazis erschossen. Die Ermordeten treten so in ihr Recht ein: das ihnen geraubte Dasein weiterzuführen. Mit dem Sterben längst fertig geworden, geben sie sich nun ihren ungelebten Erfahrungen hin. Lewanski wird von seinem Mörder verfolgt, er wird ihn stellen, auf ihn einschlagen. Und er erschrickt über die Heftigkeit, mit der er noch als Gestorbener den Kreislauf von Gewalt und Hass mit antreibt. Als befände er sich nach wie vor in unserer Welt.

Das ist ein so wehes, ein so greifendes Stück Literatur! Auch in einer anderen Novelle Langes, »Die Heiterkeit des Todes«, erscheint das Grab als Vorstellungsraum für eine radikale Fantasie: Ein SS-Mörder und eine ermordete Jüdin werden im gemeinsamen Tod zum Liebespaar. So attackiert Literatur mit aller nur verfügbaren Vorstellungskraft jene Vergewaltigung, die fortwährend Feinde und Furchtbarkeit schafft und sich Geschichte nennt. Jeder Tote wartet auf die Vollkommenheit seines zerbrochenen Lebens - das aber ist eine Wiederauferstehung, die ihm nur der Dichter bieten kann.

Dunkle Prosa, aus der es leuchtet. Äußere Vorgänge, gleichsam wertungsfrei geschildert, streng abgedichtet gegen Emotionen - und darin doch eine bestechende atmosphärische Geladenheit. Meistererzählungen über die anschwellende Unsicherheit angesichts einer nicht fassbaren Drohung. Spaltweit geöffnete Türen oder mystisch behauchte Gartenwege hin zu einem See oder Wattlandschaften oder Museumsnischen oder der intensive Blick auf verwitternde Mauervorsprünge greifen quasi Rilkes Diktum »Du musst dein Leben ändern« auf - wenn man nur wüsste, wie; wenn man nur wüsste, was.

Lange verblüfft durch die nahezu unscheinbare Präzision einer Sprache, die sich eher für den Bericht bewirbt als fürs Bedrohliche, fürs Protokoll eher als für den dunklen Gesang. In der Fülle seiner Gesichte stürzen Zeiten, die einander nie streiften, und Gestalten, die einander nie begegneten, zu lebendiger Konfrontation ineinander. Jede dieser Novellen fragt nach Möglichkeiten, mit der Verzweiflung umzugehen, mit dem Sturz ins Bodenlose. Der ja nicht deshalb geschieht, weil es den Gestalten an richtigen Erkenntnissen über die Welt und über sich selber fehlt, sondern weil sie erkennen müssen: Just die Arbeit am Bewusstsein, just das Mühen um Welterklärung ist die (oft tödliche) Falle.

Begonnen hat Lange, 1937 in Berlin geboren, Student an der Filmhochschule Babelsberg, als Autor von Stücken. Sprühende, geistklare, kantige, kunstkluge Stücke - als träfen sich Heiner Müllers düstere Lohndrücker mit Shakespeares lustigen Mördern, Marlowes kalte Rüpler mit Schillers heißen Räubern. Solch ein Schüler musste einem Peter Hacks gefallen, dem Freund und Förderer Langes am Deutschen Theater Berlin. So glühte im Dichter Lange das dramatische Feuer - und entfachte sogleich die Trittkraft derer, die es austrampelten. Mit »Marski« (1962), der Komödie um den Großbauern im Kollektivierungs-Wirbel, bewies er den Verdacht, ein großer, also verbietbarer Bühnenautor zu sein. Er rechnete im Stück »Hundsprozess« (1964) derart wahrhaftig mit dem Stalinismus ab, dass ihn Angst überkam, jemand könne das Manuskript entdecken. Er schrieb sich glänzend poetisch ins verordnete Schweigen.

In den sechziger Jahren verließ er die DDR, weil sie für ihn nicht marxistisch genug war. Er floh nicht, er rettete seinen Glauben und (zunächst) jenes sichere Gefühl, das man in der Nähe des Hegelschen Weltgeistes hat. Aber: Dieser freiwillige Gefangene einer Vernunftlehre, wie sie nur unter ideologischen Himmeln so wahrhaft fraglos gedeihen kann, stößt eines Tages auf sein »Pascalsches Erschrecken«, also auf eine Blöße, die sich durch keinen Begriff mehr überdecken lässt. Langes Stück »Trotzki in Coyoacan« wurde im Westen als Fernsehinszenierung vorbereitet, und man wollte eine Diskussion über den politischen Hintergrund senden. »Ernest Mandel, der Leiter der Vierten Trotzkistischen Internationale, Eugen Kogon und ich saßen vor der Kamera, plötzlich spürte ich mit Erstaunen, dass mich der Sachverhalt, der meine Realitätserfahrung als Schriftsteller bis zu jenem Augenblick wesentlich bestimmt hatte, nicht mehr interessierte.«

Das war er, so blitzartig wie selbstverständlich: der Abschied vom marxistischen Denken. Das sich als Lösung versteht, aber offenkundig nichts versteht vom unlösbaren Existenzproblem des Menschen. So hurtig kann das gehen. So beginnt Heimatlosigkeit und doch Ankunft - in einer Unruhe, die Voraussetzung alles Schöpferischen ist. »Wer sich widerspricht, kommt der Wahrheit näher.« Niemand sonst! Der Mensch analysiert Klassen, Ordnungen, Völkerwanderungen und Sozialphänomene, er hat, wie man so schön sagt, Standpunkt - aber er steht doch weiterhin, wenn er ehrlich genug ist, sehr verwirrt und überfordert und klein vor der »Unheimlichkeit des Daseins«.

Ein längst begrabener Amokläufer an der Irischen See begegnet noch einmal seinen zwölf erschossenen Opfern, eine Wolkenwand zieht auf, das Böse hat eine Stimme, »sie schien mit ihm, dem Mörder, zufrieden zu sein, und er wusste, dass er dies, und bis in alle Ewigkeit, gelten lassen musste«. Genügt vielleicht ein dauernd harter Wellenschlag oder das Getöse des Windes an rauem Ozeanufer, um jemanden in den Wahn des Tötens zu treiben? Und warum heiratet eine junge Frau ausgerechnet Hitler, den Ausbund des Widerwärtigen? Immer beginnt die Balkenlosigkeit des Wassers mit einem festem Boden unter den Füßen - der eine Täuschung bleibt, am »Abgrund des Endlichen«, wie eine seiner Novellen heißt.

Dieser grandiosen Prosa merke ich die Not an, aus der heraus sie entstand. Variierter Hölderlin: Der schreibende, spielende Mensch ist der verzweifelte Mensch, er schreibt und spielt, weil er sich anders nicht zu helfen weiß. Langes Werk gehört ins Register derer von Kleist und Kafka, Ingmar Bergman und Patricia Highsmith - Literatur, die jenen Menschen aufruft, dem es irgendwann nicht mehr gelingt, sich zweckmäßig zu verhalten. Alles liegt scheinbar offen - um gespenstisch zu werden. Welche Folgen kann das Umräumen einer Wohnung haben, die Suche nach einer romantisch umhauchten Parkbank? Der von Grün und Schatten verstellte Blick auf einen See, ein Weinen hinter einer angelehnten Tür - was ist wirklich, was ist wahr? Wahrnehmung rückt Hartmut Lange zurecht - in das, was Camus »die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt« nannte.

Erst im vollen Bewusstsein unserer »Überblickslosigkeit« gewinnen wir Freude am Dasein; erst an der Wahrheit kleinster Spielräume schärft sich ein lohnender Freiheitsbegriff. Also: den Rätseln keine Lösung aufdrängen. Im Bewusstsein nicht zu viele Scheinwerfer aufpflanzen. Mit Leib und Seele da sein - sich aber diese Welt, die nichts verspricht und nichts einhält, auch souverän vom Leibe halten. Das ist Lebenskunst! Hartmut Lange sagt: »im freien Fall zur Ruhe kommen«. Der Autor des Schweizer Diogenes Verlages ist Deutschlands größter, raffiniertester, leisester, geheimnistiefster Novellist. An diesem Freitag wird er 80 Jahre alt.

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