»Alles dreht sich um die ökonomische Lage«

Buhubeini Yahia über die Auswirkungen der Coronakrise auf die sahrauischen Flüchtlingslager in Algerien

  • Von York Schaefer
  • Lesedauer: 3 Min.

Herr Yahia, wie ist momentan die Situation in den fünf sahrauischen Flüchtlingslagern in Algerien?

Die sozio-ökonomische Lage ist hier generell sehr angespannt. Aber wir haben glücklicherweise noch keine Covid-19-Fälle hier. Trotzdem machen sich viele Menschen Sorgen, da in unserem Nachbarland Mauretanien zuletzt viele Fälle entdeckt wurden. Unsere gemeinsame Grenze ist 1200 Kilometer lang und schwer zu kontrollieren. Auch in Tindouf in Algerien, das ganz in der Nähe der Lager liegt, haben sich in den vergangenen Wochen weitere Menschen infiziert. Die Entwicklung dort ist jetzt allerdings stabil. Aber nun verstehen die Leute hier in den Lagern auch den Grund für die strikten Ausgangssperren. Das war grade bei den Jüngeren nicht unbedingt so.

Welche Maßnahmen hat die Befreiungsbewegung Polisario ergriffen, um die Verbreitung des Coronavirus in den Lagern zu verhindern?

Die Verbindung zwischen den Lagern war bis auf das Nötigste gekappt. Inzwischen sind die Bewegungsbeschränkungen gelockert worden, genauso wie die Verbindung nach Tindouf. Schulen und Kindergärten sind weiterhin geschlossen, in Moscheen sind höchstens 15 Menschen mit Abstand zueinander zugelassen. Parlamentssitzungen werden virtuell abgehalten. Unser staatlicher Fernsehsender RAS-TV bietet einen virtuellen Klassenraum für Unterricht an. Das alles ist schwer für die Menschen, da unsere Tradition des Zusammenlebens auf großer Nähe basiert.

Was würde in einem nachgewiesenen Corona-Fall in den Camps konkret passieren?

Algerien hat ein Behelfskrankenhaus im Lager Rabouni aufgebaut. Dort kommen Verdachtsfälle und enge Familienangehörige in Quarantäne und werden von spezialisierten algerischen Ärzten untersucht. Ein Mensch mit nachgewiesener Covid-19-Erkrankung würde direkt in das Krankenhaus nach Tindouf kommen. Bei einem solchen Fall würde auch die Bewegungsfreiheit innerhalb der Camps weiter eingeschränkt werden.

Wie sieht es mit der Versorgung von medizinischen Gütern wie Schutzmasken und Beatmungsgeräten aus und wie bei der generellen Versorgung mit Lebensmitteln?

Algerien hat 100 000 Masken gespendet. Auch die Afrikanische Union hat einen kleinen Teil gegeben. Woran es fehlt, sind Beatmungsgeräte. Wir sollten über das Kinderhilfswerk UNICEF welche bekommen, aber der Markt war bereits leergekauft. Ansonsten haben wir ein Problem mit der Wasserversorgung, da viel mehr Menschen in den Camps sind als sonst und viel Wasser für Hygienemaßnahmen verbraucht wird.

Wird der Umgang mit dem Coronavirus die sahrauische Gesellschaft verändern?

Die größte Sorge der Menschen ist trotz der Öffnungen jetzt ihre ökonomische Situation. Die wenigen Jobs, mit denen hier Geld verdient wird, waren nicht möglich: Es fuhren keine Taxis mehr, viele Tankstellen, Lebensmittelgeschäfte, kleinere Shops und die wenigen Restaurants waren geschlossen. Mechaniker und Ersatzteilhändler für Autos haben nicht gearbeitet. Hochzeiten sind abgesagt, auch aus finanziellen Gründen, da man niemanden einladen kann. Den Mobiltelefon-Läden dagegen geht es ganz gut gerade.

Wie sieht es in Bezug auf den politischen Kampf der Sahrauis um Selbstbestimmung aus, gerade auch in den besetzten Gebieten?

In den Lagern ist das momentan kein Thema. Alles dreht sich um die ökonomische Situation. Aus den besetzten Gebieten sind viele marokkanische Siedler wegen Corona nach Marokko gegangen. Unsere militärischen Beobachter sagen auch, dass es beim marokkanischen Militär an der Mauer zu den befreiten Gebieten Corona-Fälle gibt. Marokko hat das natürlich nicht bestätigt.

Es gibt Behauptungen, dass hohe Polisario-Vertreter die Lager verlassen hätten und nun in im vergleichsweise sicheren Tindouf sind? Stimmt das?

Es gibt auch Behauptungen, im Palast des marokkanischen Königs Mohammed VI. seien Menschen infiziert. In so einer Situation gibt es immer viel Propaganda über die sozialen Medien von beiden Seiten. Die Marokkaner wollen von der Corona-Pandemie profitieren, indem sie das Image der Polisario-Führung angreifen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal