Ausbildung in der Krise

Viele Azubis klagen über Mängel beim Lehrplan in der Berufsschule und im Betrieb

  • Von Martin Brandt
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Appelle waren drastisch. »Jetzt muss es darum gehen, alles zu tun, um ein Abrutschen des Ausbildungsmarktes zu verhindern«, warnte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack am Donnerstag bei der Vorstellung des neuen DGB-Ausbildungsreports 2020. Bereits zum 15. Mal hatte die DGB-Jugend bundesweit Lehrlinge über ihre Situation in den Ausbildungsstätten und Berufsschulen befragt. Die Befragung wurde noch rechtzeitig vor dem Lockdown im Frühjahr dieses Jahres abgeschlossen.

Insgesamt zeigten sich über zwei Drittel der mehr als 13 000 befragten jungen Menschen aus den 25 am häufigsten gewählten Ausbildungsberufen mit ihrer Ausbildung »zufrieden« beziehungsweise »sehr zufrieden«. Die Bewertung hänge stark von der jeweiligen Branche ab, aber auch von der Größe des Betriebs, erklärte die DGB-Bundesjugendsekretärin Manuela Conte. Zählen Industriemechaniker*innen und Verwaltungsfachangestellte weiterhin zu den zufriedensten Auszubildenden, rangieren Maler*innen und Lackierer*innen, Verkäufer*innen oder Hotelfachangestellte am unteren Ende der Skala.

Die relativ hohe Zufriedenheit darf nicht über einige gravierende Mängel bei der Ausbildung hinwegtäuschen. So wissen fast 40 Prozent der Auszubildenden selbst im letzten Ausbildungsjahr nicht, ob sie von ihrem Betrieb übernommen werden. Von den Übernommenen hingegen wird circa ein Drittel lediglich befristet, meist für ein Jahr, eingestellt. Bei über einem Drittel der Auszubildenden verzichten Betriebe auf den gesetzlich vorgeschriebenen Ausbildungsplan, der die inhaltliche und zeitliche Gestaltung der Lehre regeln soll. Dies begünstigt diverse Rechtsbrüche. So muss jeder zehnte minderjährige Auszubildende mehr als 40 Wochenstunden arbeiten und jeder achte Befragte »immer« oder »häufig« ausbildungsfremde Tätigkeiten erledigen, obwohl beides gesetzlich verboten ist.

Als das zweite Standbein in der Ausbildung beschrieb Hannack die Berufsschule. Dabei findet knapp die Hälfte der Befragten deren Lehr- und Lernqualität lediglich »befriedigend«, »ausreichend« oder sogar »mangelhaft«. Laut Conte mangel es neben ausreichend Personal an der technischen Ausstattung und der Bausubstanz. Die Coronakrise habe den digitalen Nachholbedarf an vielen Berufsschulen deutlich gemacht. »Jetzt kommt es darauf an, dass der Digitalpakt Schule schnellstens umgesetzt wird«, forderte die Bundesjugendsekretärin bei der Vorstellung des Berichts.

Der Schwerpunkt der diesjährigen Befragung lag bei den Themen Mobilität und Wohnen. So zeigen drei Viertel der Auszubildenden ein großes Interesse an einem kostengünstigen Azubi-Ticket für den öffentlichen Personen- und Nahverkehr (ÖPNV). Zugleich beklagt über ein Drittel der Befragten, den Betrieb »weniger gut« oder »gar nicht« mit dem ÖPNV erreichen zu können. Die Verkehrsnetze müssten vor allem in ländlichen Regionen ausgebaut werden.

Während zwei Drittel der Befragten gern in einer eigenen Wohnung leben würden, kann noch nicht einmal ein Drittel sich diesen Wunsch erfüllen. Das verwundert kaum, liegt die durchschnittliche Ausbildungsvergütung unter den Befragten mehr als 100 Euro unter dem Durchschnitt der tariflichen Vergütung von 941 Euro. »Der angespannte Wohnungsmarkt, vor allem in den Städten, verschärft die Situation«, so Conte.

Hannack machte darauf aufmerksam, dass der Ausbildungsmarkt bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie strukturelle Probleme aufgewiesen habe. So sei selbst der Einbruch von acht Prozent bei der Zahl der neuen Ausbildungsplätze im Zuge der Finanzkrise von 2008 bis heute nicht ausgeglichen worden. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge könnte laut einer Analyse des Bundesinstituts für Berufliche Bildung in diesem Jahr auf circa 450 000 absinken.

»Das wäre der niedrigste Stand, den wir seit Gründung der Bundesrepublik jemals hatten«, befürchtet Hannack. Jugendliche mit einem Hauptschulabschluss könnten zu den großen Verlierern der derzeitigen Krise werden. Im Vergleich zu anderen fehlen ihnen die nötigen Zugangsvoraussetzungen, um auf ein Studium oder eine andere Ausbildung ausweichen zu können.

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