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Schnell den Deckel drauf

Nach dem EM-Debakel der deutschen Fußballerinnen setzt der DFB auf Krisenbewältigung in alter Manier

  • Frank Hellmann, Frankfurt
  • Lesedauer: 4 Min.

Politiker stellen mitunter eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Ehemalige Weggefährten schreiben gerade auch Reinhard Grindel diese Eigenschaft zu. Seit der 55-Jährige nicht mehr seinen Wahlkreis Rotenburg I für die CDU repräsentiert - Grindel war von 2002 bis 2016 Mitglied im Deutschen Bundestag - sondern dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) als Präsident vorsteht, ist die Anpassungsfähigkeit ein hervorstechendes Merkmal des Verbands. Besonders deutlich wird das daran, wie der Verbandsboss die erste Sinnkrise im deutschen Frauenfußball abgehandelt hat.

Nach dem Ende einer fast unheimlichen Erfolgsgeschichte bei Europameisterschaften der Frauen ist Bundestrainerin Steffi Jones mit dem Ausscheiden im Viertelfinale nach dem ersten EM-Finale ohne deutsche Beteiligung seit 1993 gleich noch mit einer Vertragsverlängerung bis zur Weltmeisterschaft 2019 in Frankreich belohnt worden. Das neue Arbeitspapier enthält dazu die Option auf eine weitere Verlängerung bis zu den Olympischen Spielen 2020.

Nach der Aufarbeitung im Eilverfahren teilte Grindel mit: »Steffi Jones hat uns in ihrer Analyse vermittelt, dass sie aus der enttäuschenden EM wichtige Erfahrungen mitnimmt und Lehren für ihre künftige Arbeit zieht.« Die 44-Jährige sieht das Votum als »einen klaren Auftrag für mich und mein Team und eine Verpflichtung, aus den Erfahrungen der EM die richtigen Schlüsse für unsere weitere Arbeit zu ziehen«.

Der gleichlautende Inhalt der Pressemitteilung weist auf jene Harmoniebedürftigkeit hin, die Markenkern der deutschen Delegation beim Turnier in den Niederlanden gewesen ist. Doch am Ende der Selbstbeweihräucherung stand die bittere Erkenntnis, dass andere Nationen nicht nur aufgeholt haben, wie DFB-Chef Grindel als Augenzeuge des furiosen Endspiels zwischen Gastgeber und Europameister Niederlande und Deutschland-Bezwinger Dänemark (4:2) in Enschede feststellte, sondern die einstige Frauenfußball-Großmacht Deutschland teils sogar überholt haben. Das wäre das ehrlichere Eingeständnis gewesen.

Die Qualifikation für die Weltmeisterschaft beginnt für die DFB-Frauen bereits am 16. September mit einem Heimspiel gegen Slowenien. Im Sportpark Ingolstadt wird die Mannschaft um Dzsenifer Marozsan dann bereits wieder vom Männerfußball an den Rand gedrängt, weshalb es doppelt ärgerlich war, in den Niederlanden fahrlässig die Chance zu versäumen, mit Halbfinale oder Finale für die Öffentlichkeit die große Bühne zu bespielen.

Der Verbandsboss hatte sich aus privaten Gründen vor Ort kein EM-Spiel mit deutscher Beteiligung angesehen, sondern nur bei einem Blitzbesuch im Teamquartier in Sint-Michielsgestel die Messlatte vor Turnierstart noch niedriger gelegt: »Der Titel ist nicht der Maßstab für die Frage, ob es ein erfolgreiches Turnier ist«, sagte Grindel dort. Nach dem desolaten Auftritt gegen Dänemark übte er dann über seinen Facebook-Account deutliche Kritik, man sei »sehr enttäuscht ... vor allem über die spielerische Leistung«, um nun wieder handzahm verlauten zu lassen, dass sich Steffi Jones in den vergangenen Jahren als Spielerin und Direktorin so große Verdienste für den Frauenfußball erworben habe, »dass sie in ihrer Rolle als Bundestrainerin eine zweite Chance beim DFB bekommen soll«.

An der Unterredung nahmen neben Grindel noch Generalsekretär Friedrich Curtius, die zuständige Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg und Direktorin Heike Ullrich teil. Es bleibt fraglich, ob das wirklich der Kreis von Personen war, der den Finger in die Wunde legt und offen ausspricht, dass die Cheftrainerin dringend Hilfestellung braucht? Die gebürtige Frankfurterin nannte ihr erstes Turnier einen lehrreichen Prozess, aus dem sie den Schluss zog, »die eine oder andere Anpassung vorzunehmen«. Aber nichts Konkreteres über diese Anpassungen drang an die Öffentlichkeit.

Niemand unter den Kritikern - nicht mal Dauernörgler Bernd Schröder, Trainer-Legende von Turbine Potsdam - verlangte die Ablösung von Jones, was auch nicht gerecht gewesen wäre, da die empathische Sympathieträgerin in der Außendarstellung viel Gutes bewirkt hatte. Aber bei der Inthronisierung der Quereinsteigerin ohne größere Trainererfahrung war von Verbandsseite ja selbst das Beispiel Jürgen Klinsmann angeführt worden. Der hatte fehlendes Knowhow durch den profunden Assistenten Joachim Löw kompensiert.

Warum konnte der einzige Co-Trainer Markus Högner diesen regulativen Part nicht ausfüllen? Muss noch ein zweite Assistenzkraft der Bundestrainerin unter die Arme greifen? Darüber schweigen sich die Beteiligten bislang aus. Schnell den Deckel drauf zu machen, schien im deutschen Frauenfußball mal wieder am wichtigsten. Eine Nischensportart zieht sich ins Schneckenhaus zurück.

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