• Sport
  • Corona und die Sportwelt

Partyfreie Zone

Tennisstars will trotz umfangreichen Hygienekonzepts in Berlin kaum jemand sehen

  • Von Tom Mustroph
  • Lesedauer: 7 Min.

Die Zufahrt zum Gottfried-von-Cramm-Weg im Berliner Stadtteil Grunewald ist versperrt. Wer ein paar Tennisstars sehen will, der kommt dieser Tage auch hier nicht um einen Hygiene-Parcours herum. In der Hauptstadt tummelt sich seit Montag ein Teil der internationalen Tenniselite. Die Nummer drei der Weltrangliste, Dominic Thiem, dazu die Nummer acht, Matteo Berrettini, und Roberto Bautista Agut, Zwölftbester der Welt, schlagen seit Montag auf. Die Rasenplatz-Konkurrenz der Frauen führen Elina Switolina, Nummer fünf der Welt, Kiki Bertens (7) und Petra Kvitova (12) an. Bis auf Berrettini, der Mitte der Woche in den Urlaub abfuhr, sind die anderen Stars in der Stadt geblieben, um auf einem eigens in einem Hangar des früheren Flughafens Tempelhof eingerichteten Hartplatz am Wochenende noch ein weiteres Turnier auszuspielen. Und ja, auch Zuschauer sind zugelassen - eine Novität im Sportdeutschland der Coronazeit.

Die beiden Einladungsturniere sind eine Blaupause für die Rückkehr in den Zuschauersport. Wer auf die Anlagen will, muss einen QR-Code vorzeigen, der beim Erwerb eines Tickets zugesandt wurde. Das gilt auch für Medienvertreter. Vor Ort muss zudem auf einem Fragebogen erklärt werden, keine Covid-19-Symptome aufzuweisen und nicht in Kontakt mit Erkrankten gewesen zu sein. Fieber wird selbstverständlich auch gemessen - eine neue Aktivität für das Security-Personal. »Mich hat gerade ein Kind gefragt, ob wir hier das Gehirn scannen«, erzählte lachend ein Wachmann dem »nd«, als er den Wärmemesser an die Reporterstirn hält. Danach ist noch eine Hygiene-Schleuse zu passieren - ein achteckiges Gebilde mit Ein- und Ausgang, durch den Dampf strömt, der desinfizieren soll.

Am Eingang liegen auch Masken bereit. Auf beiden Geländen besteht Maskenpflicht, nur auf den Tribünen selbst, bei lockerer Sitzverteilung mit je drei freien Plätzen zwischen Einzelpersonen oder Menschengruppen aus dem gleichen Haushalt, darf das Textil entfernt werden.

Überall auf der Anlage des LTTC Rot-Weiß im Grunewald ploppen die Tennisbälle zu Wochenbeginn - im leichten Nieselregen am Mittwoch, aber auch bei prallem Sonnenschein an den ersten Turniertagen am Montag und Dienstag. Nur der frisch angesäte Rasenplatz im Steffi-Graf-Stadion sowie ein Trainingsplatz waren für die je sechs weiblichen und männlichen Profis reserviert. Auf allen anderen roten Hartplätzen fordern sich die Senioren des Vereins und die zahlreichen Trainingsgruppen der Kinder und Jugendlichen an den Netzen heraus. Der Profisport wird hier in den - freilich gehobenen - Volkssport eingebettet. Im Fußball wäre das so, als müsste man auf dem Weg zum Bundesligamatch noch an den Kunstrasenplätzen der Amateurvereine vorbei.

Die Stimmung ist familiär. Ein paar Caterer haben ihre Verkaufsstände errichtet. Liegestühle laden zum Verweilen ein. Von Corona-Angst keine Spur. Auf den Vereinsplätzen wurde ja auch schon vorher gespielt. Bianca Krahl, Vereinsmitglied bei Rot-Weiß und Besucherin beim Profiturnier, nennt als Hygieneregel jenseits des Turnierbetriebs: »Frisch gewaschen und gut riechend sollte man schon ankommen. Das reicht aber auch«, meint sie lachend. Die Atmosphäre im Stadion gefalle ihr. »Allein die Farben: Das Grün des Rasens, das Rot der Tribüne und das Blau des Himmels«, schwärmt sie.

Tatsächlich herrscht an den ersten beiden Tagen eitel Sonnenschein. Die leicht korrodierten Sitze des Steffi-Graf-Stadions, das seit 2008 kein großes Turnier mehr beherbergt hat, sind mit leuchtend roten Überzügen versehen. Der frisch angesäte Rasen ist zwar an der Aufschlaglinie schon etwas abgenutzt, sorgt insgesamt aber immer noch für ein sattes Grün. Er sollte Wimbledon-Flair am Hundekehlesee verbreiten. »Ursprünglich hatten wir für den Juni ein neues Turnier der Frauentour WTA geplant. Es sollte ein Vorbereitungsturnier für Wimbledon sein«, erzählt Edwin Weindorfer, Ausrichter des Turniers. Dann aber kam Corona. »Die WTA sagte alle Turniere ab. Wir haben uns dann aber mit unserem Hauptsponsor verständigt, das Einladungsturnier vorzubereiten. Erst war es ohne Zuschauer geplant. Dann gestattete der Berliner Senat 1000 Personen auf der Anlage«, blickt Weindorfer zurück. Bis zu 840 Zuschauer ließ das 59 Seiten starke Hygienekonzept dann in dem Freiluftstadion zu. Die restlichen Kapazitäten waren für Spieler, Betreuer, Personal des Veranstalters und Medien reserviert. Im abgeschlossenen Hangar in Tempelhof dürfen am Wochenende nur noch maximal 200 Zuschauer rein.

Viel mehr Besucher kann man allerdings am ersten Tag auch nicht auf der Anlage im Grunewald ausmachen. Die Veranstalter geben zwar 480 verkaufte Tickets an. Zeitgleich sieht man auf der Tribüne aber kaum mehr als 200 Personen. Tags darauf zu den Halbfinals, die deutschen Starter inklusive des zurückgekehrten Altstars Tommy Haas sind allesamt bereits ausgeschieden, sind laut Turnierdirektorin Barbara Rittner 750 Tickets verkauft. Wegen der Abstandsregeln sieht das auf der sonst 4500 Personen fassenden Tribüne allerdings auch sehr gewöhnungsbedürftig aus.

Stimmung kommt dennoch auf. Asse, Passierbälle und mutige Netzaktionen vor allem der beiden Finalisten Thiem und Berrettini werden immer wieder lautstark beklatscht. Dem Österreicher Thiem entfährt auch immer wieder ein anerkennendes »Bravo«, wenn einer seiner Gegner einen prächtigen Ball spielt. Er lobt die Atmosphäre als stimulierend. Bezogen auf die Corona-bedingt spärlich gefüllten Sitzreihen meint er: »Bei anderen Turnieren spielen wir oft vor noch weniger Zuschauern, vor allem, wenn man früh um 11 Uhr in der Qualifikation ran muss.«

Der Regen am Mittwoch bringt einiges durcheinander. Das Männerfinale muss um sieben Stunden von 12 auf 19 Uhr verlegt werden, das Frauenendspiel wird gar komplett auf Freitag und den Hartplatz im Flughafenhangar Tempelhof verlegt. Immerhin: Auf diesen Spielort freut sich Thiem schon seit Langem. »Ich werde jeden Ball genießen. Wahrscheinlich spielt man nur einmal im Leben in einem Flugzeughangar«, meint er.

Dass zu Wochenbeginn selbst die Marke von 840 Zuschauern im Steffi-Graf-Stadion nicht erreicht wird, mag am Mittwoch am Regen gelegen haben, an den sonnigen Tagen zuvor aber eher an den teuren Ticketpreisen: 120 bis 150 Euro mussten berappt werden, erst am Mittwoch kommen manche Besucher schon für »nur« 75 Euro ins Stadion.

Veranstalter Edwin Weindorfer begründet die hohen Preise mit den Kosten für das erweiterte Sicherheitskonzept. Als Zuschauerselektion über das Geld will er die Preisgestaltung aber nicht verstanden wissen. »Wirtschaftlich rechnet sich in Corona-Zeiten so ein Turnier sowieso nicht. Man muss froh sein, wenn man überhaupt etwas veranstalten kann«, sagt er. Er bezeichnet das Turnier als »Aufschlag für die Zukunft«.

Für die Stars bietet es auch die einzige Möglichkeit in dieser durch Corona eingeschränkten Saison, überhaupt auf Rasen zu spielen. Wimbledon wurde abgesagt, alle anderen Turniere auf dem Belag auch. Der Berliner Ausflug auf den Rasen tut allen gut.

Am Ende stellt sich sogar noch eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl ein. Als sich am Mittwochabend die Regenwolken verziehen, die Sonne hervorkommt, die Schutzplane vom Rasen gezogen und mit Hilfe eines Laubbläsers die letzte Feuchtigkeit aus dem Grün geföhnt wird, sind jene, die spielen dürfen, und alle anderen, die sich nach sieben Stunden Warten wieder auf den Rängen einfinden, irgendwie beglückt, dem Event beizuwohnen.

Wilde Partys gibt es nicht. Spieler und Veranstalter haben die Lektion der Adria Tour begriffen. Bei dem vom Weltranglistenersten Novak Djokovic ausgerichteten Turnier hatte es nach Spielerpartys mindestens vier positive Corona-Infektionen unter den Profis gegeben. »Wir haben jedem Athleten kommuniziert, dass es bei uns absolute Verantwortung gibt, und dass die Spieler keine Partys machen und auch am Abend nicht groß Abendessen gehen«, sagt Weindorfer. Selbst beim langen Warten auf das Endspiel hatte der Italiener Berrettini das Hotel nicht verlassen, versichert der unterlegene Finalist nach der Niederlage.

Für die Zuschauer bringt das neuartige Event sogar einige Privilegien mit sich. Sie werden ausdrücklich gebeten, keine auf die Tribüne springenden Bälle wieder zurück auf den Platz zu werfen, sondern sie brav nach Hause mitzunehmen. Bloß keine Schmierinfektion auslösen. Das Sitzkissen, das jeder Besucher vom Veranstalter gestellt bekommt, soll man auch mit heim nehmen. »Nur jeder seines aber, nicht gleich ein ganzes Paket mitnehmen«, warnt der Stadionsprecher am Dienstag. Manch ein Besucher hat tags zuvor offenbar den hohen Eintrittspreis mit Naturalien zu kompensieren versucht. Der Mensch bleibt ein Mängelwesen, auch in der Pandemie.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung