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  • Filmklassiker »Papillon«

Lebendig begraben in der Tropenhölle

Das Remake des Filmklassikers »Papillon« von Michael Noer ist nicht viel mehr als seelenlose Konfektionsware

  • Gunnar Decker
  • Lesedauer: 6 Min.

Gefängnisse sind klaustrophobische Orte. Halb Raubtierkäfig, halb dunkles lichtloses Loch. Daran haben auch Reformgefängnisbauten wie das nach dem »Philadelphia-Prinzip« (Licht, Gott und Kontrolle!) vor mehr als hundert Jahren gebaute Gefängnis Berlin-Tegel nichts geändert. Die Schlüssel zur Eisentür hat immer ein anderer - und der die Schlüssel hat, hat die Macht.

Auch davon handelt der autobiographische Roman »Papillon« von Henri Charrière, einem Pariser Einbrecher und Juwelendieb, der - weil er sich mit den falschen Leuten anlegte - in den 1930er Jahren für einen Mord zu lebenslanger Haft verurteilt wird, den er gar nicht begangen hat. Er kommt nach Französisch-Guayana in die Strafkolonie St. Laurent. Die Worte, mit denen der Gefängnisdirektor die Neuankömmlinge begrüßt, brennen sich ihm ein: »Ihr existiert nicht mehr für Frankreich. Frankreich hat euch abgeschrieben. Vergesst Frankreich!« So beginnt das Dasein von in der Tropenhölle lebendig Begrabenen.

Lagererzählungen sind immer eine Art »Aufzeichnungen aus einem Totenhaus«, wie Dostojewski den Roman seiner sibirischen Verbannung nannte. Man träumt von nichts anderem als davon, dass man selbst wieder entscheiden kann, ob sich eine Tür öffnet oder schließt. Auch Charrières Roman berichtet von diesem nicht nachlassenden Willen, sich nicht für immer wegsperren zu lassen. Aber es sind mehr als bloß Fluchtträume, es sind sehr konkrete Fluchtpläne, denen Taten folgen. Beim ersten Fluchtversuch kommt er zwei Jahre in Einzelhaft, weil er sich weigert, Namen preiszugeben, bei halber Ration und in Dunkelhaft. »Er stirbt!« konstatiert der Gefängnisdirektor kühl seinen Zustand. Aber er stirbt nicht, er hat ja noch etwas Wichtiges vor: seine Flucht. Beim zweiten Mal sind es fünf Jahre Einzelhaft - der Mensch ist ein Wrack, aber er hat immer noch ein Ziel, das ihn aufrecht hält.

Dass dies ein Filmstoff ist, weißt man nicht erst seit heute. 1973 drehte Franklin J. Schaffner den Filmklassiker »Papillon« mit Steve McQueen als Papillon und Dustin Hoffman als Fälscher Dega, ein Kammerspiel vor großer Kulisse. Man könnte jetzt von diesem immer noch taufrisch wirkenden Film schwärmen. Wie er menschliche Abgründe mit kleinen Heldentaten verwebt, wie er inmitten einer Tropenhölle eine groteske Gefängnisszenerie aufblühen lässt. Lauter giftige Blumen mitten im schier unendlichen Sumpf.

Aber es geht ja nicht um Schaffners Meisterwerk, sondern um ein Remake gleichen Namens in der Regie des Dänen Michael Noer. Die entscheidende Frage dabei ist: Hat er wirklich gute Gründe, dies zu tun? Denn die braucht, wer sich mit dem »Papillon« von 1973 in den Ring begibt. Im Interview sagt Noel, warum er ausgerechnet diesen Film nochmal drehen wollte: »Mein Debütfilm ›R‹, mit Tobias Lindholm als Co-Regisseur, war ebenfalls ein Gefängnisfilm, aber ich komme auf das Genre, das Buch und den Originalfilm nicht etwa wegen einer Gefängnisbesessenheit zurück. Vielmehr faszinieren mich einfach gewisse Ähnlichkeiten eines Gefängnisses mit einer Theaterbühne: Jeder hat dort eine Rolle zu spielen.«

Ist eine Art Besessenheit für das Thema Eingesperrt- und Ausgeliefertsein nicht doch unbedingt notwendig, unternimmt man es, einen Film über den qualvollen Existenzkampf Papillons zu drehen? Aber das sind alles verbale Vorspiele. Wer ein Remake dreht, der hat entweder ganz große Ambitionen, will etwas frisch und frech geraderücken, es anders lesen, als es das Original tat, oder aber er hat gar keine eigenen Ambitionen: Man dreht etwas gut Verkäufliches noch mal nach, geht auf Nummer sicher. Und Noel?

Ich bin mir nicht sicher, dass er gar keinen künstlerischen Ehrgeiz hat - aber das filmische Ergebnis ist trotz des großen technischen Aufwands, den er treibt, überaus dürftig. Ein seelenloser Actionfilm von der Stange, solide gemacht. Aber wozu bloß, wenn er das Original in jedem Punkt unterbietet?

Schaffners Filmklassiker vertraute ganz auf das Zusammenspiel von Steve McQueen und Dustin Hoffman, zwei Charakteren, wie sie gegensätzlicher nicht sein konnten, immer tiefer verwoben in die gleiche Geschichte. Ihr Schicksal ist es, dennoch aufeinander angewiesen zu sein. Der eine, ein schlagkräftiger Ganove, bietet dem anderen, einem zerbrechlich wirkenden Fälscher, einen Pakt an: Papillon beschützt Louis Dega vor den gefährlichen Mithäftlingen, dafür finanziert ihm dieser seine Flucht. Aus dem schnöde begonnenen Handel zweier Krimineller wird ein echtes Drama; Kampf, Freundschaft, Treue und Verrat treiben sich gegenseitig hervor - das schlägt den Zuschauer noch in seinen kleinsten Nuancen in Bann. Wie gesagt, bei Steve McQueen und Dustin Hoffman.

Michael Noel besetzt die beiden Rollen für sein Remake in vorauseilendem Fatalismus den Marktgesetzen gegenüber nicht mit zwei Charakterschauspielern (die gibt es auch heute noch), sondern mit zwei Seriendarstellern: Charlie Hunnam als Papillon und Rami Malek als Dega. Beide taugen gewiss als Teenagerschwarm, doch die herbe Poesie eines Gefangenenlagers unterhalb der Actionebene stellt sich nicht ein. Die unstillbare Getriebenheit Papillons einerseits, dem andererseits der verquer-zuverlässige Dega zur notorisch vernünftelnden Bremse seines selbstmörderischen Tuns wird - das können beide nicht zeigen. Sollen sie wohl auch nicht.

Die szenische Abfolge beider »Papillon«-Filme ist auffallend ähnlich, obwohl im Remake als Drehbuchautor Aaron Guzikowski angegeben wird, folgt man auch hier weitgehend dem ursprünglichen »Papillon«-Drehbuch von Dalton Trumbo und Lorenzo Semple. Kameramann war der Berliner Hagen Bogdanski, der bei so unterschiedlichen, aber durchaus überschaubaren Filmaufgaben wie »Otto - Der Katastrophenfilm« und »Die Unberührbare« hinter der Kamera stand. Und nun großes Panorama und intimstes Zweierspiel zugleich, ja mehr noch: die jahrelange Einsamkeit einer Dunkelzelle! Die Kameraführung passt zum Regiestil: Konfektionsware, die nach dem Prinzip äußerlicher Ähnlichkeit funktioniert, aber im Innern befremdlich leer wirkt.

Noer beginnt sein Remake im quirligen Nachtleben von Paris, zeigt Papillon in seinem Element als Dieb, der den Frauen gefällt. Bei Schaffner kam Frankreich nur in dem Moment vor, als Papillon das Land verließ: der triste Gang der Gefangenen durch die Stadt, zum Hafen, zum Gefangenenschiff, das sie fortbringt. Ein düster-konsequenter Beginn eines unaufhaltsam sich vollziehenden Dramas.

Wer mit einer Kopie antritt, muss sich am Original messen lassen. Und der Vergleich fällt in allen Punkten zugunsten des »Papillon« von 1973 aus. Wie erzielt man eine beklemmende oder eine panische Wirkung, wann blendet man sinnvollerweise bei einer Gewaltszene ab? Da könnte der Geradedrauflosfilmer Noer einiges bei Schaffner lernen.

Die alte »Papillon«-DVD, die angesichts dieses überflüssigen Remakes jedem ans Herz gelegt sei, enthält auch eine Dokumentation, in der der greise Ex-Häftling und Erfolgsautor Henri Charriére 1973 die Originalschauplätze in Französisch-Guayana besucht. Ein Satz von ihm, der mich am meisten berührt: »Wir waren hier immer krank, immer.«

»Papillon«, USA 2017. Regie: Michael Noer. Darsteller: Charlie Hunnam, Rami Malek. 133 Min.

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