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Schüttet den Keller zu!

Über die Treue zu Trainern und den Unsinn des Videobeweises sinniert Christoph Ruf

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

Es ist kaum zu glauben, aber auch in diesem Jahr wird an Heiligabend kein Fußball gespielt. Und das trotz der Begehrlichkeiten der TV-Sender, die ja am liebsten alle 28 Spiele der Ligen eins bis drei zu separaten Uhrzeiten übertragen würden - mit Hilfe von 29 Decodern, die einzeln zu erwerben sind.

Aber wir wollen das Jahr 2019 nicht mit Gemecker ausklingen lassen. Es gab ja tatsächlich auch viel Positives im Fußballzirkus. Die Tabellenspitze ist da ausdrücklich ausgenommen. Zwar ist es misslich, dass sechsjährige Kinder keine andere Kanzlerin als Angela Merkel und keinen anderen Meister als die Bayern kennen, doch das erscheint angesichts der Herbstmeisterschaft von RB Leipzig in viel gnädigerem Licht. Kinder müssen auch mal Geduld lernen. Wer sechs Jahre überstanden hat, übersteht auch sieben. Und vielleicht wird ja doch noch Gladbach Meister.

Aber jetzt mal zu etwas wirklich Positivem: Es scheint nämlich, als hätten die Vereine in diesem Jahr etwas dazugelernt. Zum Beispiel, dass man über den Wert der Kontinuität nicht überzeugend sprechen kann, wenn man die Trainer dreimal pro Saison wechselt. In dieser Halbserie gab es genau drei Rauswürfe, weit weniger als sonst. Alle drei - in Mainz, in Köln und bei Hertha BSC Berlin - waren zudem nicht überhastet. Zumindest in Mainz und Berlin war offensichtlich, dass die Verantwortlichen gerne an Sandro Schwarz und Ante Covic festgehalten hätten. Sie reagierten erst, als wirklich vieles auf einen Abstieg hindeutete. Großen Respekt deshalb auch vor Werder Bremen, das bei den vier Niederlagen gegen Paderborn, Mainz und die Bayern mitleiderregend schwache Auftritte hinlegte und in Köln nicht viel besser war. Trainer Florian Kohfeldt steht deswegen trotzdem nicht zur Disposition. Offenbar gibt es an der Weser in verantwortlicher Position Menschen, die über den kommenden Spieltag hinausdenken und das Große und Ganze im Blick behalten. Und das kann im Fußball manchmal auch mit dem Gefühl zu tun haben, dass sich zwischen Trainer und Verein eine echte Verbindung aufgebaut. Markus Gisdol kann in Köln schlecht oder gut arbeiten, die Prognose sei gewagt, dass er dort (im Gegensatz zu Peter Stöger) keine Spuren hinterlassen wird. Das Gleiche gilt für 80 Prozent seiner Kollegen bei 80 Prozent der Vereine. Wer sich mit Dauerkartenbesitzern - Ausnahme sind hier allenfalls Vereine wie der SC Freiburg - eines x-beliebigen Erst- oder Zweitligisten unterhält, stellt eines mit Erstaunen fest: Die Damen und Herren können oft die absurdesten Details aus den Spielen der zurückliegenden Dekaden referieren. Wer aber der viertletzte Trainer ihres Vereins war, wissen sie spontan nicht mehr. Zu unwichtig. Bei Kohfeldt hat offenbar auch die Vereinsführung gemerkt, dass hier einer arbeitet, der kein Wappen küssen muss, damit man ihm abnimmt, dass der Verein etwas Besonderes für ihn ist. Zudem hat der Verein wieder ein fußballerisches Profil, Werder spielte in der vergangenen Saison einen unverwechselbaren, auf Ballbesitz und Tempo basierenden Kombinationsfußball.

Täuscht mein Eindruck oder drücken gerade viele Fußballfans, die einen ganz anderen Erstverein haben, zumindest mit einem Viertel ihres Fingers Werder die Daumen? Ich meine das aus einigen Gesprächen in so unterschiedlichen Städten wie Freiburg, Stuttgart, Berlin oder Hamburg-St. Pauli herausgehört zu haben. Das wäre dann ein Indiz, dass die Leute das Gerede von den »Branchenmechanismen« als hohle Phrase entlarvt haben und es zu schätzen wissen, wenn Funktionäre Überzeugungen haben und danach handeln. In diesem Sinne hat Werder, das noch vor 20 Jahren ein überregional belangloser Regionalverein war, sich in den letzten Jahrzehnten etwas aufgebaut, das es jetzt nicht wieder mit dem Hintern umwerfen will.

Gut so - im Gegensatz zum Videobeweis. Die akademischen Diskussionen über missbräuchliche und korrekte Anwendungen interessieren mich da nicht mehr. Ich bin es satt zu sehen, wie Tore zurückgepfiffen werden, weil die Schuhspitze des rechten Fußes 0,8 Zentimeter im Abseits stand. Zumindest dann, wenn im Gegensatz reihenweise Elfmeter gepfiffen werden, bei denen jeder Dreijährige erkennen würde, dass sie unberechtigt sind. Lasst den VAR im Kölner Keller, evakuiert die Menschen, kappt die Stromverbindungen. Und schüttet so viele Tonnen Zement in die Grube, bis das Elend ein Ende hat!

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