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Den Tod auslachen

Folge 4: Die Zote

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Zote hat nicht zu Unrecht einen schlechten Ruf. Zumeist wird sie eingesetzt, um den herrschenden Chauvinismus mit Wucht noch in die kleinsten und abgeschottetsten Räume zu tragen, um immer wieder neu jene zu sexualisieren und zu verlachen, die ohnehin schon die Hässlichkeit der Ungleichheit regelmäßig spüren müssen. Doch wird alles in den Händen bzw. Mündern derer, die unhinterfragt der Aufrechterhaltung der falschen Verhältnisse dienen, zur Waffe, auch sämtliche Mittel der Komik. Wert haben sie trotzdem. Ja, sie gehören zum Besten, was die Menschheit in den insgesamt eher misslungenen Jahrtausenden der Herrschaft über den Planeten geschaffen hat.

Denn selbst die Zote, der obszöne Scherz, ist nicht umsonst auch dort ein beliebtes Mittel zur Erheiterung, wo im besten aller Fälle die Gewalt des Gesellschaftlichen entschärft, für Augenblicke zum Verschwinden gebracht werden kann: in sämtlichen Intimverhältnissen, die die menschliche Sexualität zur Verfügung stellt. Wobei noch nicht mal Sex für die gelegentliche Magie der Zote nötig ist. Auch die Intimität des platonischen Verhältnisses kann (muss aber keinesfalls) sich über die gelegentliche Sexualisierung des Harmlosen sowohl der Intimität vergewissern - so etwas gestattet man nun mal nicht jedem - als auch des Platonischen, also die ja doch schon immer irgendwie dräuende Sexualität im Wort erschöpfen.

Komik und die sie ermöglichende Haltung namens Humor sind exklusiv menschliche Eigenschaften, auch wenn der empathische Mensch sie auch im Tier, bevorzugt dem eigenen Haustier, auszumachen wünscht. Das menschliche Lachen ist weit mehr als eine Geste der Freundschaft, der Harmlosigkeit, der Aggression, der Verachtung oder als welches Signal das Lachen im Tierreich noch auftreten mag. Es ist eine Notwendigkeit, so sehr, dass es auch als Kommunikation mit einem selbst auftreten kann. Man kann sich selbst nicht zum Lachen kitzeln, aber sehr wohl Gedanken finden, die einen lachen machen.

Das ist eine fundamentale Funktion des Denkens, das den Menschen vom Tier scheidet.

Das Tier gerät im Angesicht des Todes in Panik, erstarrt oder wütet, rast auf die Gefahr zu. Der Mensch, ständig im Bewusstsein seiner Sterblichkeit, hat einen gelegentlich wunderbaren Weg gefunden, nicht immer das eine oder andere zu sein oder tun zu müssen: den Tod auszulachen, sprich: Humor zu haben. Die initiale und lang anhaltende Nähe der Komik zur Brutalität und Körperfunktion (man lese etwa »Don Quijote«) ist nicht verwunderlich; es ist der immer wieder neu errungene Sieg über die dem Körper eingeschriebene Angst vorm Tod.

Komik ist menschliche Kultur wie Natur. So wie sie aus den Zwängen der tierischen Natur zu befreien vermag, so kann sie aus den Zwängen der Gesellschaft, die sich der Mensch geschaffen hat (unter anderem dank der Fähigkeit zum bewussten Lachen) für Momente befreien, indem sie auf die Natur, etwa in Form des vermaledeiten Fickenwollens, zurückverweist. Die Zote, das Lachenmachen unter dem Niveau der Zivilisation, ist übrigens auch nur im wesentlichen sexualisiert, weil sich die Zivilisation mit nichts anderem so schwer tut wie mit der Sexualität, vor allem der nicht mehrheitlich genormten.

Die Zote trägt, wenn auch nur für Momente, die Momente der Befreiung genauso in sich wie jede andere Witzform. Zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten zelebriert, ist sie ein Vergnügen, das die Kakerlaken, deren kommende Weltherrschaft die Menschheit rabiat und unaufhaltsam vorbereitet, vermutlich noch nach Jahrmillionen Evolution nicht verspüren werden.

Und für diese Leistung, darüber und damit zu lachen, was im Tierreich selten ohne Gewalt zu haben ist: Sex, sollte sich die Menschheit in ihren letzten Zügen noch einmal beglückwünschen - noch mal vor sich ordentlich auf die Knie gehen. Danke. Weitermachen!

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