Nebel? Leben

Mosebachs Bagatellen

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Schön! Diese widerständig opulente Noblesse, die sich nicht aufs gängig Barsche herabholen lässt. Zu genießen war es erst jüngst im Roman »Mogador«: Martin Mosebach brilliert zwischen genauer Beobachtung und filigranen Einschüben, ganz aus Absonderlichkeit und mystischer Lust. Worte fügen sich zu einem altbarocken Kosmos - ein souverän helles Erzählen noch im Herzen der Finsternis. Hell, ja, aber über Abgründen. Sprache ist bei diesem Autor einfach und durchgängig - Stil. Keine Kritik am Zustand der Welt gerät ihm je zu Tonlagen, in denen sich nur jene Grobheit wiederholt, die von dieser Literatur verabscheut wird.

Nun ist ein Band mit literarischen, reportierenden, essayistischen Miniaturen erschienen: »Das Leben ist kurz. Zwölf Bagatellen«. Mosebach schreibt über das Fahrrad: Wahrer Besitz ist die Lust an der Bewegung, die nichts festhalten will; noch zum gestohlenen Gefährt singt der Dichter das Hohelied der berückenden Flüchtigkeit. Er schreibt über die Zeitung: Es ist ein Text über den tiefen Widerspruch zwischen Motiv und Wirkung - Zeitungsmacher also, in ihrem täglichen Wichtigkeitsrausch, dürfen nicht wirklich darüber nachdenken, was Käufer mit ihrem Produkt alles anstellen - statt es »nur« zu lesen. Martin Mosebach schreibt auch über eine Künstlerin, die Tauben scheut und sie am liebsten so malen würde, dass man das Tier sofort packen will: der Wunsch des Stilllebens, auch mal Dämon zu sein.

Dieser Autor sieht den Dingen die Sehnsucht nach Sonntag an: In der Langweile des Sonntags spüren wir am stärksten, wie viel Unruhe in uns ist. Es ist die Unruhe, Leben sei nicht farbig genug. Die Farben sind die Rettung. In einer der Erzählungen klettert die Familie auf einen Berg, es gilt, ein Silvesterfeuerwerk zu zünden, das endet mit einer Handverletzung, und der Nebel dräut kräftig. Fazit aber: »Ich finde, wir sollten unseren Ausflug nicht zerreden. Bei etwas besserem Wetter hätten wir einen erstaunlichen Ausblick gehabt.« Was ist, das täuscht; was sein könnte, das tröstet. Es gibt keinen Bildverlust, wenn du deiner Phantasie treu bleibst.

Es ist in diesem Büchlein alles so leicht, so zwinkernd, so spitz und bübisch - Mosebach porträtiert Augenblicke, die das Leben bedrohen, weil sie so klar sind, aber die Zeichnung, die er entwirft, gibt allem Offensichtlichen das Geheimnis zurück. Und immer ist für den Autor dies die innerlichste und deshalb fürchterlichste Gefangenschaft: die Idee, Bescheid zu wissen und wie ein Schiedsrichter durch den Tag zu gehen. Zum Schluss des Bandes der Monolog eines Mannes, der eine grandiose Idee hat - die sich blamabel auflöst in purer Lächerlichkeit. Aus deren Falle herauszukommen, entwickelt der Mann natürlich schon die nächste grandiose Idee. Ja ja, hat die Kette unserer Irrtümer und Anmaßungen eine gewisse Länge erreicht, dann nennen wir sie - Leben.

Martin Mosebach: Das Leben ist kurz. Zwölf Bagatellen. Rowohlt, 137 S., geb., 16,95 €.

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