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Die ideale Stadt für Drogenkonsumenten

Eine Ausstellung am Kottbusser Tor erklärt die Bedürfnisse häufig kriminalisierter Menschen

Er habe eigentlich mit viel Schlimmerem gerechnet, sagt Dirk Schäfer von der Deutschen Aidshilfe Berlin am Montagabend. Die Pandemie für die Hilfesysteme sei zunächst ein Schock gewesen, aber »die Politik hat relativ schnell reagiert«, so Schäfer.

Schäfer diskutiert mit dem Drogenkonsumenten Max sowie den Forscher*innen Luise Klaus und Bernd Werse vom Centre for Drug Research Frankfurt/Main im Kreuzberger Aquarium anlässlich der Halbzeit der dort gezeigten zweiwöchigen Ausstellung »Drogen und Stadt«. Diese ist noch bis zum 30. August zu sehen und erklärt eine »ideale Stadt« von Drogenkonsumenten, die in Einzelinterviews und Gruppendiskussionen in Berlin und Frankfurt zu ihren Vorstellungen befragt wurden. Moderiert wird die abendliche Veranstaltung von Mélina Germes vom deutsch-französischen Forschungsprojekt DRUSEC. Eine Gruppe des Projekts hat kürzlich die Perspektive sogenannter marginalisierter Drogenkonsumenten auf ihre Stadt untersucht.

Germes erklärt, dass sich Konsumierende mehr Sicherheit im öffentlichem Raum wünschen. Kriminalisierung und Stigmatisierung von Drogen und Drogengebrauchenden müssten beendet werden, erläutert Germes gegenüber »nd«. Gerade durch die Kriminalisierung komme es zur Stigmatisierung. Viele Konsumenten hätten deshalb sehr schlechte Erfahrungen mit medizinischem Personal gemacht. Das sei »fatal«, denn gerade bei Drogenkonsumenten mache Gesundheit einen erheblichen Unterschied aus, so die Drogenforscherin.

»Wir müssen weiter gegen die Drogenprohibition kämpfen«, sagt auch Bernd Werse auf dem Podium. Nur durch Entkriminalisierung können Drogen selbst besser reguliert werden, ergänzt seine Kollegin Luise Klaus. Auch für die Polizei wäre das eine Entlastung. In Deutschland gab es 350 000 Rauschgiftdelikte im Jahr 2019.

»Wir müssen den Strafbarkeitsgedanken hintenanstellen«, fordert Dirk Schäfer. Und berichtet, dass das Verbot ihn davon abgehalten habe, selbst Hilfe zu suchen, als er noch konsumiert habe.

Die Polizei würde Drogenabhängige kaum ernst nehmen, wenn sie beispielsweise bei Diebstahl Anzeigen aufgeben, erklärt Mélina Germes. Besonders prekär sei die Lage von Frauen. Diese wünschten sich mehr Schutz in öffentlichen Verkehrsmitteln, denn dort seien sie häufig von »sexueller Erpressung« durch Kontrolleure und Sicherheitspersonal betroffen.

Auch bessere Hygienemöglichkeiten sind vielen wichtig. »Das fängt ja schon beim Pipi machen an«, schildert Klaus. Die Ergebnisse der Studie sind auf den Bildern der Ausstellung visualisiert.

Im Jahr 2019 starben bundesweit 1398 Menschen an den Folgen des Drogenkonsums - in Berlin waren es im Jahr 2018 allein 191 Tote. Mit Beginn der Corona-Pandemie stießen viele Drogenhilfe-Einrichtungen auf Gehör für ihre Forderungen. So hat sich die Vergabe von sogenannten Substitutionsmitteln gelockert, die als Ersatz für Heroin-Abhängige vergeben werden. Auch die Unterbringung von Obdachlosen in Hotels wurde vereinfacht.

Bernd Werse erklärt, dass man auf die Politik »noch nie einen so direkten Einfluss wie jetzt« gehabt habe. Der Drogenkonsument Max sieht »die Krise als Chance« und berichtet, dass die Wohnungssuche gut geklappt habe: »Danke an die schnelle Arbeit der Ämter.«

Vor diesem Hintergrund fordert Schäfer von der Politik eine »neue Normalität« in der Drogenpolitik. Nach der Pandemie befürchtet man eine Rückkehr zur Normalität.

Für Max hatte der Lockdown noch etwas Gutes: »Ich freue mich mehr über eine leere Bahn als über eine volle.« Für die Zukunft wünsche er sich eine Plattform, auf der er gehört werde.

»Nur eine gerechte Stadtpolitik kann die Bedingungen schaffen, die das Drogenproblem lösen«, erklärt Mélina Germes abschließend.

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