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Lecker Kaffee aus dem Pfandbecher

In Neukölln lassen sich Gastronomie-Betriebe vom Bezirk mit Mehrwegsystem ausrüsten

Der Milchschaum des Cappuccino dreht sich leicht in der Tasse. Langsam wird ein Teddybären-Gesicht erkennbar. Andere Cappuccini zieren ein Herz oder eine Blume. Mesut Can vom Café dots in der Neuköllner Weserstraße versteht sein Geschäft. »Wir hatten bisher keine Pfandbecher, weil es nur diese riesigen Becher gab. Aber weil es jetzt kleinere Größen gibt, sind wir eingestiegen«, erzählt Can. Er und sein Team haben Anfang März ein ReCup-Starterpaket vom Bezirk Neukölln übernommen. Dieses enthält neben den Bechern auch die einjährige Mitgliedschaft bei ReCup.

»Wir achten sehr auf Nachhaltigkeit«, beschreibt Can sein Konzept. Neben unterschiedlichen Kaffeespezialitäten gibt es im Café auch frischen Kuchen - fast alles biologisch. Mit den neuen Mehrwegbechern hat er gute Erfahrungen gemacht: »Wir haben die aufgestellt, und sie wurden uns sprichwörtlich gleich aus der Hand gerissen«, berichtet er.

Zehn Starterpakete hat der Bezirk Neukölln an Gastronomen vergeben. Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) findet es »erschreckend«, wie viele Einwegbecher im Bezirk anfallen und oft nachlässig in Grünanlagen und auf die Straße hingeworfen werden. »Hier kann jeder einzelne etwas tun«, findet er. Berlinweit werden rund 480 000 Einwegbecher täglich verbraucht. Hikel bemüht die Metapher einer Lawine, um zu beschreiben, was er vorhat: »Wir beginnen mit einem kleinen Schneeball, und irgendwann soll daraus eine Lawine der Nachhaltigkeit werden, die den Bezirk fluten soll.«

Seit 1956 existiert der Blumenladen Weyer an der Sonnenallee, Ecke Jansastraße. Dirk Weyer führt ihn nun in der dritten Generation - Nachhaltigkeit ist quasi Geschäftsgrundlage. »Im Blumenbereich haben die Großhändler die Mehrwegcontainer gerade abgeschafft. Ich habe gar keine Chance mehr, an Pflanzen in Mehrwegbehältnissen zu kommen«, klagt er. »Da müsste man sich mal drum kümmern«, so Weyer.

Zum Blumenladen gehört seit einigen Jahren auch das kleine Café Weyer. Das hatte bisher keine eigenen Mehrwegbecher im Angebot und ist jetzt auf das ReCup-System umgestiegen.

Die Mehrwegbecher stelle er vorne hin, um sie anzupreisen, doch auf Einweg-Pappbecher möchte er aus Umsatzgründen dennoch nicht verzichten, erklärt Dirk Weyer.

»Manche Menschen sind einfach noch nicht so weit. Da muss es bei vielen erst mal rattern«, beschreibt er seine Erfahrungen. Gelegentlich stehe er auch durchaus ratlos in seinem Laden. »Manchmal nehmen Leute einen Einwegbecher und trinken den vor dem Laden aus, obwohl wir immer fragen, ob sie den Kaffee hier trinken oder mitnehmen wollen. Dann kommen die rein und bestellen noch einen im Einwegbecher, den sie wieder vor dem Laden austrinken. Darauf angesprochen, reagieren sie oft ertappt und verständnislos«.

Rund 1100 Ausgabestellen für Pfandbecher gibt es mittlerweile in Berlin. Seit 2017 treibt der Senat das Better-World-Cup-System voran. Dabei geht es - im Gegensatz zu ReCup - nicht um ein bestimmtes Bechersystem, sondern vor allem darum, dass man seinen eigenen Becher in Cafés, Restaurants und Imbissen wiederbefüllen kann. »Die Systeme greifen ineinander«, erklärt Tamara Fischer von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Im Herbst hat der Berliner Senat rund 163 000 Euro lockergemacht, um eine Spülmöglichkeit für kleine Ausgabestationen ohne Wasseranschluss durch ReCup entwickeln zu lassen (»nd« berichtete).

Für Max Ceburkov von ReCup ist die Zusammenarbeit mit dem Berliner Senat und dem Bezirk Neukölln ein Segen. »Die Zusammenarbeit mit Städten ist essenziell. Das ist ein gewaltiges Sprungbrett für uns«, sagt er. Ceburkov arbeitet seit eineinhalb Jahren bei ReCup, das in Rosenheim entstand. »Es geht uns derzeit um die Entwicklung einer externen Spüllogistik für Läden, die auf und an S-Bahnhöfen Getränke verkaufen.« Außerdem entwickele die Firma eine Lunchbox für Lebensmittel to go.

Beziffern lässt sich der Erfolg der Bemühungen zur Etablierung eines Berliner Mehrwegsystems beim Kaffee derzeit noch schwer. Bundesweite Verkaufszahlen beruhen auf magerer Datenlage. Für Berlin wurden diese Zahlen einfach heruntergerechnet, teilte die Senatsverwaltung mit.

Auch die BSR kann nicht mit Zahlen dienen, die einen Erfolg oder Misserfolg der Berliner Pfandbecherbemühungen belegen würden. »Wir zählen die Einwegbecher nicht getrennt«, heißt es aus der Pressestelle. Vom Café-Betreiber Cuccis, der vor allem auf Bahnhöfen präsent ist, war bis Redaktionsschluss kein Statement zur Machbarkeit eines Pfandsystems in seinen Einrichtungen zu bekommen.

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