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Nachwende-Novellen

In Alexander Osangs Weihnachtsgeschichten wird der Advent zur Ankunft - in einem verlorenen Leben

Als Reporter ist Alexander Osang ein - Meister seines Fachs? Das klingt nach einem, der die Schublade, in der sein Werkzeug liegt, mühelos aufzuziehen weiß. Wenn Osang aber auf Recherche und später ans Schreiben geht, öffnet er nicht lediglich einen Kasten, er öffnet gleichsam jede Pore seines Wahrnehmungsapparats. Sein Interesse an den Menschen geht weit darüber hinaus, was sie zu sagen haben. Den Protagonisten seiner journalistischen Arbeiten spannt er vorm inneren Auge der Leser eine Leinwand auf, die die Möglichkeiten des 3-D-Kinos albern und altbacken wirken lässt. Es ist nicht nur die Tiefenschärfe seines Blickes, die Sensibilität seiner Ohren oder sein atmosphärischer Geruchssinn, der hier das leibhaftige Leben aufs beschriebene Papier projiziert. Es ist auch nicht nur Osangs Fertigkeit im Aufrufen einer einfachen, aber höchst suggestiven Sprache. Vielmehr scheint es, als verfüge dieser Reporter über den selten anzutreffenden siebten Sinn: Er weiß Geheimnisse zu bergen, die selbst ihre Bewahrer staunen machen.

• Alexander Osang: Winterschwimmer. Weihnachtsgeschichten.
Aufbau, 240 S., geb., 20 €.

Es nimmt nicht wunder, dass ein Journalist dieses Schlags längst auch das Feld der Literatur bewirtschaftet. Vier Romane und etliche Erzählungen hat Osang bislang veröffentlicht. Für Leser der »Berliner Zeitung«, bei der er in den 1980er Jahren seinen Anfang als Autor nahm, gehören seine Weihnachtsgeschichten zum Fest wie der Christbaum und die Schwiegermutter. Seit 1995 druckt das Blatt - ungeachtet der wechselnden Eigentümer und Chefredakteure - alle Jahre wieder eine dieser Erzählungen. Dreizehn von ihnen hat der Aufbau-Verlag nun in einem Buch gebündelt, das man nicht mehr aus der Hand legen will. Ein weiterer Text ist eigens für den Band entstanden.

Den traurigen Helden all dieser Erzählungen ist ihre Herkunft aus dem Osten Deutschlands gemein, und fast alle gehören sie derselben Generation an wie der 1962 in Berlin geborene Autor. Nicht den Geschicken der Alten, die den verschwundenen Staat einst aktiv mit aufbauten, spürt Alexander Osang nach und auch nicht denen der Jungen, die die DDR nur aus Kinderaugen oder vom Hörensagen kennen. Sein Interesse gilt den Mittleren. Jenen Menschen mithin, denen der Umbruch früh genug widerfuhr, um noch einmal von vorn zu beginnen, aber zu spät, um ihre Wurzeln zu kappen und neue zu schlagen, die fest in der Erde ankern.

Dabei glänzt die menschliche Fassade zu Beginn der Geschichten zumeist wie ein frisch poliertes Bürohausfenster. Wir begegnen Talkshow-Moderatorinnen und Immobilienmaklern, Geschäftsführern und Bankkauffrauen, die es in der Blüte ihrer Jahre zu etwas gebracht haben, worauf sie stolz sein könnten - wäre da nicht der Autor mit dem siebten Sinn, der ihnen ohne Häme, aber auch ohne Erbarmen, die Maske abnimmt. Die Gesichter, die zum Vorschein kommen, sind von kalter Einsamkeit zerfurcht - und gezeichnet vom plötzlichen Gewahren des Verrats an sich selbst. Fast immer aber lässt Osang in diesem Erschrecken auch eine Erleichterung aufscheinen - darüber, sich selbst noch nicht gänzlich verloren zu haben.

Jene »unerhörte Begebenheit«, die der alte Goethe zum Wesenskern einer Novelle erklärte, ereignet sich in sämtlichen Osang-Geschichten. Da ist die Fernsehjournalistin, die zur Weihnacht in einem restaurierten Privatschloss im Fläming mit ihren saturierten Kollegen aus dem Westen sauniert und auf einmal dieses Befremden spürt: Als sie nach draußen flieht, um sich im Schnee abzukühlen, fällt die Tür ins Schloss und lässt sie, nackt, allein auf weiter Flur. Da ist der Geschäftsführer, der einer Kollegin sein Sakko über die frierenden Schultern legt, bevor sie im Taxi ein Stück des Heimwegs von der Weihnachtsfeier teilen: Als die Angestellte das teure Kleidungsstück, in dessen Innentasche sich ein Erbstück als Geschenk für die Gattin befindet, nach dem abrupten Abschied in die Altkleidertonne wirft, versenkt sie darin die Karriere des Chefs und dessen Ehe gleich mit. Da ist der Sprecher der Deutschen Bahn, der seine eigene Stimme längst verloren zu haben scheint - bis ihm beim heimlichen Zigarettenkauf im Abendlicht ein Fernsehteam gegenübersteht, um ihn nach der Reaktion der Marzahner auf das geplante Flüchtlingsheim zu befragen.

Zu einem guten Teil leben Alexander Osangs Weihnachtsgeschichten von ihrer erzählerischen Glaubwürdigkeit: Hier schreibt einer, der die Berliner Stadtbezirke so genau kennt wie die ostdeutsche Provinz oder die amerikanische Einöde. Vor allem aber gründet ihr Zauber im Gespür für eine sehr spezifische, selten in dieser Schärfe erfasste Befindlichkeit. Es sind literarische Zeugnisse einer Zeitgenossenschaft, die allmählich verweht.

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