Anatomie einer Entführung

Guy Delisles Graphic Novel »Geisel« schildert, wie der Selbstbehauptungswille bei einem totalen Freiheitsentzug überlebt

  • Von Waldemar Kesler
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Frankokanadier Guy Delisle wird zu Recht für seine launigen Comic-Reisereportagen gefeiert. Bei seinen Streifzügen durch fremde Kulturen und gespaltene Gesellschaften erwies er sich als witziger Beobachter bizarrer Alltagsszenen. Seine Arbeit für die Trickfilmindustrie führte ihn nach China (Shenzen) und Nordkorea (Pjöngjang). In Myanmar (»Aufzeichnungen aus Birma«) und Israel (»Aufzeichnungen aus Jerusalem«) war er als Anhang seiner Frau Nadège unterwegs, die für Ärzte ohne Grenzen arbeitete. Durch die Hilfsorganisation lernte er den Expat Christophe André kennen, der 1997 bei seinem ersten humanitären Einsatz im Nordkaukasus entführt worden war.

Delisle lässt in seinem neuen Band die ehemalige Geisel Christophe André von ihrer Gefangenschaft berichten. Wochenlang war der Mann mit Handschellen an eine Heizung gekettet. In seiner Isolation musste er ohne äußere Reize, ohne Gespräche, ohne Informationen über das Geschehen auskommen. Es vergingen Wochen, bis er überhaupt erfuhr, dass es den Entführern nur um Lösegeld ging.

Guy Delisle protokolliert jeden Tag des Freiheitsentzugs, unabhängig davon, ob etwas Außergewöhnliches passiert. In der Geiselhaft weiß der Gefangene nicht, ob die Herkunft von Geräuschen oder der kurze Anblick von ein- und ausgehenden Menschen vielleicht Hinweise liefern, die bei einer späteren Flucht nützlich sein könnten. Aus diesem Grund verzeichnet er alle Sinneseindrücke ganz genau - wenn es sie denn gibt.

Die mentale Verfassung von Christophe André schwankt zwischen Abstumpfung und dem Aufbegehren des Lebenswillens. Der Band heißt im Französischen »S’enfuir«, also »Flüchten«. In diesem Titel klingen Fluchtgedanken an, aber auch die geistigen Ausflüchte des Bewusstseins aus einer bedrückenden Situation. André hat ein Faible für Militärgeschichte. Um dem Vakuum zu entkommen und nicht in die Agonie abzugleiten, beschäftigt er sich damit, jedem Buchstaben des Alphabets eine bedeutende Schlacht oder einen General zuzuordnen und die historischen Ereignisse zu rekapitulieren. Täglich stellt er sich der Herausforderung, sich das Datum zu merken, was nicht einfach ist, weil die Tage sich kaum unterscheiden. Die zeitliche Orientierung ist der einzige Kontakt zur Außenwelt, der André bleibt.

Mit Rücksicht auf das Thema setzt Guy Delisle diesmal einen Zeichenstil ein, der realistischer und weniger cartoonesk ist als sonst.

Einen Großteil seiner Gefangenschaft verbrachte André im Halbdunkel, wegen der Handschellen konnte er nur bestimmte Körperhaltungen einnehmen. Die Zeichnungen nehmen diese Einschränkungen auf. Die Perspektiven, aus denen André zu sehen ist, wiederholen sich. Um seine Leser die bleierne Zeit spüren zu lassen, die für André quälend langsam verstreicht, wiederholt Delisle auch konsequent die sich gleichenden Szenen der erzwungenen Alltagsroutinen. Die Farben sind durchgängig in einem je nach Tageszeit helleren oder dunkleren Graublau gehalten. Delisle gelingt das Kunststück, dass die Monotonie, die er zeichnerisch fühlbar macht, beim Lesen nicht in Langeweile umschlägt, sondern im Gegenteil die Sensibilität für kleine Veränderungen schärft.

Wenn André etwa von den Entführern in einen neuen Raum verlegt wird, wandert darin ein kleiner Ausschnitt Sonnenlicht im Laufe des Tages über die Wände. Schließlich kommt er bei André an, der in seinen Handschellen neben einem Bett kauert. Als das weiße Quadrat sich auf sein Gesicht legt, hebt es sich farblich erstmals leicht von der Umgebung ab, in der ein permanentes Dämmerlicht herrscht. Durch diese kleine Akzentuierung sehen wir, wie sehr André nach langem, quälendem Lichtentzug die Wärme der Sonne auf seiner Haut genießt.

Seine kleinen Übungen, mit denen er versucht, der bedrohlichen Realität gewachsen zu bleiben, retten Christophe André schließlich. Durch seine Auflehnung dagegen, von seinen Entführern psychisch abhängig zu werden, bewahrt er sich einen Rest Freiheit. »Geisel« ist ein großartiges Buch über Selbstbehauptung in einer aussichtslosen Lage.

Guy Delisle: Geisel. Aus dem Französischen von Heike Drescher. Reprodukt, 432 S., br., 29 €.

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