Twitter-Jahresrückblick: »Schwer geschubst« beim G20 und passende Farben für die AfD

Zwei Pfarrer, die Auseinandersetzung mit der »Bild«-Zeitung und natürlich alles, was mit den G20-Protesten zu tun hatte – das war das Jahr auf Twitter

  • Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 7 Min.
Jahresrückblick: Twitter-Jahresrückblick: »Schwer geschubst« beim G20 und passende Farben für die AfD

Der humorvolle Umgang unter »nd«-Kollegen, Bilder direkt aus dem Getümmel der G20-Proteste und die Debatte in der Linkspartei, was zu tun sei nach dem Wahlergebnis der Partei bei den Bundestagswahlen. Die Themen, die das Twitterjahr von »ndaktuell« am meisten bestimmten, also am häufigsten »retweetet« und von den meisten Menschen wahrgenommen wurden, waren natürlich die wichtigen Nachrichten des Jahres, aber auch interessante kleine Details bewegten online. Hier ist unser Überblick, was 2017 beim »nd« auf Twitter passierte.

Das Netz war zu Beginn des Jahres 2017 noch im Winterschlaf. In Köln sollte sich die Silvesternacht von 2016 nicht wiederholen, die Polizei reagierte mit rassistischen Großkontrollen. Doch es gab auch gute Nachrichten zu vermelden: Mit dem linken türkischen Nachrichtenportal »Ozguruz« startete im Januar ein neues journalistisches Projekt, »ndaktuell« gratulierte erfreut. Auch im Februar war es bei »ndaktuell« noch eher ruhig. Der Top-Tweet: ein Artikel zu Gerüchten über Kriegsverbrechen im abgeriegelten Dorf Kuruköy. Im März bewegte dann ein Tweet unseres NRW-Korrespondenten Sebastian Weiermann besonders viele Menschen. Er stand stellvertretend für die Skepsis vieler Linker gegenüber den »Pulse of Europe«-Protesten als »faszinierende bürgerliche Gegenbewegung zur AfD«.

Überhaupt: Weiermann bekommt den Orden als Top-Erwähner des »nd«. In gleich drei Monaten waren seine Tweets dieses Jahr unter den Top-Erwähnungen unseres Twitter-Accounts. Im April bewegten vor allem die Proteste gegen die AfD und unsere Liveberichterstattung die Twitternutzer. Besonders prominent dabei: der Jenaer Pfarrer Lothar König und seine Kritik der Kriminalisierung antifaschistischer Proteste sowie ein Bierdeckel aus Köln.

Auch über die Proteste in der Türkei und das Vorgehen der Erdoğan-Regierung gegen ihre Kritiker berichtete »ndaktuell« fortlaufend und gewann dadurch auch unter türkischen Twitter-Followern Aufmerksamkeit. Das wurde in einer regelmäßigen Kolumne des türkischen Journalisten Yücel Özdemir über Politik und Widerstand in seinem Heimatland fortgesetzt. Seit September schreibt Özdemir alle zwei Wochen unter dem Titel »Die andere Türkei«.

Im Mai war unser Top-Tweet ebenfalls ein klassisch linkes Thema. »Wir müssen raus aus dem Gefängnis nationalstaatlicher Politik«, erklärte der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis in unserer Nachricht zur Ankündigung von DiEM25, eine europäische Partei werden zu wollen. Ebenfalls bedeutend in diesem frühsommerlichen Monat und dem nächsten: Die Auseinandersetzung mit und die Kritik an der »Bild«-Zeitung.

Stein des Anstoßes: eine »nd«-Kolumne des ehemaligen »Titanic«-Chefredakteurs Leo Fischer. Er hatte über das unmögliche Verhalten verschiedener »Bild«-Politikredakteure, die die Kritiker ihrer Berichterstattung sogar als Nazis und Antisemiten darstellten, geschrieben und getwittert. Das Fazit von Fischer: Die »Bild«-Redakteure seien »nicht nur schlechte Menschen, sondern auch noch ausgemachte Jammerlappen«. Gar nicht witzig fand das der ehemalige »Bild«-Chefredakteur Kai Diekmann – »wirklich irre lustige Satire« beschwerte sich der »Bild«-Macher in Richtung »ndaktuell« und unsere Berichterstattung über die Twitter-Spottkampagne gegen ihn, die unter dem Hashtag #Kofferraum auch mit RAF-Symbolik spielte.

Doch abseits der Mediendebatte um »Bild« bewegte unsere Twitter-Follower der Tod von Helmut Kohl und den Umgang damit viel mehr. Der Tweet zur Analyse über »Nachrufe als Narrativmaschinen und das konservative Unschärfeprinzip« war unser Top-Tweet des Monats.

Im Juni warf auch der G20-Gipfel in Hamburg bereits seine Schatten voraus. »Ndaktuell« berichtete ausführlich über die Vorbereitungen der Protestler und auch über die der Polizei. Angehörige von drei Berliner Hundertschaften der Polizei hatten sich in Hamburg danebenbenommen und waren deswegen nach Hause geschickt worden waren. Doch auch ohne die Berliner Einheiten war die Sicherheit der G20-Gipfelgäste nicht gefährdet.

Das Highlight des Jahres für »ndaktuell« auf Twitter war ganz eindeutig der G20-Gipfel und die Berichterstattung unseres Reporterteams vor Ort. Mit Abstand die meisten Profilbesuche, Retweets und neuen Follower gab es in diesem Monat. Der Top-Tweet dieser Tage nimmt die Debatte der folgenden Monate bereits vorweg: die Frage von Polizeigewalt oder zumindest unverhältnismäßigem Auftreten der Einsatzkräfte und die Ausschreitungen – und alles, was folgte.

Das wichtigste Nachrichtenereignis für die »ndaktuell«-Leser im August war dagegen das Verbot der Internetplattform Indymedia. Doch auch ein humoriger Tweet mit technologiekritischen Anspielungen und einem augenzwinkernden Verweis auf den amerikanischen Kulturimperialismus sammelte besonders viele Likes und Retweets.

Im September berichtete das »neue deutschland« vor der Bundestagswahl über Themen, die im Wahlkampf vernachlässigt wurden; auch eine ganze Serie unter dem Titel »Das ist gerecht! Echt?« gab es. Doch der Top-Tweet des Monats stammt aus der Wahlnachtberichterstattung. Es war der Hinweis, dass der »Guardian« in seinen Wahlgrafiken die AfD in »passender Farbe« darstelle.

Kurzentschlossen änderte auch »ndaktuell« die Darstellung der Rechtsaußenpartei von Blau zu Braun. Direkt nach der Wahl begann mit einem Facebook-Post von Oskar Lafontaine die Debatte in der Linkspartei über die Konsequenzen der Ergebnisse. Die Partei hatte zwar in urbanen Millieus dazugewonnen, aber die Stimmen von Arbeitern vor allem im Osten verloren. Die Mahnung Gregor Gysis, Flüchtlinge und Erwerbslose nicht gegeneinander auszuspielen, sahen 45 000 Menschen. In den nächsten Wochen tobte in der Linkspartei, der nd-Redaktion und in unserer Zeitung die Debatte über die richtige Strategie der LINKEN, die schließlich in einer mühsam befriedeten Konfrontation zwischen Partei- und Fraktionsführung, vertreten durch die beiden Führungsfrauen Katja Kipping und Sahra Wagenknecht, mündete.

Im Oktober bestimmte auch die Auseinandersetzung darum, wie mit der neuen »rechten Normalität« und der Präsenz der AfD in den Parlamenten umzugehen sei, die Berichterstattung und Twitter. Eine Karte mit den Wahlerfolgen der Rechtspopulisten in ganz Europa wurde zum Twitter-Hit, während auf der Frankfurter Buchmesse über den richtigen Umgang mit der Neuen Rechten und Identitären gestritten wurde.

Im November war die Kehrtwende der Staatsanwaltschaft im Fall Oury Jalloh, die nun doch öffentlich feststellte, dass der Asylbewerber 2005 vermutlich schon vor dem Feuer in der Polizeizelle in Dessau tot war, die Nachricht des Monats.

Aus unvermuteter Richtung wurde das »neue deutschland« Anfang November angetwittert. Sven Petry, der ehemalige Ehemann von Frauke Petry wollte wissen, wer ihn mit einem Abonnement des »nd« beglückt habe. »Raus damit: Wer hat dafür gesorgt, dass ich seit dieser Woche das @ndaktuell im Briefkasten habe?«, twitterte dieser. Nach einer internen Recherche wurde klar – ein Scherzbold hatte ein zweiwöchiges Probeabo für den Pfarrer abgeschlossen. Das Angebot von unserer Onlineredaktion »mal reinzulesen für ein paar Tage« akzeptierte Petry. Ob er sich auch durch die Texte der im November und Dezember fortgesetzten Linkspartei-Richtungsdebatte quälte? Wir wissen es nicht.

Im Dezember schließlich bekam ein Bericht von »nd«-Korrespondent Sebastian Weiermann über die Proteste gegen den AfD-Bundesparteitag in Hannover viele Likes und Retweets.

Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt auf Twitter auch die Berichterstattung zum Vorgehen der Hamburger Polizei gegen Fotografen im Zuge der Ermittlungen nach den Ausschreitungen beim G20-Gipfel. Überhaupt alles, was damit zu tun hatte, interessierte unsere Leser dieses Jahr brennend. »Twitter glühte dieses Jahr, sobald wir den Hashtag G20 benutzten«, sagt »ndaktuell«-Redakteur Robert Meyer zu unserem Schwerpunktthema.

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