Orgamat statt Organist - wenn eine Maschine Kirchenmusik macht

Bayern: Eine Selbstspieleinrichtung für die Königin der Instrumente beunruhigt die Traditionalisten

  • Aleksandra Bakmaz, Nürnberg
  • Lesedauer: 3 Min.

Anton Holzapfel hat etwas erfunden, das nicht jedem bei der katholischen Kirche gefällt. Es ist ein Aufsatz für die Orgel, der das Instrument zum Spielen bringt. Seine »Organola« ist eine Art Orgelspielautomat (kurz: Orgamat). Er soll eigentlich ein Problem von Pfarrern und Kirchen lösen: den Organistenmangel. Denn vor allem auf dem Land sind die Kirchenmusiker, die ehrenamtlich bei Gottesdiensten spielen, rar.

Der Tüftler aus Schwaben kennt das Problem aus seiner eigenen Gemeinde Ziertheim-Reistingen im Landkreis Dillingen an der Donau. »Wir haben hier eine Organistin, die mehrere Gemeinden bespielt«, sagt der Ingenieur. Er selbst sei auch Organist - »aber kein guter« - und habe sich deshalb mit dem Instrument beschäftigt. »Ich habe gegrübelt, wie man das Problem lösen könnte«, sagt Holzapfel. 1993 meldete er das Patent für seine Erfindung an. Mittlerweile gebe es einen Mitbewerber aus Köln auf dem Markt, sagt Holzapfel. Mehr als 250 Gemeinden hat der Tüftler bereits mit der »Organola« beliefert. Auch immer mehr Klöster würden das Gerät nachfragen, sagt der 59-Jährige. Bis zu 9000 Euro kostet so ein Aufsatz. Doch wie funktioniert die Erfindung genau? Die Selbstspieleinrichtung wird auf die Tasten der Orgel gesetzt, wie Holzapfel erklärt. Elektrische Impulse bringen kleine Filzstößel darin in Bewegung, die auf die Tasten der Orgel drücken und Töne erzeugen. In welcher Reihenfolge die Töne abgespielt werden, bestimmt ein kleines angeschlossenes Gerät, an dem ein USB-Stick hängt. Die Musikauswahl auf dem Datenspeicher trifft der Pfarrer vorher am Computer. Die Lieder werden dann über Funk gestartet.

»Seelenlos« findet das Diözesanmusikdirektor Gerald Fischer. Er ist der Chef der Abteilung Kirchenmusik im Erzbistum München-Freising. In größeren Städten sei das Problem mit dem Organistenmangel ohnehin nicht so ausgeprägt wie vielleicht auf dem Land. Vor allem hauptamtliche Stellen seien immer noch leicht zu besetzen und im Orgelunterricht gebe es auch Nachwuchs, so Fischer. Die evangelische Landeskirche berichtet ebenfalls von regem Interesse an der Ausbildung zum Organisten.

Doch Organisten, die über viele Jahrzehnte den Orgeldienst komplett in einer Gemeinde versehen, gebe es nicht mehr so häufig, heißt es auch. Dafür würden sich Organisten-Teams bilden, die sich den Dienst in einer Gemeinde aufteilen.

So wie auch im ländlich geprägtem Erzbistum Bamberg. Doch da kommt in sehr wenigen Gemeinden schon gelegentlich ein Orgamat zum Einsatz, wie Fischers Amtskollege Professor Markus Willinger erklärt. Auch er zeigt sich wenig begeistert davon. »Kirchenmusik ist unverzichtbarer Teil des liturgischen Geschehens - und an der Liturgie können nur Menschen teilnehmen und keine Maschinen«, betont Bambergs Diözesanmusikdirektor. Und: »Gibt es nach dem Orgamaten auch bald auch einen Pristomaten, wenn der Pfarrer fehlt?«

Dagegen wehrt sich Holzapfel. Er betont, die »Organola« sei nur eine Alternative zum Gottesdienst ohne Orgelmusik. »Sie soll den Organisten nicht ersetzen, ich will damit niemanden verdrängen - nur Musik in die Gotteshäuser bringen.« dpa/nd

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