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Zum Glück gezwungen

Die DDR-Sportführung schickte Joachim Franke vom Eishockey zum Eisschnelllauf - er wurde Deutschlands erfolgreichster Trainer. Jetzt feiert er seinen 80. Geburtstag

  • Von Frank Thomas
  • Lesedauer: 3 Min.

Erst ein Dresden-Trip mit seiner Frau Ingrid samt eines Besuchs des Balletts »Carmen« in der Semperoper. Später eine Party mit Familie, Freunden und einigen Olympiasiegern, bei der mit einem Gläschen auf den 80. Geburtstag angestoßen werden sollte. Doch die Coronakrise machte alle Planungen zunichte. »Jetzt werde ich wohl am Montag auf dem Ergometer sitzen und mich fit halten. Wenn das Wetter mitspielt, auf dem Balkon«, sagt der Jubilar Joachim Franke.

Zu seiner »zweiten Sportart« war der passionierte Eishockeyspieler und bis heute erfolgreichste deutsche Eisschnelllauf-Trainer durch das Geheiß von ganz oben gekommen. »DDR-Sportchef Manfred Ewald hatte nach der WM 1970 in Stockholm und vor der Berufung der Olympiamannschaft erklärt, dass sich die Eishockeyspieler den Traum von Olympia 1972 abschminken können«, erinnert sich Franke. Das sei ein Schock gewesen, auch für ihn. Franke hatte seine Karriere nach 127 Länderspielen zwar 1968 beendet. Doch mit 28 Jahren arbeitete er als jüngster Coach der DDR-Oberliga in seiner Heimat Weißwasser und holte mit Dynamo vier Titel in Serie.

Das Ende der Förderung der nicht »medaillenintensiven Sportart« durch die Sportführung bedeutete auch für ihn eine erzwungene Veränderung. »Viele Trainer mussten in andere Sportarten wechseln. Mich überredete man mit einer Drei-Zimmer-Wohnung in Berlin, zum Eisschnelllauf zu gehen. Heute ist das kaum noch vorstellbar«, meint er. Was dann begann, war eine unvergleichliche Trainerkarriere. Dank methodischen Geschicks, dem Lernen von starken sowjetischen Konkurrenten und neuen Denkansätzen brachten es Frankes Schützlinge auf neun Olympiasiege, 66 WM-Medaillen samt 23 Titeln und 21 Erfolge in Gesamt-Weltcups.

Besonders gern erinnert er sich an den Coup von Claudia Pechstein bei den Olympischen Winterspielen 2002. »Nach den glänzenden Trainingsleistungen von Claudia auf dem schnellen Eis in Utah habe ich gewusst: Hier können wir etwas Großes schaffen«, sind dem Goldschmied die Triumphe von Salt Lake City in bester Erinnerung. Pechstein holte dort zwei Olympiasiege mit Weltrekorden. Besonders freute er sich über seine Spürnase: »Von Anfang an wollte ich, dass wir drei Wochen vorher die Anpassung in Utah machen, der Verband war dagegen. Aber der damalige NOK-Chef Walther Tröger hat uns den Weg geebnet«, berichtet er und war verwundert, »dass wir fast allein im Utah Olympic Oval waren. Alle anderen Topathleten hatten sich in Calgary auf Olympia vorbereitet.«

Nicht vergessen hat Franke auch die Episode, als seine spätere Vorzeigeathletin Pechstein 1991 um Aufnahme in seine Trainingsgruppe bat. »Beim ersten Lauftraining spürte ich sie sehr schnell nicht mehr hinter mir und dachte: ›Was ist denn nun los?‹ Sie war konditionell schwach, eine ganz schlechte Läuferin«, sagt er schmunzelnd. »Da werden wir nicht weit kommen«, schoss es ihm durch den Kopf. Aber schon im ersten Höhentrainingslager in Bulgarien hatte sie ihn überzeugt - und gewann 1992 mit Bronze ihre erste von neun Olympiamedaillen. »Er hatte die einmalige Gabe, den Trainingsaufbau einer Saison so zu gestalten, dass man zum Saisonhöhepunkt seine absolute Topleistung abrufen konnte«, lobte ihn einst Pechstein. »Man konnte sich auf seine Vorgaben zu 100 Prozent verlassen. Davon sind wir heute bei der DESG leider meilenweit entfernt«, so die Berlinerin. In Turin krönte sie sich 2006 mit dem fünften Gold zur bis heute erfolgreichsten deutschen Winterolympionikin. Auch Uwe-Jens Mey (1988, 1992/500 Meter), Andre Hoffmann (1988/1500 Meter) und Olaf Zinke (1992/1000 Meter) führte Franke auf den Sportolymp.

Traurig, ja auch wütend, wird Franke, wenn er die heutige Situation im deutschen Eisschnelllauf beurteilt. »Es ist ein Skandal, wie diese Sportart in Deutschland heruntergewirtschaftet wurde«, sagt er. »Im internationalen Sport sind wir nur noch ein Lacher. Wir werden geduldet, nicht mehr respektiert«, empört er sich. »Die Trainer sind sehr von sich überzeugt«, sagt Franke mit einem Seitenhieb auf den Niederländer Erik Bouwman, der die Mehrkämpfer betreut, es aber ablehnte, Pechstein zu trainieren. »Wenn er, wie er sagt, ›null Bock‹ auf Claudia hat, dann sollte er die Konsequenzen ziehen und sich aus Deutschland zurückziehen«, forderte Franke. dpa/nd

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