Erbauer von morgen müssen warten

Libanon steckt in einer tiefen Krise, die Schüler des Landes bekommen die Auswirkungen schmerzhaft zu spüren

  • Karin Leukefeld, Beirut
  • Lesedauer: 7 Min.
Hier findet in der Sarafander Schule der Biologieunterricht statt, wenn er stattfindet.
Hier findet in der Sarafander Schule der Biologieunterricht statt, wenn er stattfindet.

»Willkommen, Ihr Erbauer von morgen«, steht in Arabisch und Englisch über den Eingangstüren der Öffentlichen Oberschule von Sarafand, einem Ort südlich der Hafenstadt Sidon. Auf den Bodenfliesen kleben viereckige Warnschilder und fordern: »Halte zwei Meter Abstand.« Nach sieben Monaten erzwungener Schließung bereitet sich die Oberschule auf die Wiedereröffnung vor. In der Eingangshalle sind Lehrerinnen und Lehrer in Gespräche vertieft. Manche tragen Maske, andere nicht. Ihre Anwesenheit wird in einem großen Buch dokumentiert, das aufgeschlagen auf einem Stehpult liegt. Die Klassenräume in den Obergeschossen liegen verlassen, auf den Treppenstufen kleben grammatikalische und physikalische Formeln, damit die Abstandsregeln für die Kinder mit einem Lerneffekt verbunden werden. Ende Februar schon schlossen die Schulen im Libanon. Nun warten alle, dass es grünes Licht für die Rückkehr der Schüler gibt.

»Eigentlich beginnt der Unterricht im Libanon nach den dreimonatigen Sommerferien Mitte September«, erklärt Schuldirektor Haidar Ali Khalife. Doch der Bildungsminister verschob den Schulbeginn auf Ende September und dann auf Oktober.* Der Direktor trägt T-Shirt und Jeans und sitzt in seinem Arbeitszimmer an einem großen Schreibtisch. Vor ihm steht ein Laptop. Das Gespräch wird häufig vom Klingeln des Telefons unterbrochen. Nach und nach kommen weitere Mitglieder des Kollegiums dazu: Abbas Khalifeh unterrichtet Physik, Inas Al Hajj und Fatima Imam unterrichten Englisch und arbeiten als Vertrauenslehrerinnen in der Schulverwaltung mit.

Die Schule biete Online-Unterricht an, »aber es gibt viele Probleme«, erläutert der Schuldirektor. »Im Libanon ist die Stromversorgung schlecht, und das Internet setzt oft aus. Manchmal unterrichten die Lehrer online und plötzlich fällt der Strom aus oder das Internet bricht zusammen, die Verbindung zu den Schülern ist weg.« Manche Kinder haben gar keinen Internetzugang. Das Bildungsministerium habe den Schulen zwar ein Online-Lehrprogramm zur Verfügung gestellt, doch weder die Lehrer noch die Schüler werden darin geschult. Schließlich hätten sie WhatsApp-Lerngruppen gebildet.

»Ich habe die Bücher eingescannt, damit die Schüler sie über das Internet lesen können«, ergänzt Physiklehrer Abbas Khalifeh. Doch die Schüler wüssten nicht, wie sie online arbeiten sollen, und klinken sich einfach aus. In der Schule werde ja nicht nur Lehrstoff vermittelt, sagt Haidar Khalife. »Wir bilden den Charakter der Kinder aus«, ergänzt Englischlehrerin Inas Al Hajj. Haidar Khalife stimmt zu: »Das ist online nicht möglich.«

Kunstausstellungen, Festivals, Ausflüge - in diesem Jahr hat nichts davon stattgefunden. Khalife zeigt auf zwei Ölbilder, die in seinem Arbeitszimmer hängen. Schüler haben sie gemalt. Hinter seinem Schreibtisch steht ein farbenprächtiges Glasfenster, ebenfalls von Schülern hergestellt. Die Oberschule von Sarafand ist bekannt für ihren ambitionierten Kunst- und Musikunterricht. Die Folkloregruppe der Schule hat bei landesweiten Wettbewerben erste Preise erreicht.

Inas Al Hajj nickt nachdenklich: »Wir sind eine virtuelle Gesellschaft geworden.« Im letzten Schuljahr hätten die Lehrer mit Schülern und Schülerinnen einzeln gearbeitet, die persönliche oder schulische Probleme hatten. Nicht so in diesem Jahr. Die Mehrarbeit war nicht zu schaffen. »Sie müssen wissen, dass Libanon nicht nur das Problem mit dem Coronavirus hat«, erklärt Direktor Khalife. »Wir haben politische Probleme, und wir haben eine massive Wirtschaftskrise. Die Gehälter der Lehrer und Lehrerinnen sind in den Keller gefallen, jeder ist in wirtschaftliche Not geraten und manche haben die Arbeit aufgegeben.«

Physiklehrer Abbas Khalife weist auf ein Problem nach der Quarantäne hin. Die Kapazität ihrer Schule umfasse 400 Schüler. »Aktuell haben wir 621 Schülerinnen und Schüler im Online Unterricht. Wie sollen wir die soziale Distanz umsetzen, die uns für die Wiedereröffnung vorgegeben wird?« Die normale Klassenstärke seien 30 Personen, derzeit gebe es 36 Schülerinnen und Schüler pro Klasse. Nach der Wiedereröffnung wolle man die Klassen teilen: »18 bleiben eine Woche in der Schule, während die anderen 18 zu Hause per Online unterrichtet werden. In der zweiten Woche umgekehrt.«

In der Bibliothek der Schule sitzen die 15-jährige Batool Tahtan und ihr Cousin Mohammad Harbi, der 17 ist und im nächsten Jahr seinen Abschluss machen will. Beide sind aktiv in der Folkloregruppe der Schule und haben schon viele Preise gewonnen. Für den nationalen Wettbewerb 2020 hatten sie schon einen Tanz vorbereitet, erzählt Mohammad: »Aber dann kam Corona, die Revolution, die Wirtschaftskrise und all die Probleme.« Mohammad liebt die Schule, er liebt es, Leute zu treffen. »In den ersten zwei Wochen dachte ich, okay, es ist ein bisschen wie Ferien. Aber dann war es, als werde mir die Luft abgeschnürt.« Etwas großes Unbekanntes zerstöre nun sein Leben, sagt er. Der Online-Unterricht könne die Schule nicht ersetzen. »Die direkte Interaktion beeinflusst uns positiv beim Lernen, die Stimmen, die Diskussion mit dem Lehrer, die Mimik. In der virtuellen Welt gibt es das nicht.«

Sie habe am Anfang große Angst gehabt, sagt Batool. »Meine Mutter hat alles, was sie eingekauft hat, gewaschen, das haben wir dann alle so gemacht.« Dem Online-Unterricht zu folgen, sei schwierig, manche ihrer Mitschülerinnen nähmen nicht mehr teil. Sie vermisse ihre Freundinnen. Manche von ihnen seien aus den »Online-Klassen« herausgefallen. Kein Strom oder kein Internet. Sie freut sich darauf, dass der Unterricht wieder beginnt. »Ich werde die Lehrer und meine Freunde endlich wiedersehen.«

Doch auch über ihre Zukunft machen die beiden sich Gedanken. Und schnell landen sie bei ihrem Unterricht. »Das Curriculum entspricht dem, was in französischen Schulen gelehrt wird, wir lernen etwas, das mit unserem Alltag und unserer Gesellschaft wenig zu tun hat«, sagt Mohammad. Über Politik werde nicht gesprochen, weil das ein »sensibles Thema« sei und im Geschichtsunterricht lerne man zwar etwas über das alte Ägypten und den Zweiten Weltkrieg, aber nichts über den Libanon. »Warum lernen wir nichts über den Bürgerkrieg, warum besuchen wir nicht historische Orte, die etwas mit unserer, der libanesischen Geschichte zu tun haben? Ich bin Araber und ich bin Libanese. Ich bin nicht rassistisch, aber ich will etwas über meine eigene Geschichte lernen.«

Mohammads Cousine will den Libanon »früher oder später verlassen«. Sie interessiere sich für das allgemeine Gesundheitswesen, sagt Batool. »Doch so einen Studiengang gibt es nicht im Libanon.« Die Ausbildung für Kindergärtnerinnen sei beispielsweise in Italien sehr viel besser. »Dort werden Kindergärtnerinnen anerkannt und respektiert, im Libanon nicht.«

Mohammad stimmt seiner Cousine zu: Es sei gut, eine Zeit lang im Ausland zu studieren. »Aber wir sollten zurückkehren. Wenn wir als libanesische Bürger den Libanon verlassen, ist das beschämend. Wer außer mir kann mein Land wieder aufbauen? Wenn nicht wir den Libanon mit all unserer Liebe und Sorgfalt entwickeln, werden wir kein Land haben, das uns zusammenhält. Ich bin Libanese und ich bin für mein Land verantwortlich, auch wenn wir jetzt viele Probleme mit der Regierung haben. Libanon besteht aus zwei Teilen, es ist unser Zuhause und es gibt die Regierung. Unser Zuhause liebt uns, aber die Regierung muss verändert werden. Die Regierung denkt, dass der Libanon ihr gehört, aber so ist es nicht. Der Libanon gehört uns.«

Nachdenklich stimmt Batool ihrem Cousin zu: »Du hast recht und ich liebe mein Land auch. Aber es hat mir nichts gegeben. Alles was ich habe und bin, habe ich meinen Eltern zu verdanken.«

Sarafand liegt an der Küstenautobahn, die Beirut mit Sidon und Tyre verbindet. Rechts und links der Autobahn breiten sich Zitrus- und Bananenhaine aus, die Mittelmeerküste ist nur wenige Kilometer entfernt. 30 Kilometer entfernt liegt in den Hügeln über Saida das Dorf Houmine. Hier wohnt der zwölfjährige Karem. 221 Jungen und Mädchen gehen in seine Schule. Sie sei sein »zweites Zuhause«, sagt der Junge. »Ich vermisse sie.« Karem hat zwar ein Handy, aber nicht immer Strom und auch nicht immer eine Internetverbindung. Einen Computer kann die Familie sich nicht leisten. Als die Schule Anfang März geschlossen wurde, standen viele Kinder ohne jede Verbindung da. »Wir haben unser Schuljahr als «WhatsApp-Klasse» beendet«, erzählt Karem weiter. Er habe alle Prüfungen mit guten Noten bestanden, »aber nicht so gut, wie wenn wir normalen Unterricht gehabt hätten«. Online-Unterricht sei schwer, viele Schüler hätten einfach aufgegeben: »Du kannst die Lehrerin nicht ansprechen und sagen, ich verstehe das hier nicht. Du kannst nicht einfach zum Lehrerzimmer gehen und sie bitten, dir etwas zu erklären.«

Einige seiner Mitschüler werde er wohl nicht wiedersehen, meint Karem leise: »Wir haben Syrer bei uns, aber die syrischen Familien haben keine Arbeit mehr und gehen nach Hause, nach Syrien zurück. Auch von den Lehrern werden nicht alle wiederkommen. Wegen der Wirtschaftskrise reicht ihr Monatsgehalt nicht mehr, um die Familie zu ernähren. Sie müssen etwas anderes suchen.«

* In den vergangenen zwei Wochen öffneten die Schulen Libanons wieder ihre Tore. Das Gespräch unserer Autorin fand kurz zuvor statt.

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