Eine Straße fürs Klima

Hunderte Menschen haben am Rand des Tagebaus Garzweiler gegen den Abriss einer Landstraße protestiert. Sie sei »die 1,5 Grad Grenze in Asphalt-Gestalt« und halte RWE auf Abstand

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 3 Min.

Klimaaktivisten, die für den Erhalt einer Straße demonstrieren. Was absurd klingt, macht am Rand des Braunkohletagebaus Garzweiler im Rheinischen Revier durchaus Sinn. Die Landstraße L277 zieht sich in Nord-Süd Richtung am Tagebau entlang. Östlich von ihr ist das große Kohleloch, im Westen befinden sich Dörfer wie Keyenberg, Kuckum oder Berverath. Wenn RWE am Montag, wie der Konzern betont, »planmäßig«, anfängt die L277 abzureißen, dann ist das für die Dorfbewohner der nächste Schritt auf dem Weg zur Zerstörung ihrer Heimat. In Keyenberg kann man die riesigen Braunkohlebagger schon sehen und hören. Vom Ortsrand ist einer nur noch wenige hundert Meter entfernt. Deswegen protestiert das Bündnis »Alle Dörfer bleiben« jetzt gegen den Abriss der Landstraße. »Die L277 ist die 1,5 Grad Grenze in Asphalt-Gestalt. Gleichzeitig ist sie das Einzige, was uns noch von den Baggern trennt«, sagt Britta Kox aus dem bedrohten Dorf Berverath.

Als im Herbst 2018 der Kampf um den Hambacher Forst, gut 30 Kilometer südlich von Garzweiler, erfolgreich verlief, schöpften viele Dorfbewohner Hoffnung: Was in Hambach funktioniert hatte, könne doch auch bei ihnen klappen. Die Dörfer könnten erhalten bleiben und der Tagebau gestoppt werden. Doch diese Hoffnungen wurden mehrfach enttäuscht.

Die Kohlekommission schlug vor, die Politik solle soziale Härten vermeiden. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet kam zu Besuch, hatte ein paar freundliche Worte für die Dorfbewohner. Allerdings nichts zählbares. Mit dem Kohleausstiegsgesetz haben die Menschen aus Keyenberg und Co. es jetzt schwarz auf weiß. Der Tagebau Garzweiler erhielt faktisch eine Bestandsgarantie. Bis das letzte Braunkohlekraftwerk abgeschaltet ist, kann hier gebaggert werden. Die Dörfer müssen weichen.

Dabei ist die energiepolitische Notwendigkeit des Tagebaus äußerst fragwürdig. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung legte im Mai eine Studie vor, nach der fast 400 Millionen Tonnen Kohle in Garzweiler abgebaut werden können, ohne das auch nur ein Dorf umgesiedelt werden muss. Ob überhaupt noch so viel Kohle benötigt wird ist fraglich. Dass sich alleine schon diese Menge dramatisch auf das Erreichen der deutschen Klimaziele auswirkt, ist klar.

Den Bewohnern der bedrohten Dörfer und Klimaaktivisten bleibt nach der Enttäuschung beim Kohleausstiegsgesetz also nur noch der Protest übrig. Und dieser ist am Sonntag in Keyenberg eindrucksvoll. Erst Mitte der vergangenen Woche hatte das Bündnis »Alle Dörfer bleiben« zur Demonstration aufgerufen. Trotzdem waren erneut ca. 800 Menschen gekommen. Unter ihnen viele Dorfbewohner und Klimaaktivisten aus ganz Nordrhein-Westfalen eine bunte Mischung von Kleinkindern bis zu Rentnern. In Redebeiträgen schilderten Menschen aus den Dörfern wie es sich anfühlt, das eigene Zuhause zu verlieren - und wie brutal RWE in der Gegend agiert: Waldwege würden gesperrt, »sinnlose« Straßen gebaut. Tina aus Kuckum sagt, der Konzern gebe einem das Gefühl »minderwertig« zu sein. Die L277 sei ein »Band der Hoffnung«, sie verbinde die Dörfer und halte die Kohlebagger noch auf Abstand. Das soll so bleiben. Dafür wollen die Dorfbewohner weiter kämpfen. Für Montag, wenn RWE mit dem Abriss der Landstraße beginnen will, haben sie »Aktionen« angekündigt.

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