Versehrte Venus auf blutrotem Grund

Zwischen anklagender Agitation und subtiler Kritik: Musik und Kunst sind in Belarus ein bedeutsamer Teil politischer Protestkultur

  • Von Norma Schneider
  • Lesedauer: 6 Min.

Eine junge Frau, die ein Kleid mit traditionellen belarussischen Stickereien und dazu Sneaker trägt, neben ihr eine rote und eine weiße Blume als Symbole des Protests, und über ihr der Slogan »GRL PWR« (Girl Power). Auf Anna Redkos Plakat zum Frauenmarsch am 19. September in Minsk und in ihren Illustrationen zu den Protesten zeigt sich eine selbstbewusste, vielschichtige Bewegung, die von starken Frauen geprägt ist.

Auf Yana Chernovas Ölgemälde »Belarusian Venus« ist eine liegende Frau zu sehen, deren nackter Körper von riesigen Blutergüssen übersät ist. Sie liegt auf einem blutroten Untergrund in der Form von Belarus. Die Künstlerin hat ein eindrückliches Symbol für die vielen Opfer von Polizeigewalt unter den Protestierenden geschaffen, die seit Wochen für ein Ende des Lukaschenko-Regimes auf die Straße gehen.

Die Werke und die Solidarität von Künstler*innen begleiten die Proteste in Belarus von Anfang an. Musiker*innen und Schauspieler*innen der staatlichen Orchester und Theater sind in den Streik getreten und künstlerische Protestformen kommen zum Einsatz. »Die friedlichen Proteste in Belarus sind besonders kreativ, oft werden Performances, Kunstinstallationen, Kostüme, riesige Puppen, Street Art und Plakate verwendet«, berichtet Urtė Karalaitė im Interview.

Die litauische Autorin und Podcasterin hat kurz nach den Präsidentschaftswahlen in Belarus die Seite »Artists With Belarus« auf Instagram ins Leben gerufen. Sie wollte der Gewalt gegen die Protestierenden nicht tatenlos zusehen und hat nach einem Weg gesucht, die Bewegung von außen zu unterstützen. »Im Zeitalter der sozialen Medien ist Kunst ein sehr starkes Kommunikationsmittel. Sie kann den Blick auf die Details richten und eine stärkere emotionale Reaktion hervorrufen als eine Dokumentation oder eine kurze Nachrichtenmeldung.« Das Ziel des Projekts ist es, Künstler*innen zusammenzubringen, um Menschen auf der ganzen Welt auf die Geschehnisse in Belarus aufmerksam zu machen.

Über 350 Kunstwerke sind bereits auf der Seite zu sehen. Die Künstler*innen kommen mehrheitlich aus Belarus und den Nachbarländern, aber auch Unterstützer*innen aus anderen Ländern nehmen teil. Die US-amerikanische Puppenkünstlerin Rafael Nuri etwa hat eine weinende Puppe gebaut, die aussieht wie die ins Exil gedrängte Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja. Unter den vielfältigen Beiträgen finden sich außer Gemälden und Plakaten auch Comics, Kurzfilme, Fotografien, Skulpturen, Tattoos und sogar Stickereien.

Neben kaum bekannten Künstler*innen, die sich mehr im subkulturellen oder Hobby-Bereich bewegen, stehen bekannte und etablierte Namen wie Ales Puschkin und Vladimir Tsesler. Tseslers klarer, minimalistischer Stil spielt mit bekannten Symbolen und schafft neue, zum Beispiel einen Schlagstock in den Farben der offiziellen rot-grünen belarussischen Flagge.

Viele der gezeigten Kunstwerke haben eine deutliche Symbolik und wirken agitierend oder anklagend. Häufig werden prügelnde Polizisten dargestellt, vieles ist in den Protestfarben Rot und Weiß gehalten, wobei Rot auch als die Farbe von Blut und Gewalt präsent ist. Wehende Fahnen, gereckte Fäuste und die drei Oppositionsführerinnen Tichanowskaja, Kolesnikowa und Zepkalo fungieren als Symbole der Hoffnung. Lukaschenko wird mal als Tyrann mit Blut an den Händen, mal als Witzfigur und quängelndes Kind dargestellt. Dazwischen finden sich aber auch subtilere Werke, die das Geschehen auf tiefgründigere Weise kommentieren.

Weitere Kunstwerke zu den Protesten werden auf der Seite cultprotest.me gezeigt, dort sind auch viele kreative Plakate und kämpferische wie ironische Parolen zu sehen. Auf einem Plakat von Alina Bliumis sieht man beispielsweise einen Schnurrbart, der den Schnurrbarträger Lukaschenko symbolisiert, und einen Rasierer mit der Aufforderung: »Wähle«. Auf einem Gemälde der Künstlerin Vasilisa Palianina weint ein Polizist mit Sturmhaube und beklagt sich: »Mama, die mögen mich nicht.«

Nicht nur die visuellen Formen der Kunst, auch die Musik ist ein wichtiges Mittel des Protests. Zwei Minsker Tontechniker wurden berühmt, als sie während des Wahlkampfs bei einer Kundgebung der Regierung die russische Protesthymne »Peremen« (»Veränderung«) von Viktor Zoi laut aufdrehten. Das Lied stammt aus der Zeit der Perestroika und ist in Belarus schon lange verboten und deshalb besonders symbolträchtig. Die Tontechniker kamen für zehn Tage in Haft, das Lied wird immer wieder bei den Protestmärschen gesungen. Die Kundgebungen von Swetlana Tichanowskaja endeten immer mit einer weiteren Protesthymne: »Steny ruchnut« (»Die Mauern stürzen ein«). Das Lied über den Kampf für die Freiheit existiert international in vielen verschiedenen Versionen.

Viele alte Protestlieder aus Belarus, Russland und der Sowjetunion werden derzeit neu aufgenommen - und neue geschrieben. Auch Künstler*innen, die bisher nicht politisch auftraten, kommentieren in ihrer Musik nun die Proteste und vor allem die massive Polizeigewalt gegen friedlich Demonstrierende. Die Musikerin Galya Chikiss hat Kolleg*innen aus aller Welt zusammengetrommelt, um den Solidaritätssampler »For Belarus« aufzunehmen, dessen Erlöse an die Opfer von Repressionen gehen.

Die eingängigsten unter den neuen Protestliedern haben »Tor Band« geschrieben. Sie greifen Parolen auf und gehen sofort ins Ohr. Die Texte fordern Veränderung, Freiheit und Zusammenhalt - und haben oft einen nationalistischen Anklang: »Wir sind kein Vieh, keine Feiglinge, wir sind ein lebendiges Volk! Wir sind Belarussen! Mit dem Glauben unserer Herzen halten wir Stand, das Banner der Freiheit über unseren Köpfen!«

Auch viele Musikvideos sind bereits entstanden, die die Proteste und staatlichen Reaktionen aufgreifen - beispielsweise der Clip des Rappers Sirop zu seinem Cover des regierungskritischen 90er-Klassikers »Rodina« (»Heimat«) der russischen Rockband »DDT«. Im Video sind aktuelle Szenen aus Minsk zu sehen, der Rapper geht als Tod verkleidet durch die Stadt. Am Schluss steht er mit der Sense vor dem Präsidentenpalast und fragt herausfordernd: »Na, Boss, was geht?«

Ob wütend und kämpferisch oder solidarisch und hoffnungsvoll - die Proteste in Belarus haben eine Welle an politischer Kunst und Musik hervorgebracht. Viele, die zuvor aufgrund staatlicher Repressionen und Zensur keine Möglichkeit hatten, politische Kunst zu machen und entweder ins Ausland gehen mussten oder unverfängliche Werke schufen, finden im Zuge der Proteste eine Plattform.

In einem Gespräch zur Eröffnung der Ausstellung »Belarus. Art. Revolution« Ende September in der Kulturfabrik Moabit in Berlin berichteten mehrere der ausgestellten Künstler*innen von der Situation in Belarus. Die Minsker Künstlerin Galya Chikiss, die im Exil in Berlin lebt, erzählt, dass man vor jedem kleinsten Garagenkonzert den belarussischen Regierungsstellen die Musik vorspielen muss. Was offiziell als Kunst gilt, »hat nichts mit Kunst zu tun, es ist nur Dekoration«.

Geld für Museen gebe es keines, nur kleine, illegale Ausstellungen seien möglich, ergänzt ihr Kollege Raman Tratsiuk. Der Großteil der belarussischen Kunst finde im Ausland statt, da Lukaschenko Kunst als Gefahr ansehe. Doch es gibt Hoffnung, dass sich das durch die Proteste ändern wird: »Die Situation gerade ist sehr neu für die Belaruss*innen, es gibt viele magische Momente, in denen sich eine neue Realität erfahren lässt. Ich denke, dass sich die Zeiten wirklich geändert haben, und ich hoffe, dass es von Dauer ist.«

»Belarus. Art. Revolution«, bis 15. Oktober, Kulturfabrik Moabit, Lehrter Str. 35, Berlin, täglich von 16 bis 20 Uhr geöffnet.

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