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Autonom in Niederbayern

In Bad Birnbach startete Deutschlands erster selbstfahrender Kleinbus in den Linienbetrieb

  • Von Sebastian Knurrhahn
  • Lesedauer: 3 Min.

»Kumm, trink halt eine Halbe«, sagt der Mann hinter der Theke zu dem Mitarbeiter der französischen Firma. Vor dem Kulturzentrum im niederbayerischen Bad Birnbach spielt gerade die Blasmusik, während sich Dutzende Pressefotografen um ein utopisch anmutendes Gefährt scharen: An diesem Tag stellt die Deutsche Bahn in der 5800-Seelen-Gemeinde im Landkreis Rottal-Inn den ersten selbstfahrenden Bus in Deutschland vor, der im Linieneinsatz fährt. Der Kleinbus mit der technischen Bezeichnung EZ10 wurde von dem französischen Start-up Easy Mile aus Toulouse entwickelt. Betreiber ist die DB Regio Bus Ostbayern, eine Tochter der Deutschen Bahn.

Die 5800-Seelen-Gemeinde Bad Birnbach liegt im niederbayerischen Bäderdreieck unweit von Passau. Seit Mittwoch müssen die Kurgäste vom Rathauscafé zum Thermalbad nicht mehr zu Fuß gehen, sondern können den wohl modernsten Bus Deutschlands benutzen. Das utopisch anmutende Gefährt verfügt über sechs Sitz- und sechs Stehplätze. Was es nicht hat sind ein Fahrer, ein Lenkrad, Bremsen oder Gaspedale. Der EZ10 ist ein fahrerloser elektrischer Shuttle-Bus, der autonom seine vorgegebene Route abfährt und die Passagiere an drei Haltestellen aufnimmt.

Die Deutschlandpremiere des ersten selbstfahrenden Busses auf öffentlichen Straßen in Begegnung mit normalem Autoverkehr wurde mit Blasmusik, Freibier, Brezen und Prominenz von Politik und Bahn gefeiert. Zahlreiche Kurgäste ließen es sich nicht nehmen, einen Blick in das Innere des Gefährts zu werfen. Auf die erste Fahrt mit dem weiß-roten Kleinbus mussten sie noch ein wenig warten, denn erst waren Bürgermeister, Landrat, Landtagsabgeordnete sowie Bahnchef Richard Lutz bei der Jungfernfahrt an der Reihe. Lutz zufolge ist es das Ziel der Deutschen Bahn, »Straße und Schiene noch stärker zu vernetzen und damit auch auf dem Land individuelle Mobilität ohne eigenes Auto zu ermöglichen«.

Und dann macht sich der Kleinbus mit einem Klingelzeichen auf den Weg. 660 Meter beträgt die Streckenlänge zwischen den Haltestellen Rottal Therme und Neuer Marktplatz. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 15 Kilometern pro Stunde rollt das Elektrofahrzeug praktisch lautlos dahin. Ziel des ganzen Projektes ist es, so die Betreiber, Erfahrungen im Betrieb autonomer Kleinbusse zu sammeln, die Technik noch besser kennenzulernen und die Akzeptanz bei den Kunden zu testen. Für das Projekt wurde eine Sondergenehmigung der Bezirksregierung von Niederbayern eingeholt. Noch muss ein Fahrzeugbegleiter an Bord sein, der im Notfall eingreifen kann. Ansonsten fährt der Bus selbstständig die programmierte Route entlang. Diverse Sensoren tasten die Umwelt ab und bringen das Gefährt zum Stehen, wenn etwas im Weg steht. Zum Beispiel ein Hund, der über die Straße läuft. Seine Position berechnet der Bordcomputer über ein Satellitennavigationssystem.

Und so fährt der Bus mit seiner prominenten Ladung langsam vom Kulturzentrum Artrium über den Kiesweg bis zur Straße und reiht sich da in den normalen Straßenverkehr ein. Ein gelbes Schild mit der Aufschrift »Vorsicht! Autonomes Fahrzeug« am Straßenrand warnt die anderen Verkehrsteilnehmer vor dem fahrerlosen Fahrzeug. Alles geht gut, wohlbehalten steigen die Passagiere nach zehn Minuten wieder aus dem EZ10 aus. Ab jetzt sind die normalen Bürger dran. In den ersten Wochen verkehrt der autonome Bus täglich von 10 bis 18 Uhr im 30-Minuten-Takt, die Fahrt ist kostenlos. Nächstes Jahr soll der Bus zusätzlich das Ortszentrum mit dem Bahnhof verbinden.

Selbstfahrende Vehikel werden in vielen Städten getestet, meist auf abgesperrtem Gelände. Das Neue an der Buslinie in Bad Birnbach ist, dass hier die reine Testphase verlassen wurde und das autonome Fahrzeug im normalen Linienbetrieb sowie auf normalen Straßen fährt. Und zum ersten Mal gibt es dafür in Deutschland eine Zulassung. Die Bahn will damit die Digitalisierung und Individualisierung des Öffentlichen Personennahverkehrs voranbringen und die Menschen dazu bewegen, das Auto stehen zu lassen. Angedacht ist auch, dass in Zukunft autonome Fahrzeuge Fahrgäste samt Gepäck zu Hause abholen und zum Bahnhof bringen.

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