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  • Gewalt gegen Wohnungslose

»Die Täter suchen sich die Hilfebedürftigsten aus«

Die Geschäftsführerin des Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. spricht im »nd« darüber, dass Täter oft gezielt schwache Wohnungslose angreifen

  • Alina Leimbach
  • Lesedauer: 3 Min.

Frau Rosenke, hat die Zahl der Übergriffe auf Wohnungslose in letzter Zeit zugenommen?
Die Zahlen der Attacken mit tödlichem Ausgang schwanken stark von Jahr zu Jahr. Manchmal sind es 14, dann 17 und im nächsten Jahr wieder fünf Todesfälle, die durch Nicht-Wohnungslose verschuldet sind. Bei den schweren Körperverletzungen sehen wir seit 2012 keinen dramatischen, aber einen kontinuierlichen Anstieg. Was wir sagen können: Gewalt gegen Wohnungslose ist ein Dauerproblem.
Seit 1989 haben wir allein 240 Todesfälle durch Nicht-Wohnungslose Täter gezählt, also im Schnitt etwa acht Todesfälle pro Jahr. Dazu kommen noch erheblich mehr Fälle von schwerer Körperverletzung und zahlreiche Dunkelziffer-Vorkommnisse.

Es ist schwer zu verstehen, dass ausrechnet Wohnungslose Opfer von Gewalt werden. Wer macht so etwas?
Bei Prozessen können wir beobachten, dass es vor allem kleinere Gruppen jüngerer Männer sind, die gewalttätig werden. Sie suchen sich ausgerechnet die hilfebedürftigsten Menschen auf der Straße aus. Die Älteren, die Kranken, die Schlafenden. Sie gehen so brutal vor, dass es an Folter erinnert.

Werena Rosenke
Erneut wurden in Berlin Wohnungslose auf brutalste Art und Weise attackiert: Zwei Männer sind in der Nacht zu Montag am S-Bahnhof Berlin Schöneweide im Schlaf angezündet und schwer verletzt worden. Einer der beiden liegt im Koma. Wer der oder die Täter waren, bleibt bislang unklar. Doch die Fälle dringen immer öfter an die Öffentlichkeit. Alina Leimbach sprach mit Werena Rosenke, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Wohnungslosenhilfe e.V., über Gewalt an den Schwächsten der Gesellschaft.

Und warum?
Vor Gericht lassen die Täter oft eine menschenverachtende Haltung durchblicken. ‚Wir wollten dem Penner eine klatschen‘, sagen sie dann aus. Oft geht es ihnen darum, ein Überlegenheitsgefühl zu demonstrieren, à la: ‚Bei Wohnungslosen interessiert es ja ohnehin niemanden.‘ Die Abwertung der wohnungslosen Opfer ist ein entscheidendes Motiv.

Was müsste Ihrer Meinung nach getan werden, um dieses Problem zu bekämpfen?
Zu erst einmal fehlt derzeit ein Zentralregister. Straftaten gegen Obdachlose werden bislang nicht gesondert erfasst, höchstens unter Hasskriminalität gespeichert. Dort werden aber auch Straftaten gegen Polizisten oder angezündete Porsche gespeichert. Die Übergriffe gegen Wohnungslose werden dadurch unsichtbar. Damit ist den Menschen auf der Straße natürlich noch nicht geholfen, aber es wäre ein erster Schritt.

Was wäre dann der Zweite?
Am wichtigsten wäre es, wenn wohnungslose Menschen wieder eine eigene Wohnung beziehen könnten. Die eigenen vier Wände sind der beste Schutz. Aber was wir derzeit erleben ist, dass es eine steigende Zahl wohnungsloser Menschen gibt.

Manche sagen ja, dass diese steigenden Zahlen vor allem an Flüchtlingen liegen. Sehen sie das auch so?
Nein. Schon seit etwa 2009, also weit bevor 2015 viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, steigt die Zahl der Wohnungslosen. Wir beobachten, dass es immer mehr Menschen mit sehr niedrigem Einkommen gibt, denen eine geringer werdende Zahl an bezahlbaren Wohnungen gegenübersteht. Das führt entweder öfter selbst in die Wohnungslosigkeit, oder macht es schwer, wieder daraus herauszukommen.

Keine einfache Situation für die Wohnungslosen.
Richtig. Wohnungslose sind gegenüber Nicht-Wohnungslosen bei der Wohnungssuche zusätzlich benachteiligt. Sie sind stigmatisiert, haben oftmals Schulden und einen Schufa-Eintrag. Deswegen fordern wir als Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe eine Quote für Wohnungslose im sozialen Wohnungsbau.

Reichen der Wohnungslosenhilfe denn die finanziellen Mittel für die Menschen?
Viele Angebote für Wohnungslose – vor allem im niedrigschwelligen Bereich - sind sogenannte freiwillige Leistungen der Kommunen und somit unter Umständen von Kürzungen bedroht. Dazu kommt, dass es immer mehr obdachlose Menschen gibt, aber keine entsprechende Aufstockung der Infrastruktur. Die jetzige Kostenausstattung wird absehbar nicht mehr reichen.

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