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Er stolpert durch sein Dasein

Michael Wildenhain erzählt die Emanzipationsgeschichte eines Getriebenen

  • Von Britta Steinwachs
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Faszination für die Schaffung künstlichen Lebens beflügelt seit jeher Kunst und Wissenschaft. In ihrem berühmten Roman »Frankenstein« aus dem Jahr 1818 erzählt Mary Shelley die tragische Geschichte des Viktor Frankenstein, der es nach fieberhaften Experimenten tatsächlich schafft, einem aus Leichenteilen zusammengesetzten Wesen Leben einzuhauchen.

• Michael Wildenhain: Das Singen der Sirenen. Roman.
Klett-Cotta, 320 S., geb., 22 €.

In den Bann dieser Geschichte gezogen ist auch Jörg Krippen, der seine Heimatstadt Berlin und seine Familie für einige Monate verlässt, um an der Londoner Queen Mary University über Mary Shelleys Vermächtnis für das literarische Schreiben zu dozieren. Kaum dort angekommen, trifft er auf die geheimnisvolle Mae, in welcher er sofort das »weibliche, das dunkelhäutige Pendant« zum Genie Frankenstein sieht, da sie in einem Labor die Reproduktion von menschlichem Leben erforscht.

Obwohl die Naturwissenschaftlerin Mae und der Geisteswissenschafter Krippen in fremden Erkenntnis- und Erfahrenswelten leben, eint sie doch ihr Interesse am Ursprung des Lebens.

Michael Wildenhains neuer Roman »Das Singen der Sirenen« gleicht einem pointillistischen Kunstwerk: Aus der unmittelbaren Nähe betrachtet, leuchtet die Mischung aus innerem Dialog, plötzlichen Gedankensprüngen in die Vergangenheit und der Intensität des unmittelbaren Erlebens auf. Mitunter verwirrt und irritiert diese Direktheit; sie macht den Leser zum Leidensgenossen Krippens, der verloren durch sein Leben stolpert, ohne Weitblick und Vision. Erst mit der Distanz verblasst die Leuchtkraft des Details und gibt den Blick auf die kluge Gesamtkomposition frei.

Wie bereits vorherige Romane des Autors ist auch sein neues Buch in der Hausbesetzerszene West-Berlins verankert, jedoch ist dieser Bezug nicht mehr als eine omnipräsente Erinnerung an ein vergangenes Leben. In der Nahaufnahme: Jörg Krippens erstarrte Beziehung zu seiner Freundin Sabrina.

Einst war sie seine leidenschaftliche Antifa-Genossin. Nach vielen Jahren sind ihnen nun ein gemeinsames Ziel und die Liebe abhanden gekommen. Mit ihrem Sohn Leon zogen sie im Hausprojekt aus und fanden eine kleine Wohnung in Berlin-Hellersdorf. Dort wurden sie einander immer fremder. Jörg Krippen flüchtete in die Bibliothek, um Sabrinas Hasstiraden gegen die Mitschüler ihres Sohnes zu entgehen: »Spinnst du, Jörg? Wir reißen uns den Arsch auf. Dich hat so ein Nazi fast geschlachtet. Jetzt komm’ diese Wichser und verprügeln unsern Sohn? Dieser scheiß Islam, das ist doch wie die Faschos, bloß mit halal und haram.«

Kaum hat Krippen diese Schwere hinter sich gelassen, gerät das festgefahrene Leben des frustrierten Literaturdozenten ins Wanken. Mit einer ungeahnten Wucht katapultiert ihn die Begegnung mit der Biologin Mae vom Konjunktiv des Zauderns ins pulsierende Präsenz des Hier und Jetzt. Was möchte er mit seinem Leben anstellen und wozu drängt es ihn? Die zarten Fäden vermeintlicher Zufälle ziehen den Betörten immer tiefer in ein engmaschiges Netz seines eigenen Begehrens und dessen Folgen.

Während Krippen der fundamentalen Frage nach der Reproduktion menschlichen Lebens in Frankensteins oder Maes Labor auf den Grund gehen will, schafft er selbst durch seine sexuelle Begierde neues Leben. Immer wieder brechen Schlaglichter auf Krippens flüchtige sexuelle Vergnügungen die Erzählung auf und offenbaren die Singularität des Moments als bestimmende Dynamik der Entstehung menschlichen Lebens. Was bleibt, ist nicht etwa die göttliche Vorhersehung. Auch nicht der Plan eines Forschers. Sondern die Banalität der zufälligen Begegnung.

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