Kunst essen Hamburg auf

Kleingartenidylle ade: Die Kunsthochschule in Berlin-Weißensee braucht mehr Platz.

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 5 Min.

Wir platzen aus allen Nähten», sagt Leonie Baumann. Die Rektorin der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee berichtet, dass die räumlichen Kapazitäten der von ihr geleiteten kleinen, aber renommierten Wissenschaftsinstitution auf etwas mehr als 500 Studierende ausgelegt seien. «Mittlerweile liegt unsere Studierendenzahl aber bei fast 900, und die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber schießt durch die Decke.» Das geht so nicht weiter, findet die Rektorin schon lange.

Baumann steht seit neun Jahren an der Spitze der - so der etwas spezielle Eigenname - weißensee kunsthochschule berlin. Seit sechs Jahren kämpft sie dafür, dass das Hochschulgelände an der Bühringstraße vergrößert wird. Ein Kampf mit «sehr viel Hickhack» und «nicht so ganz einfachen Verhandlungsprozessen», so Baumann, «gegen Kleingärtner und gegen Wohnungsbauambitionen». Vor gut einer Woche haben nun die Hochschulleitung, die Senatskanzlei, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen sowie das Bezirksamt Pankow eine Verwaltungsvereinbarung unterzeichnet. Zugegeben, «Verwaltungsvereinbarung» klingt wenig prickelnd. Aber wen schert’s? Unterm Strich zählt für Leonie Baumann nur eines: Die 66-Jährige hat den Flächenkampf für sich und ihre Hochschule entschieden. Das Gelände wird in den nächsten 10 bis 15 Jahren um fast 17 000 Quadratmeter erweitert.

Klar ist damit aber auch, dass hierfür die angrenzende Kleingartenanlage «Hamburg» verschwinden muss. Denn deren Fläche ist das Objekt der Begierde der 1946 gegründeten Kunsthochschule. Seit 100 Jahren wird in der Anlage gepflanzt, geharkt, gemäht, gejätet. Spätestens 2024 soll damit Schluss sein. Dann, so die Planung, soll für die 37 Pächter der landeseigenen Fläche ein Ersatzstandort rund vier Kilometer Luftlinie entfernt an der viel befahrenen Hansastraße fertig sein. Hamburg goes Hansa - zumindest das passt irgendwie. Holger Thymian, Vorsitzender des Bezirksverbands Weißensee des Kleingärtnervereins, nennt das Ende von «Hamburg» «bedauerlich». Andererseits könnte ja an der Hansastraße auch ein «neues schönes Zuhause» entstehen.

Volker und Petra Lindemann pfeifen auf das «neue Zuhause». «Darauf gehen wir nicht ein», sagt Volker Lindemann. Seit über 40 Jahren haben die Lindemanns in der Anlage an der Bühringstraße eine kleine Parzelle gepachtet. Pflaumenbäumchen, Johannisbeersträucher, Rosen, Fuchsien, dazu eine Datsche: «Schauen Sie sich doch um», sagt Lindemann, «an der Hansastraße bekommen wir bloß eine Brachfläche. Wir müssten wieder bei null anfangen.» Der 64-Jährige ist sauer. Eine «Unverschämtheit» sei das, dass man ihn und die anderen Pächter nach all den Jahren vertreiben will. Und er fühlt sich alleingelassen. «Kein Amt sagt etwas dazu, aber bei jedem Baum, der gefällt wird, da rücken sie an.»

Geht es nach den Wünschen der Kunsthochschule, dann sollen auf dem Grund der Kleingartenanlage «Hamburg» nicht nur Erweiterungsbauten für die Lehre und die künstlerisch-praktische Ausbildung errichtet werden, sondern unter anderem auch Wohnungen für Studierende, Ausstellungsflächen und öffentliche Kommunikationsräume. Drei Planungs- und Architekturbüros erstellen gerade städtebauliche Machbarkeitsstudien für das «Campus Weißensee» getaufte Projekt.

Martin Jennrich, der seit einem Jahr für das Bau- und Facilitymanagement der Hochschule verantwortlich ist, hält sich mit einer Wertung in der Verdrängungsfrage zurück. Mit Blick auf die Kleingartenanlage sagt er nur: «Auch wenn das heute niemand mehr so formulieren möchte: Früher nannte man das ›Bauerwartungsland‹.» Bevor der 54-Jährige sein winziges Dienstzimmer in der Hochschule bezog, hatte er mit seiner eigenen Firma zweieinhalb Jahrzehnte regelmäßig Restaurierungsarbeiten für das Haus übernommen. Auch Jennrich sagt: «Das Potenzial auf der bisherigen Fläche ist erschöpft.»

Tatsächlich ist das Hochschulgelände dicht bebaut. Die Verwaltung sitzt in kleinen Büros in einem denkmalgeschützten Fabrikgebäude aus den 30er Jahren, die Lehrveranstaltungen werden in dem in den 50er Jahren errichteten vierstöckigen Seminargebäude abgehalten. Auch dieses Haus ist denkmalgeschützt. Auch hier ist es eng. Erst seit 2006 gibt es überhaupt einen Hörsaal. 150 Quadratmeter klein, niedrig - und muffig. Seit der coronabedingten Schließung der Hochschule findet hier nichts mehr statt. «Man müsste mal wieder lüften», sagt Jennrich.

Die Hochschule, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Künstlern aus dem Bauhaus-Umfeld ins Leben gerufen wurde und zu den bedeutendsten Kunsthochschulen der DDR zählte, habe nicht einmal ausreichend Platz für ein eigenes Archiv, ergänzt Rektorin Baumann. «Zum Teil müssen wir Kunstwerke von Studierenden sogar entsorgen. Das ist bitter.» Auch müsse man Räume in der Umgebung anmieten. Etwa in der benachbarten Bürostadt Weißensee, einer einfallslosen Gebäudeansammlung aus den 90er Jahren. Baumann nennt sie nur «die dämlichen Bürobauten nebenan». Trotzdem sieht sie sich gezwungen, hier die Fachgebiete Bühnenbild und Raumstrategien unterzubringen. Zu einem happigen Mietzins, so Baumann. «Da ist es günstiger, wir bauen selbst.»

Das findet auch Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach (SPD), der federführend am Zustandekommen der Verwaltungsvereinbarung mitgewirkt hat. Die Gesamtkosten seien zwar noch nicht genau bezifferbar, «sie dürften sich aber bei einem zweistelligen Millionenbetrag bewegen». Krach sagt, er sei «happy», dass das Projekt auf den Weg gebracht worden ist. «Das ist eine tolle Hochschule, nicht der größte, aber ein ganz wichtiger Wissenschaftsstandort für Berlin.»

Dagegen will Kleingärtner Volker Lindemann gar nichts einwenden. Überhaupt habe er nichts gegen die Hochschule an sich. Er würde, sagt Lindemann, «Frau Baumann sogar auf einen Kaffee in unseren Garten einladen». Was er ihr sagen würde? «Sollen die doch einfach in die Bürostadt Weißensee ziehen. Da gibt es genug Leerstand.» Teure Miete oder Neubau, beides werde schließlich mit Steuergeldern finanziert.

Leonie Baumann stellt klar, dass die Bürostadt für sie keine Option ist. «Jetzt mussten wir dort nochmals Mietverträge für zehn Jahre unterschreiben. Ich habe aber nie einen Hehl daraus gemacht, dass der Campus fertig sein muss, sobald die ausgelaufen sind.» Und Baumann gilt als hartnäckig. Schlechte Karten also für die Kleingärtner.

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