• Debatte
  • Corona und soziale Folgen

Auch Palmer lässt was ins Rutschen kommen

Die jüngsten Äußerungen des Tübinger Grünen-Oberbürgermeisters zur Corona-Pandemie lassen schaudern

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

Nachdem am vergangenen Wochenende bereits Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) in Fragen des Lebens angesichts der Coronapandemie zumindest für einige Irritationen sorgte, hat der Tübinger Grünen-Oberbürgermeister Boris Palmer am Dienstag für heftigere Irritationen gesorgt. Im Frühstücksfernsehen von SAT1 sagte er: »Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären - aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen.« Dass seine Äußerungen durchaus als brutal betrachtet werden, bemerkt er bereits selbst. Aber die Härte und Kälte stellt sich erst so richtig ein, wenn man den zweiten Teil seiner Aussage betrachtet: Der Armutsschock, der aus der weltweiten Zerstörung der Wirtschaft entstehe, bringe nach Einschätzung der Vereinten Nationen hingegen Millionen Kinder ums Leben.

Damit mag Palmer durchaus recht haben, die Vereinten Nationen sind nicht der schlechteste Stichwortgeber für ein Argument. Aber aus der Gegenüberstellung beider Annahmen erwächst das Problem - was soll denn da die Schlussfolgerung sein? Die Alten sterben lassen, weil die Kinder eventuell mehr sind oder noch mehr Lebensjahre vor sich haben? Die Argumentation läuft ja derzeit oftmals ähnlich: Das »Abwürgen« der Wirtschaft sorgt am Ende für größere Schäden als die Pandemie selbst. Ein Problem dabei - diese Betrachtung der Gesellschaft lässt jeweils das Individuum außer Betracht. Denn wer kann am Ende entscheiden, welcher Mensch tatsächlich länger zu leben hatte oder nicht? Und: Ist es nicht anmaßend, die Lebenszeit eines Menschen gegen jene eines anderen aufzuwiegen? Eine große Gefahr in solchen Gedanken liegt darin, dass da etwas ins Rutschen kommt. Boris Palmer plädiert etwa für strenge Quarantänemaßnahmen für Risikogruppen. Das sind dann alle Alten. Aber ab welchem Alter eigentlich? Menschen mit Vorerkrankungen. Welche? Und wie steht es um junge Menschen, die nach einer Lockerung der Maßnahmen an Covid-19 erkranken und dann sterben?

So eine abschüssige Ebene, die bekommt man kaum wieder gerade gerückt, wenn der Versuch Leben zu retten, nicht mehr an erster Stelle steht. Denn warum bei den Alten aufhören? Wenn das Funktionieren der Wirtschaft an oberster Stelle steht - wer trägt denn dazu bei und vor allem, wer weniger oder gar nicht? Bei jedem Menschen, der nicht angesichts einer Covid19-Erkrankung selbstbestimmt sterben möchte, muss alles versucht werden, um ihn zu retten. Egal, was es kostet, und egal, welche Einschränkungen das möglicherweise in Zukunft bedeutet. Denn sonst gehen nicht nur Leben verloren, von denen eben kein Mensch bewerten kann, wie lang oder wie wertvoll es noch gewesen oder geworden wäre. Auch von der Würde des Menschen - und zwar jedes einzelnen - braucht man dann nicht mehr zu sprechen. mit Agenturen

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