Neue Ideen für die Schiene

Industriemesse Innotrans zeigt neue Technologien für den energieeffizienten Bahnverkehr

  • Von Rainer Balcerowiak
  • Lesedauer: 3 Min.

Alle zwei Jahre verwandelt sich das Messegelände am Berliner Funkturm für eine Woche im September in eine Art Disneyland für Bahnfreunde. Auf der InnoTrans präsentieren seit Dienstag über 3000 Produzenten und Mobilitätsanbieter aus 61 Ländern ihre Neuentwicklungen und Konzepte - teilweise »zum Anfassen« auf dem großen Freigelände.

Im Mittelpunkt der Leitmesse der Branche stehen Digitalisierung und Energieeffizienz als Basis für den Ausbau des Personenverkehrs. Der wird von Branchenvertretern und Fachpolitikern einhellig als zentrale globale Herausforderung für die Entwicklung der Infrastruktur sowohl in Städten und Ballungsräumen als auch in der Fläche angesehen.

Ein besonderer Schwerpunkt ist diesmal die Elektromobilität im öffentlichen Personennahverkehr. So präsentiert das niederländische Unternehmen VDL einen E-Bus, der aufgrund neuer Batterie- und Ladetechnologien eine Reichweite von bis zu 150 Kilometern erzielt und in 40 Minuten komplett »aufgetankt« werden kann. Im kommenden Jahr werden die ersten Fahrzeuge dieser Reihe ausgeliefert. Die Stadt Amsterdam will ihren gesamten Busverkehr bis 2025 auf Elektrofahrzeuge umrüsten, schon jetzt sind dort rund 100 E-Busse im Einsatz. London, Paris, Kopenhagen, Barcelona und Mailand verfolgen ähnlich ambitionierte Ziele. Das gilt auch für einige Städte in Kanada, den USA und vor allem in China.

Wie sehr diese Entwicklung in Deutschland verschlafen wurde, zeigen die Vergleichszahlen für Berlin. Dort sind derzeit vier E-Busse im Einsatz, im kommenden Jahr beginnt die Auslieferung von 30 weiteren Fahrzeugen. Zur Erneuerung des teilweise maroden, insgesamt 1400 Busse umfassenden Bestands werden von der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) »zur Überbrückung« ab dem kommenden Jahr aber auch bis zu 950 neue dieselbetriebene Busse bestellt. Eine Abnahmeverpflichtung bestehe allerdings nicht, so die BVG. Die Beschaffung sei abhängig von der Marktentwicklung bei den E-Bussen.

Auch bei den schienengebundenen Fahrzeugen steht das Ziel eines weitgehend emissionsfreien Verkehrs im Mittelpunkt. Vorgestellt werden auf der Messe Regionalzüge, die nicht elektrifizierte Streckenabschnitte von bis zu 120 Kilometern mit einer Batterieladung überbrücken können. Für längere Strecken hat eine weitere Technologie inzwischen Serienreife erlangt: Am Sonntag startete der weltweit erste mit elektrischer Energie aus Wasserstoff betriebene Zug zu seiner Premierenfahrt in Niedersachsen. Der von der Firma Alstom in Salzgitter gebaute Regionalzug »Coradia iLint« verbindet die Städte Bremervörde, Cuxhaven, Bremerhaven und Buxtehude und hat mit einer Tankfüllung eine Reichweite von 1000 Kilometern. Bis 2021 sollen in Niedersachsen 14 dieser Züge rollen.

Eine weitere Neuheit auf der InnoTrans betrifft die Berliner S-Bahn, die in jüngerer Vergangenheit geradezu zum Sinnbild des Niedergangs des deutschen Schienenverkehrswesens geworden ist. Das Firmenkonsortium Stadler/Siemens stellte am Montag auf dem Freigelände den Prototyp der neuen Baureihe 483/484 vor. Die in Berlin produzierten Züge sollen ab 2021 auf der Berliner Ringbahn und einigen südöstlichen Streckenabschnitten eingesetzt werden.

Zusammenfassend zeigt sich: Die Technologien für effiziente, umweltschonende Verkehrssysteme haben sich rasant entwickelt und vielfach bereits die Anwendungsreife erreicht. Das gilt sowohl für den Nahverkehr mit Bussen und Bahnen, als auch für den Regionalverkehr und den Personen- und Güterfernverkehr. Doch aufgrund politischer Weichenstellungen in den vergangenen Jahren ist Deutschland auf diesem Weg mittlerweile weit zurückgefallen. So ist der Anteil der Schiene am Gütertransport 2017 erneut gesunken, auf 16,9 Prozent. Masterpläne früherer Bundesregierungen gingen dagegen von einer Steigerung auf 25 Prozent im Jahr 2015 aus. Zuletzt wurde diese Zielmarke 2012 im Fortschrittsbericht der Bundesregierung zur »Nachhaltigkeitsstrategie« bekräftigt. Beim nächsten Bericht im Jahr 2016 war davon dann keine Rede mehr.

Bis einschließlich Freitag ist der Besuch der InnoTrans den rund 130 000 registrierten Fachbesuchern vorbehalten. Am Sonnabend und Sonntag öffnet die Messe von 10-18 Uhr ihre Tore dann für alle Interessierten, der Eintritt kostet drei Euro.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung