Ein Museum verändert Judenbach

Wie ein kleiner thüringischer Ort zu einem neuen kulturellen Zentrum kam

  • Sebastian Haak
  • Lesedauer: 6 Min.

Nichts erinnert heute mehr daran, dass hier vor ein paar Jahren noch eine Ruine stand. Dass überall Schutt herumlag. Dass dieser Ort ein Schandfleck der Gemeinde Judenbach im Süden Thüringens war. »Es gibt Bilder von damals, da wundere ich mich, dass ich nicht durchgedreht bin«, sagt Bürgermeister Albrecht Morgenroth.

Stattdessen gibt es heute dort einen Ort, an dem sich vor allem Ostdeutsche mit großer Wahrscheinlichkeit an ihre Kindheit erinnern. Das bunte Haus an der Hauptdurchfahrtsstraße von Judenbach birgt Spielsachen, die sie ziemlich sicher aus früheren Tagen kennen.

Teddys aus Plastik zum Beispiel, deren Kopf viel größer ist als Rumpf und Beine, und deren runde Kulleraugen sie trotzdem gar nicht gruselig aussehen lassen. Kleine Hunde, ebenfalls aus Plastik, in deren Schnauzen Magnete angebracht sind, sodass sie sich küssen, wenn man sie nur nahe genug aneinander hält.

Die Sammlung hat mit der langen Geschichte der 2400-Seelen-Gemeinde im Landkreis Sonneberg zu tun, die über viele Jahrzehnte auf das Engste verbunden war mit der Herstellung von Spielzeug. Doch dieses Gebäude zeigt auch, was selbst sehr kleine Kommunen schaffen können, wenn sie wissen, wie man die Dinge richtig anpackt. Wenn ihre Bürgermeister umtriebig genug sind - allen Klagen über die leeren Kassen von Städten und Gemeinden zum Trotz.

Seit 2017 ist dieses Gebäude in Judenbach, das gleich mehrere Funktionen erfüllt, für die Öffentlichkeit zugänglich. Wobei diese Multifunktionalität ein zentraler Grund dafür ist, dass diese Anlage überhaupt entstehen konnte und schon zahlreiche Besucher hatte.

Das Gebäude - das Ali-Kurt-Baumgarten-Museum - würdigt zunächst einen der bedeutendsten Spielzeug-Gestalter der DDR. Der Graphiker, Kunsthandwerker und Maler war am 21. März 1914 in Judenbach geboren worden. Von 1928 bis 1932 absolvierte er eine Ausbildung in der Sonneberger Fachschule für Spielzeug und Keramik. Von 1932 bis 1935 studierte er an der Akademie der bildenden Künste in München.

Zweitens ist dort eine beachtliche Sammlung von mechanischem Spielzeug zu finden, die von Rosemarie und Götz Weidner aus München über mehr als dreißig Jahre hinweg zusammengetragen wurde: Blech- und Plüschspielzeug, das in Judenbach und Umgebung gefertigt worden ist. Einige dieser Spielwaren sind bereits mehr als 60 Jahre alt, die jüngsten unter ihnen stammen aus dem Jahr 1982: Clowns, Bären, Affen und viele Igel, die liebevoll Meckis genannt werden.

Drittens findet sich dort ein Gebäudeteil, der »juba83« heißt und ein »Kreaktivhaus« ist: Gerade Kinder sollen sich hier selbst beim Gestalten und Fertigen von Spielzeug ausprobieren - eben weil Spielzeug für die Geschichte von Judenbach eine so große Bedeutung hat. Die Vergangenheit soll jedoch nicht verklärt werden. Morgenroth: »Wir wollen eines nicht sein: ein Heimatmuseum.«

Und das ist die Anlage in Judenbach auch ganz sicher nicht geworden, jedenfalls nicht im Vergleich mit so vielen anderen Heimatmuseen in Deutschland. Fast alle Räume des multifunktionalen Gebäudes sind hell und lichtdurchflutet, nach einer aufwendigen Sanierung in einem Zustand, der dem 21. Jahrhundert angemessen ist. Und eine Vielzahl von längeren Texten erklärt den Menschen, was sie da eigentlich sehen, wenn sie durch die Gänge und Zimmer des Hauses streifen und Teddys, Affen, Bären oder Igel betrachten.

Vor allem die Angaben zum Leben von Ali Kurt Baumgarten fallen ausführlich aus. Sein Leben wird in die Zeit eingebettet, in der er gelebt hat: Die Nationalsozialisten belegten den Expressionisten 1934 mit einem De-Facto-Berufsverbot als Maler und Grafiker, trotzdem arbeitete er bis 1938 heimlich weiter. Zwischen 1939 und 1945 diente er als Soldat der Wehrmacht. Zu DDR-Zeiten wendete er sich dann intensiv dem Spielzeug zu. Nach dem Tod seines Vaters 1946 übernahm er die sogenannten Ali-Werkstätten in Judenbach, in denen schon der Vater Spielzeug hergestellt hatte. 1973 wurde Baumgarten zudem Gutachter für DDR-Spielzeug. Er starb im Jahr 2009.

Der Aufbau des Multifunktionshauses hat viel Geld gekostet. Zwischen 2012 und 2017, sagt Morgenroth, seien etwa 2,7 Millionen Euro investiert worden. Etwa 1,7 Millionen Euro davon seien Fördermittel unter anderem des Freistaat gewesen. Die Gemeinde Judenbach habe das restliche Geld aufgebracht.

Doch wie kann sich eine kleine Kommune wie Judenbach so eine Anlage leisten? Da kommt Albrecht Morgenroth ins Spiel, der seit langer, langer Zeit schon Bürgermeister in Judenbach ist. Und von dem der Enkel von Ali Kurt Baumgarten, Mike Baumgarten, sagt: Ohne diesen Mann würde es das Museum mit seinen verschiedenen Teilen nicht geben.

Tatsächlich man muss Morgenroth nur einige Minuten zuhören, wenn er von den Plänen zur Gründung des Hauses, zur Sanierung des Gebäudes und von deren Umsetzung erzählt, um zu begreifen: Morgenroth weiß ganz genau, wie seine Gemeinde an nicht-eigenes Geld kommen kann, das in Deutschland zahlreich vorhanden ist. Er weiß, welche juristischen Konstruktionen er wählen muss, um mit minimalem Einsatz maximale Ergebnisse zu erzielen. Und wenn er das in der Vergangenheit nicht wusste, hat er Menschen gefragt, die es besser wussten.

So wird das Haus nicht von der Gemeinde betrieben - sondern von der »Stiftung Judenbach«, was den Vorteil hat, dass die Anlage den kommunalen Etat nicht belastet. Das Stiftungsvermögen hat Morgenroth bei Privatpersonen eingeworben. »Ich bin rumgefahren und habe alle angebettelt«, sagt er. Für die Gründung der Stiftung holte er sich den Rat eines Wissenschaftlers. Zudem sorgt Morgenroth akribisch dafür, dass Judenbach von jedem nur möglichen Förderprogramm profitiert. Er schreibt Anträge oder lässt sie schreiben und bessert sie nach, lädt Landespolitiker und hohe Verwaltungsbeamte ein, um sie für den Ort, seine Geschichte und das Museum zu begeistern.

Und er hält den Haushalt der Kommune so in Ordnung, dass Judenbach die Eigenanteile zu den Förderzuschüssen leisten kann; auch mit Mitteln, die andere Bürgermeister in der Vergangenheit nicht anwenden wollten - zum Beispiel, indem er konsequent Straßenausbaubeiträge von den Bürgern erhebt. »Das hat verhindert, dass manche goldene Einsätze in den Straßen haben wollten«, sagt Morgenroth. »Außerdem hat es dazu geführt, dass die Leute selbst darauf geachtet haben, dass andere Leute auch bezahlen.« Dann schiebt er nach: »Dass wir heute die Stiftung und diese Objekt haben, war deshalb nicht nur eine Leistung von mir, sondern auch vom Gemeinderat und von allen Judenbacher Bürgerinnen und Bürgern.«

Letztere profitieren auch dann von der Anlage, wenn sie schon alles über die Judenbacher Spielwaren-Geschichte und Ali Kurt Baumgarten wissen. Weil in dem Museum neben Sanitäranlagen, Duschen und Umkleideräume für Sportler und Wanderer auch ein Indoorspielplatz für Kinder und ein Café untergebracht sind. Ein Projekt eben, das den ländlichen Raum wieder lebenswerter macht.

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