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Chile ist aufgewacht

Die Soziologin Pierina Ferretti über die Ursachen der Proteste, die in der neoliberalen Politik seit der Diktatur Pinochets wurzeln

  • Von Caroline Kim
  • Lesedauer: 4 Min.

Wie kam es zu dieser Explosion der Proteste in Chile?

Das, was gerade in Chile passiert, ist ein Ausdruck eines sozialen Unbehagens, das sich seit langer Zeit in den verschiedenen sozialen Schichten aufgestaut hat. Daher diese enormen Proteste, die sich gerade über das ganze Land ausbreiten. Jetzt sind in jeder Stadt und in jedem Dorf, auch dort, wo es noch nie Proteste gegeben hat, Leute auf der Straße. Das spiegelt einen großen Unmut wider, die Erschöpfung, den Druck, den viele hier spüren.

Was bringt die Menschen dazu, seit Tagen auf der Straße zu sein?

Wir haben Angst, krank zu werden, Angst vor dem Alter, weil die Renten miserabel sind. Unsere Arbeit ist extrem flexibilisiert und prekär, einen festen Job zu finden ist schwierig, die Lebenshaltungskosten sind hoch und soziale Rechte gibt es nicht. Bildung zum Beispiel ist teuer, die Studiengebühren für eine öffentliche Uni des chilenischen Staats können umgerechnet locker 500 Euro monatlich betragen. Der Durchschnittslohn in Chile liegt bei etwa 640 Euro; 50 Prozent verdienen noch weniger, bis etwa 370 Euro. Die Renten liegen bei 260 Euro im Schnitt. Mit solchen Löhnen und Renten ist es unmöglich zu leben. Die Menschen haben diese Realität und diese Lebensbedingungen gründlich satt und das ist das, was gerade explodiert.

Gegen wen richtet sich dieser Ausbruch?

Es gibt ein wachsendes Misstrauen gegenüber den staatlichen Institutionen, politischen Parteien, dem Parlament, den Unternehmen. Das vorherrschende Gefühl ist, dass alle Institutionen von Eliten geleitet werden, die nur für ihre eigenen Interessen und Vorteile regieren und Gesetze machen - alles auf Kosten der Bevölkerung. Es gab sehr viele Fälle von Korruption im Militär, bei der Polizei, im Innern des Staates. Fälle, in denen der Staat großen Unternehmen Millionen an Steuerschulden erlassen hat, während er zugleich die kleinen Schuldner, die normale Bevölkerung verfolgt und bestraft.

Es hat sich das Gefühl breitgemacht, dass das System nur den Mächtigen nutzt und der Mehrheit der Leute schadet, denen, die von ihrer Arbeit leben und sich dafür sehr anstrengen müssen. Es gibt ein immer größeres Bewusstsein darüber, dass sich bestimmte Teile der gesellschaftlichen Elite permanent auf Kosten der breiten Bevölkerung bereichern.

Welche Rolle spielt die rechte Regierung von Präsident Sebastian Piñera?

Sie hat die Wahlen mit einem Diskurs über Reaktivierung der Wirtschaft, Schaffung von Arbeitsplätzen, Verbesserung der Lebensbedingungen und Zugang zu Konsum gewonnen. Der Slogan war: »Es kommen bessere Zeiten.« Dieses Versprechen wurde nicht eingehalten, im Gegenteil. Piñera repräsentiert die Unternehmerklasse und symbolisiert jene Elite, die sich auf Kosten der Bevölkerung bereichert.

Nicht erst seit gestern. Daher auch der Demospruch: »Es sind nicht 30 Pesos, sondern 30 Jahre«, in Anspielung auf den Auslöser der Proteste, die Erhöhung der Preise für den Nahverkehr.

Das ist eine der wichtigsten der vielen Parolen, die gut zusammenfassen, was auf der Straße passiert. Der Neoliberalismus in Chile ist nicht der der 1990er Jahre wie anderswo in Lateinamerika, sondern stammt aus einer Phase, die mit der Diktatur beginnt. Dieses Modell findet also seit Ende der 1970er Jahre Anwendung, und nach 40 Jahren Neoliberalismus werden die sozialen Auswirkungen immer spürbarer und radikaler. Das ist die materielle Basis dieses Ausbruchs. Es ist der Unmut des neoliberalen Chile. Chile ist aufgewacht, und wir werden so lange auf der Straße sein, bis es sich zu leben lohnt.

Wer sind die Menschen, die jetzt auf die Straße gehen?

Es ist eine massenhafte Bewegung von unten, die die chilenische Bevölkerung in ihrer Verschiedenheit repräsentiert. Eine der Konsequenzen aus 40 Jahren Neoliberalismus ist die stark segmentierte Bevölkerung, es ist keine homogene Gruppe, im Gegenteil. Es sind prekäre, ungelernte Arbeiter*innen, aber auch viele junge ausgebildete Leute, mit Uniabschluss, vielleicht die ersten in ihrer Familie, die zur Uni gegangen sind, aber deren Lohn nicht zum Leben reicht. Die nach Feierabend noch Uber fahren müssen, um bis zum Monatsende durchzukommen. Leute aus einer prekarisierten Mittelklasse, die zwar Zugang zu Konsum haben, aber ständig überarbeitet sind. Und daher immer wieder in die Schuldenfalle geraten.

Auch ein Teil der Menschen aus den reichen Vierteln machen cacerolazos, Kochtopfproteste. Das ist sehr beeindruckend, sie auf der Straße zu sehen. Auch sie greifen die Slogans mit Forderungen nach einem lebenswerten Leben auf, obwohl sie nicht unter der Prekarisierung des Alltags leiden, obwohl sie selbst Teil der Elite sind, die in Frage gestellt wird.

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