Allein unter Gleichgesinnten

Der 2010 verstorbene Popkritiker Martin Büsser wäre dieses Jahr 50 Jahre alt geworden. Jetzt ist ein Sammelband mit seinen Texten erschienen

  • Thomas Blum
  • Lesedauer: 4 Min.

Es soll kaum eine Gelegenheit gegeben haben, zu der Martin Büsser nicht Musik gehört hat, so heißt es. Allerdings nicht die Musik von Michael Jackson, Bryan Adams oder der Kelly Family, sondern die von den Moldy Peaches, den Boredoms, den Brainbombs, EA 80 oder Alfred Schnittke. Dennoch hätte Büsser zu seinen Lebzeiten gewiss nach dem Hören des neuen Albums der Kelly Family einen fulminanten, tiefgründigen Aufsatz verfassen können über die Formierung des Massengeschmacks im fortgeschrittenen Kapitalismus und den Grad der Infantilisierung unserer Gesellschaft, der aus dem vorliegenden Kulturerzeugnis abzulesen ist. Über den ebenso religiösen wie reaktionären Rohrstock-Soul des Schlagersängers Xavier Naidoo urteilte er im Jahr 2002, dessen Texte fielen »weit hinter alles zurück, was in zweihundert Jahren Aufklärung und Emanzipation mühsam errungen« worden sei: »In dieser pathetisch instrumentierten, von Harfen umspielten Musik schrumpft der Himmel zum Kerker zusammen, menschliche Freiheit zu bedingungsloser Knechtschaft unter Gott und die patriarchalisch geführte Familie.« Doch auch die ebenso dogmatische wie humorlose linke Hardcore-Punk-Szene, die er eine Zeit lang nicht ohne Sympathie begleitete, verschonte Büsser nicht: Sie sei, schrieb er bereits 1992 (!), ein »drolliger, zotteliger Verein von Gleichgesinnten«.

Als freier Autor schrieb Büsser regelmäßig Texte über die Kunst und (Pop-)Musik der Gegenwart, überwiegend für Publikationen, die sich der Linken zurechneten, etwa für das heute legendäre Punk-Fanzine »Zap«, die Tageszeitung »Junge Welt«, die Wochenzeitung »Jungle World«, »Konkret«, das Musikmagazin »Intro« und die »Kölner Stadtrevue«. Als Verleger, der er obendrein war, gründete er den unabhängigen Ventil-Verlag und das Magazin »testcard«.

Im Gegensatz zu vielen anderen heutigen Journalistinnen und Journalisten, die über keinerlei politische Theoriebildung oder kritisches Bewusstsein verfügen, geschweige über die erforderliche sprachliche Ausdrucksfähigkeit, war Büsser, der im Jahr 2010 im Alter von 42 Jahren infolge einer Krebserkrankung verstarb, klug, scharfsinnig, eloquent und scheute die Kontroverse nicht. Auch hatte er Vorbehalte gegenüber einer sich permanent stärker vereinheitlichenden und formal sowie inhaltlich verarmenden industriell gefertigten Massenkultur, deren Hauptzweck darin zu bestehen scheint, die Menschen »mit Lebenshilfe und damit letztendlich mit penetranter Lebensfreude zu bombardieren« (Büsser).

Während die Feuilleton-Artikel vieler seiner Zeitgenossen sich häufig lasen wie unfreiwillig komische Mischungen aus affirmativem Konsensgestammel und reinstem PR-Deutsch (»ein atemberaubendes Album«, »eine spannende Serie«, »ein fesselndes Buch«, »eine nachdenklich machende Ausstellung« usw.), merkte man Büssers Texten über Musik und andere Erscheinungen der Populärkultur stets an, dass er die Schriften Herbert Marcuses, die Philosophen der Frankfurter Schule gelesen hatte, geschult war in Kritischer Theorie. Im Fokus seiner Kritik stand deshalb auch die »industriell vorgefertigte Rockmusik« bzw. eine ausschließlich von Profiterwartungen getriebene Musikindustrie, die an dem Material, das sie fortwährend ausstößt, keinerlei Interesse hat und ausschließlich »kulturindustriellen Schrott« produziert.

Büsser war Poptheoretiker und -kritiker, aber eben auch stets linker Gesellschaftskritiker, das heißt, er sah in norwegischem Death Metal, HipHop, billigem Euro-Dance-Pop, Crustcore oder Schlagern weit mehr als nur unbedeutende Produkte einer Unterhaltungsindustrie. Veröffentlichte Musik stand, wie alle andere Kunst auch, für ihn stets in enger Beziehung mit der Gesellschaft, in der sie entstanden ist, und traf - sei es nun bewusst oder unfreiwillig, versteckt oder offen, ex- oder implizit - Aussagen über uns und unsere Gegenwart. Musik existiert nicht im luftleeren Raum, sondern ist stets auch Produkt gesellschaftlicher Entwicklungen.

In Deutschland massenkompatible Bands wie Sportfreunde Stiller oder Wir Sind Helden (Büsser: »das als Pop weiterwuchernde Geschwür des rot-grünen Kuschelnationalismus«) hatten, ob nun beabsichtigt oder nicht, in den 90er Jahren ihren Anteil an der Formierung eines neuen deutschen Nationalbewusstseins, wie Büsser früh erkannte, ebenso wie die in der Politik die Grünen ihren Anteil hatten an der Modernisierung und Stabilisierung des Kapitalismus: »Alles andere, was sich noch links schimpft, von der ›taz‹ bis zu den Grünen (…) ist zur feisten, institutionalisierten Opposition von Jasagern geworden, die Kritik nur noch im Rahmen des Apparates üben, den sie als Ganzes akzeptieren.« Wohlgemerkt: Geschrieben hat Martin Büsser diesen Satz im Jahr 1992. Da war ein mit der stockkonservativen schwäbischen CDU koalierender grüner Ministerpräsident Kretschmann noch ferne Zukunftsmusik.

Über den Schmuse- und Schmeichelpopsänger Phil Collins schrieb Büsser 1998: »Er ist der erste Mensch, dem es gelang, alleine über die Erzeugung von völliger Interesselosigkeit zum Milliardär zu werden.« Über die Fans von Bands wie Nirvana (»das grauenvollste Ereignis seit Mick Jagger«) spottete er 1991 zielgruppengerecht im Fanzine »Zap«: »Der gewöhnliche Nirvana-Hörer ist kein Außenseiter, im Gegenteil, er ist der Prototyp, den sich das Jugendmagazin der Bausparkasse vorstellt, wenn sie den ausgeflippten Buben von nebenan ins Bild bringen will.«

Im Februar 2018 wäre Martin Büsser 50 Jahre alt geworden. Ein Sammelband mit einer Auswahl seiner Texte ist soeben erschienen.

Martin Büsser: »Für immer in Pop«. Texte, Artikel und Rezensionen aus zwei Jahrzehnten, Ventil-Verlag, 238 S.,

br., 15 €.

Bookreleaseparty: Lesung, Diskussion und Musik mit Jonas Engelmann, Christina Mohr, Hendrik Otremba, Jens Friebe, Myriam Brüger, Conny Lösch, Kristof Schreuf u.a. 28.4., 20 Uhr, »Ausland«, Lychener Str. 60, Prenzlauer Berg.

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