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Im Gehäuse des Weißseins

Vom Versuch, die eigene Deutungshoheit aufzugeben.

  • Von Charlotte Wiedemann
  • Lesedauer: 6 Min.

Jede Definition von Weißsein bleibt notgedrungen widersprüchlich. In erster Linie ist damit nicht eine Hautfarbe gemeint, sondern eine kollektive soziale Position, hervorgebracht durch Jahrhunderte gewalttätiger Geschichte. Zugleich ist das individuelle Aussehen nicht unwichtig, denn eine offenkundig weiße Person wird in der Regel nicht Opfer von Rassismus.

Betrachten wir Weißsein also als einen Begriff mit ausgezackten Rändern, nicht als Stempel, sondern als Instrument für Analyse und Selbsterkenntnis. Gerade Menschen, die sich als fortschrittlich betrachten, empfinden eine für sie selbst schwer durchschaubare Melange aus Schuld, Furcht, Abwehr und Überlegenheit, wenn sie auf ihr Weißsein angesprochen werden. Diese Gefühle zu ergründen, ist notwendig für jegliches emanzipatorische Handeln.

Historisch war die Selbstdefinition als weiß stets ein Ausdruck von Macht und Privilegien, und wenn es nur die bescheidene Macht des kleinen Sklavenhalters in Virginia oder der armen britischen Kolonistin in Rhodesien war. Weiß trat immer nach unten. Im sozialen Gefüge der USA ist der Gegensatz von Besitz und Nicht-Besitz ererbter Privilegien heute noch eine schroffe Weiß-Schwarz-Kontur. In Europa, gerade in der heterogenen deutschen Einwanderungsgesellschaft, sind die Verhältnisse diffuser. Ein älterer Deutschtürke mag sich trotz rassistischer Demütigungen als weiß betrachten, während seine Tochter die Bezeichnung Person of Color wählt, als Signal einer politischen Position.

Von der Annahme, dass Weiß die Grundform von Menschsein ist ...

Doch ungeachtet der Diffusität von Sprache und Erscheinung ist in der deutschen Mehrheitsgesellschaft, besonders im Bildungsbürgertum, ein spezifisches Weißsein tief verankert, ein Bewusstsein, das den Nachkommen der Kultur von Expansion und Kolonialismus eingeschrieben ist bis ins Unbewusste. Dass nämlich Weiß keine Farbe ist, sondern die Grundform von Menschsein, neutral und voraussetzungslos. Farbig waren immer die anderen; sie bilden Ethnien, wir haben Ethnologen. Wir verkörpern die Norm, setzen Begriffe, definieren Fortschritt und Moderne.

Wenn ein »weißes Privileg« einen Vorteil bezeichnet, den ich unverdient erlangt habe, weil ich in eine Kultur hineingeboren wurde, die Weiße begünstigt, dann ist dies in meinem Fall: Als Auslandsreporterin profitiere ich von der lange kultivierten Anmaßung, weiße Westler könnten alle Kulturen der Welt erklären.

Kritisches Weißsein bedeutet also Normkritik, Ideologiekritik, Rückbau von Wissensmonopolismus - kurz: geistige Dekolonisierung. Das ist eine langwierige Angelegenheit, die eigene Lebenszeit mag dafür nicht reichen. Eines meiner früheren Bücher trägt deshalb den Titel »Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben« - mehr als ein Versuch kann es kaum sein. Deutungshoheit einzubüßen, nagt am Selbstbild, ist eine narzisstische Kränkung. Einen solchen Prozess aus eigener Einsicht einzuleiten, bleibt eine Gratwanderung. Niemand nähme sie in Angriff, wenn die Wanderung nicht auch Befreiung verheißen würde. Doch ist das Ziel nicht weiße Selbstoptimierung, auch nicht Erlösung von Schuldgefühlen. Sondern die eigene Rolle finden, um der Verstetigung von Rassismus und Abwertung anderer etwas entgegenzusetzen. Nur wie?

Seit den Black-Lives-Matter-Protesten nach dem Mord an George Floyd gilt Schwarzsein als Quintessenz von Rassismus-Erfahrung. Spiegelt sich die hiesige Realität darin angemessen wieder? Muslime begannen, Anti-Schwarzen-Rassismus in der eigenen Community zu durchleuchten, fielen aber zugleich als Betroffene von Rassismus aus der Debatte heraus. Und das Elend osteuropäischer Beschäftigter in der Fleischindustrie wurde durch Covid-19 ans Licht gezerrt, abseits aller Blackness-Feiern. Auch die Critical-Whiteness-Studies haben nicht zufällig ihren Ursprung in den USA, in deren klarer konturierten innergesellschaftlichen Verhältnissen. In Europa scheint es mir sinnvoller, Weißsein vor allem als Gewaltverhältnis gegenüber dem globalen Süden in den Blick zu nehmen und unter kritischem Weißsein die Suche nach einem zeitgemäßen neuen Internationalismus zu verstehen.

Linke betrachteten in der Vergangenheit Kolonialismus gern als Herrschaftssystem, an dem die eigene Person keinen Anteil hat, zumal wenn die Faust für die antikoloniale Sache gereckt wird. Heute halten Menschen, die sich als Nachfahren von Kolonisierten verstehen, weißen Linken vor, dass sie von Privilegien profitieren, die ohne Expansionismus und Kolonialismus nie entstanden wären. Für manche von ihnen ist diese aus dem Geburtsort erwachsene Privilegiertheit sogar entscheidender als die individuell eingenommene politische Haltung - Herkunft sticht Entscheidung. Die Betroffenheit von Rassismus verleiht dann eine Autorität, vor der Weiße keine gleichberechtigten Genossen oder Gefährtinnen sein können, sondern allenfalls Verbündete, »Allies«.

... zur Suche nach einer neuen Form des Weißseins

Das Konzept geht zurück auf die Zeit, als der ANC in Südafrika Weiße für den Kampf gegen die Apartheid anwarb und dafür Regeln entwarf: Nutze deine Privilegien, um Unterdrückten Handlungsmacht zu geben! Erziehe andere Weiße! Nimm Gefahren auf dich (im Original: put your body on the line), denn dein Risiko, verhaftet oder getötet zu werden, ist geringer. Und: Erwarte nicht, dass du führen kannst! Gemäß dieser Regeln hörten Weiße bei den George-Floyd-Protesten: Stellt euch in die hintere Reihe, wenn über den Kurs entschieden wird, und in die vordere Reihe, wenn die Polizei uns angreift!

Allyship ist ein gutes Konzept für einen Kampf mit klaren Fronten, aber weniger gut für die Domäne von Reflexion und Diskurs. Zwischen beidem, zwischen Aktivismus und intellektueller Erörterung, wird oft kaum unterschieden - das betrifft nicht nur Rassismusdebatten, aber hier wird aufgrund lang aufgestauter Wut das Bedürfnis nach kämpferischer Eindeutigkeit besonders deutlich. Alles Suchende, Ambivalente, womöglich Fehlerhafte genießt wenig Wertschätzung; das betrifft auch die Frage, welche kulturell randständigen und politisch marginalisierten Erfahrungen von Weißsein - etwa anarchistische? - heute fruchtbar wiederzuentdecken wären, auf der Suche nach einer nicht-toxischen weißen Existenz.

So fluid letztlich Blackness ist: Auch Whiteness ist keine alles erklärende Zugehörigkeit, löscht die Entdeckung nicht aus, dass jeder Mensch aus pluralen Identitäten besteht. Wer sich durch eine chronische Erkrankung auf die Seite der Schwachen gestellt sieht, besitzt gleichwohl weiße Privilegien. Ostdeutsche mögen sich benachteiligt fühlen, profitieren aber von der imperialen Lebensweise, sobald sie zum Supermarkt gehen. Niemandem ist verwehrt, auf einem ganz individuellen - sagen wir: neuen - Weißsein zu bestehen. Doch ist damit eine Arbeit verknüpft, die noch kaum in Angriff genommen wurde: Es gilt, die Kulturgeschichte neu zu schreiben, eine europäische Bewegung für Reparationen in Gang zu setzen und die Ausbeutung der Ressourcen des Südens zu beenden. Put your brain on the line.

Zwischen Aktivismus und Reflexion zu unterscheiden, könnte bedeuten: Eindeutigkeit im Handeln, Diversität und Mehrdeutigkeit im Denken. Ein Nicht-Übereinstimmen politischer Positionen steht immer als Möglichkeit im Raum, ohne eine Verweigerung von Solidarität zu bedeuten. Aber wer steckt dafür die Grenzen ab?

Beweislastumkehr ist ein kluger Begriff aus der Debatte über die Rückerstattung kolonialer Sammlungsobjekte. Wenn ein Museum in einem generellen Kontext von Unrecht etwas legal, also gerecht, erworben haben will, liegt die Beweislast beim Museum - sonst wird das Objekt restituiert. Ähnlich lässt sich kritisches Weißsein konfigurieren. Nicht jeder weiße Historiker ist ein Kolonial-Apologet - aber er oder sie trägt die Last dieser Zunft, und daran erinnert zu werden, ist keine Kränkung.

Die Zeit eines sorglosen Weißseins ist auch für Intellektuelle abgelaufen. Die künftige Ordnung der Welt wird nicht mehr von einer euro-amerikanischen Minderheit bestimmt. Dagegen bäumen sich die Verfechter der weißen Vorherrschaft (White Supremacists) aller Länder auf. Sie zu bekämpfen müssen sich vor allem all jene verantwortlich fühlen, die ebenfalls mit einer historisch privilegierten Hautfarbe aufgewachsen sind. Also: das Weißsein nicht den Supremacisten überlassen.

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