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Ein schlechter Witz

Der Polizeigewerkschafter und etliche Journalisten wissen nicht, was und wer Satire darf, kommentiert Mascha Malburg

  • Von Mascha Malburg
  • Lesedauer: 3 Min.

»Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel«, schreibt Kurt Tucholsky 1919 im »Berliner Tageblatt«. Daran hat sich auch in hundert Jahren nichts geändert. Hengameh Yaghoobifarahs »taz«-Kolumne »All cops are berufsunfähig« ist so ein politischer Witz, und zu Anfang sogar ein ganz guter mit doppeltem Boden: Wenn Yaghoobifarah darüber sinniert, in welchen Berufsbranchen man Ex-Polizisten überhaupt noch unterbringen könnte, wenn die Forderung nach einer Abschaffung der Polizei tatsächlich umgesetzt würde, dann überspitzt sie*r damit nicht nur das reale Problem faschistischer Netzwerke in der Polizei und verarbeitet zynisch die Kontinuität rassistischer Polizeigewalt. Sondern sie*r zeigt gleichzeitig auf, dass man diese Strukturen eben nicht loswird, indem man die Behörde abschafft. Man könnte Yaghoobifarahs Text sogar als humorvolles Plädoyer für eine grundlegende Reform der Polizei verstehen, wenn man der Autor*in wohlgesonnen ist.

Wenn man das nicht ist oder ihre* Kritik gleich persönlich nimmt, kann man gemeinsam mit halb Feuilleton-Deutschland beleidigt auf dem Sofa sitzen, vielleicht auch »einen Schlag ins Gesicht« verspüren, so wie der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt. Was man nicht darf, ist diese eindeutige Satire verbieten, so wie es eben jener nun mit seiner Strafanzeige gegen die »taz« intendiert. Als ehemaliger Polizist, der einen Eid auf die Verfassung inklusive Pressefreiheit abgelegt hat, sollte Wendt das eigentlich selbst wissen.

Denn Satire darf alles, das hat auch schon Tucholsky geschrieben, und das gilt unabhängig von ihrer Qualität. Böhmermann darf Erdoğan einen »Ziegenficker« nennen – selbst wenn es wahnsinnig platt ist, wenn einem für einen solchen Präsidenten mit absurden Machtfantasien nur eine rassistische Beleidigung einfällt. Und Yaghoobifarah darf ihre* Berufsberatung für entlassene Polizisten mit dem Fazit abschließen, dass diese wohl nur noch auf die Müllhalde »unter ihresgleichen« gehören – auch wenn sie*r sich mit dieser menschenfeindlichen Bemerkung ihre ganze kluge Leichtigkeit und den Witz ihrer* eigenen Kolumne kaputt macht.

Rainer Wendt und etliche konservative Journalisten sehen in dem Müll-Absatz jedoch die volksverhetzende Sprache rechtsradikaler Politiker gespiegelt: Schließlich wollte auch Gauland schon einmal eine Politikerin »entsorgen«. Der Unterschied ist: Gauland ist kein Satiriker. Er hat Zehntausende politische Anhänger, die in seinen Wahlkampfreden ganz bestimmt keinen Spaß erwarten.

Wenn aber eine Kolumnist*in davor warnt, entlassene Polizisten als Keramikmaler einzusetzen, weil sie sonst heimlich kleine Hakenkreuze auf das Teeservice pinseln und »mit den Einnahmen das nächste Terrornetzwerk querfinanzieren«, dann kann man selbst mit der größten Ernsthaftigkeit den nachfolgenden Satz nur als das verstehen, was er eben ist: ein schlechter Witz.

* Hengameh Yaghoobifarah ist eine nonbinäre Person, das heißt sie*r identifiziert sich weder als Frau noch als Mann. Das Sternchen hinter den hier verwendeten binären Pronomen soll alle weiteren Geschlechtsidentitäten einschließen.

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