Die Telegram-Revolution

NETZWOCHE Ein 22-Jähriger liefert mit seinem Telegram-Kanal das wichtigste Medium der belarussischen Proteste

  • Mascha Malburg
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Abend vor den Präsidentschaftswahlen in Belarus hatte der Telegram-Kanal des jungen Stepan Putila rund 300 000 Abonnenten. Drei Tage später verdreifachte sich diese Zahl auf 1,2 Millionen. Heute verfolgen über zwei Millionen Menschen die Videos, Bilder und Kurznachrichten, die im Minutentakt über seinen Kanal »NEXTA LIVE« ausgespielt werden. Das entspricht einem Fünftel der gesamten belarussischen Bevölkerung. Wie konnte das Hobby eines 22-jährigen Studenten zum wichtigsten Medium der belarussischen Proteste avancieren?

Stepan Putilas Kampf der Bilder gegen die belarussische Regierung beginnt im Jahr 2015. Da bastelt der 17-jährige Schüler ein Satirevideo über Präsident Alexander Lukaschenka und lädt es auf Youtube hoch. Wenige Tage später besucht der Geheimdienst seine Schule. 2018 verlässt Putila das Land, um in Polen Filmproduktion zu studieren - aber auch, weil die Behörden einen Prozess gegen ihn anleiern. Der Vorwurf: Er habe den Präsidenten auf Social Media beleidigt.

Von Warschau aus baut der schmächtige Belarusse mit den blonden Haaren seinen Telegram-Kanal NEXTA auf. »Nech-ta« bedeutet im Belarussischen »irgendjemand«. Tatsächlich ist bis heute nur wenigen bekannt, wer hinter dem Kanal steckt.

Das mittlerweile auf vier Personen angewachsene Team rund um Putila erhält nach eigenen Angaben pro Minute Hunderte Nachrichten von Privatpersonen, Oppositionellen und Insidern über verschlüsselte Telegram-Kanäle. Die wichtigsten Fotos, Dokumente und Beweisvideos werden dann weiter anonymisiert und mit einigen erläuternden Sätzen auf dem Haupt-Telegramkanal veröffentlicht.

Die Informanten können dabei auch gegenüber Putilas Team vollkommen anonym bleiben - und schützen so sich selbst und NEXTA vor der Verfolgung durch die belarussischen Behörden. »Wenn ich, Gott bewahre, eines Tages von den Spezialkommandos hier abgeholt werde und sie mich foltern, werde ich keine Informanten verraten können - weil ich ihre echten Namen nicht kenne«, erklärte Putila vor kurzem in einem Interview. Mittlerweile laufen mehrere Strafverfahren gegen den jungen Mann in Belarus. Bei einer Rückkehr in seine Heimat drohen ihm Jahrzehnte Gefängnis.

Neben der Anonymität und der Möglichkeit der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung in sogenannten geheimen Chats bot NEXTA nach den belarussischen Wahlen noch einen - wirklich entscheidenden - Vorteil: Der Kanal trotzte allen Internetblockaden der belarussischen Regierung. Während unabhängige Medien, Facebook und Twitter immer wieder für Stunden offline waren, lief Telegram weiter - und sobald die Belarussen einen dürftigen Empfang zu dem im ganzen Land gedrosselten Internet bekamen, saßen sie geduldig vor dem Handy und verschickten Pixel für Pixel an Putilas Team in Polen.

In den Tagen nach der Wahl waren diese Bilder die einzigen Beweise für die grausame Polizeigewalt bei den abendlichen Protesten in Minsk. Internationale Medien zitierten den Kanal, selbst die Tagesschau nutzte NEXTA als Quelle. Gleichzeitig schlossen sich immer mehr Telegram-Kanäle, die auch schon zur Corona-Hochzeit den Belarussen zur Vernetzung dienten, dem NEXTA-Prinzip an, und teilten Bilder von den Protesten. Auf manchen dieser Fotos scheint es, als hätten sich die Demonstrierenden für die Handykameras der »Telegram-Reporter« besonders schön hergerichtet: Ihre weißen Kleider strahlen in der Augustsonne, die Mädchen tragen Flechtfrisuren, ihre Schilder sind in frischem Rot bepinselt. Man kann das für oberflächlich halten, aber es trifft ins Herz vieler Belarussen, die es nicht gewohnt sind, eine solche Bühne zu erhalten. »Wenn ich spät nachts durch diese Kanäle scrolle, dann bekomme ich feuchte Augen«, erzählt eine Belarussin, die heute in Berlin lebt. Viele Oppositionelle fiebern von der Diaspora aus über Telegram mit.

Einer der Vorwürfe der belarussischen Justiz gegen Putila lautet Anstiftung zum Massenaufruhr. Das ist schon fast eine nüchterne Formulierung in Anbetracht der Wirkung, die sein Telegram-Kanal und die vielen weiteren entfaltet haben. Sie dienen als Mutmacher: Wenn die Nutzer sehen, dass auf dem Marktplatz um die Ecke schon zehn Leute mit Plakaten stehen, trauen sie sich hinzu. Sie widerlegen die belarussischen Staatsmedien: Während im Fernsehen von einem gerechten Vorgehen gegen »Rabauken« die Rede ist, zeigt NEXTA, wie eine Frau von den Milizen niedergeprügelt wird. Und nicht zuletzt schaffen die Kanäle einen Echoraum für den Aufstand gegen das Regime, in dem die Mutigen gefeiert werden und auch diejenigen teilhaben, die sich nicht bis vor die Gewehrläufe der Polizisten wagen. Die Belarussen haben sich über Telegram eine eigene Straße gebaut, auf der sie keine Staatsgewalt mehr aufhält.

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