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»Mag Gott geben, dass Frieden heimkehre«

Hermann Pölking und Linn Sackarnd offerieren ein Panorama des Deutsch-Französischen Krieges

Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 ist in Deutschland weitgehend vergessen, während man sich in Frankreich eher an ihn erinnert. Gleichwohl sind in diesem und im vorigen Jahr in Deutschland einige Bücher zu diesem Thema erschienen. Der vorliegende Band ist der umfangreichste. Sein ausführliches Quellenverzeichnis zeigt, dass der Publizist Hermann Pölking und die Filmdokumentatorin Linn Sackarnd die Erinnerungsliteratur zahlreicher deutscher und französischer Militärs, Politiker und Zivilpersonen intensiv ausgewertet haben. Die gleichnamige TV-Dokumentation zum Buch wurde in diesem Jahr von Arte und ZDF ausgestrahlt.

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Hermann Pölking/Linn Sackarnd: Der Bruderkrieg. Deutsche und Franzosen 1870/71.
Herder, 686 S., geb., 38 €.

Der Buchtitel ist allerdings zu sehr vom heutigen Stand der deutsch-französischen Freundschaft geprägt. Der größte Teil der Deutschen und Franzosen von 1870/71 dürfte den Konflikt kaum als Bruderkrieg empfunden haben. Zumindest in Nord- und Mitteldeutschland stand vor 150 Jahren die Erinnerung an die »Franzosenzeit« von 1806 bis 1812 und an die antinapoleonischen Befreiungskriege einer solchen Sicht entgegen.

Zur Vorgeschichte des Krieges zitieren die Autoren den französischen Historiker Albert Sorel, der 1875 die Pariser Presse von 1870 als einen kriegstreibenden Faktor identifizierte. Im Unterkapitel »Kriegstreiber« ist dann aber nur von Bismarck die Rede. Pölking und Sackarnd legen dar, dass bei den deutschen Armeen Mobilmachung und Aufmarsch perfekt organisiert waren, während es auf französischer Seite etliche Pannen gab. Die Autoren beschreiben ausführlich die Schlachten bei Wörth am 6. August 1870 (die von den Franzosen Schlacht bei Fröschweiler genannt wird), bei Spicheren vom 6. August, bei Colombey-Nouilly am 14. August, bei Vionville/Mars-la-Tour am 16. August, bei Gravelotte/St. Privat am 18. August, bei Beaumont am 30. August und bei Sedan am 1. September.

Am 18. August scheiterte der Sturm des preußischen Gardekorps auf die Höhe von St. Privat unter fürchterlichen Verlusten. Es hätte deutlicher formuliert werden können, dass der Kommandierende, General Prinz August von Württemberg, als er seinen Truppen befahl, durch offenes Gelände frontal anzugreifen, drastisch versagte. Nur das Eingreifen des aus Sachsen bestehenden XII. Armeekorps bewahrte die preußische Armee bei St. Privat vor einem Desaster.

Nach dem Sturz des Kaisers Napoleon III. am 3. September führte die republikanische Regierung den Kampf als Volkskrieg weiter. Dieser Teil des Krieges nimmt im vorliegenden Buch die Hälfte des Raumes ein. Auf französischer Seite spielte nun die Aktivität von Franc-tireurs (Partisanen) eine wachsende Rolle. Alle Militärangelegenheiten Frankreichs wurden auf geradezu diktatorische Weise von Léon Gambetta geleitet. Er stampfte in den unbesetzten Teilen des Landes neue Armeen aus dem Boden, um mit ihnen das belagerte Paris zu entsetzen und eine Wende des Krieges herbeizuführen.

Im zweiten Teil des Buches stellen die Autoren auch die Belagerung von Straßburg, Metz und Paris, die geheime Geldzahlung von Bismarck an den bayerischen König Ludwig II. und die Kaiserproklamation von Versailles dar. Sie zeigen, dass bei den Kämpfen im Herbst und Winter die zumeist nur flüchtig ausgebildeten und oft bunt zusammengewürfelten französischen Truppen trotz ihrer Tapferkeit den gut ausgebildeten, kampferfahrenen und fest gefügten deutschen Truppen selbst in Überzahl nicht gewachsen waren. Im eingeschlossenen Paris zog bittere Not ein. Man verzehrte Pferde, bald auch Zootiere, Hunde, Katzen und Ratten. Im Winter konnten sich nur Reiche eine warme Stube verschaffen.

Im Friedensvertrag von Frankfurt musste Frankreich das Elsass und den östlichen Teil Lothringens an das deutsche Kaiserreich abtreten. Diese Annexion, so schreiben die Autoren, habe das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen »für mehr als drei Generationen vergiftet«.

Im gesamten Band haben die Verfasser immer wieder Episoden aus dem Erleben deutscher und französischer Militärs und Zivilpersonen eingefügt und zitieren aus deren Erinnerungen. Insbesondere der ungewöhnlich kalte Winter 1870/71 brachte für die französische Zivilbevölkerung, aber auch für die Soldaten beider Seiten Entbehrungen und große Strapazen. So notierte die junge Schriftstellerin Juliette Adam am 12. Dezember, dass sich die Pariser Ambulanzen mit halb erfrorenen und an Lungenentzündung und Pocken erkrankten Soldaten der Vorposten füllten. Der Unteroffizier der Nationalgarde Albert Devienne schrieb am 19. Januar über sich und seine Kameraden: »Die meisten von uns sind nicht in der Lage, Arme und Beine zu bewegen, haben geschwollene und blutige Füße; in diesem Zustand werden wir den ganzen Tag kämpfen müssen.«

In den Erinnerungen des Leutnants Gottlieb von Thäter heißt es über den Zustand des Bayerischen I. Armeekorps im Dezember: »Abgerissen und in Lumpen gehüllt …, glich es mehr einer Räuberbande als einer Truppe.« Der Soldat Albert Böhme aus Braunschweig schrieb am 14. Januar aus Le Mans an seine Frau: »Wir sind nun bald am Atlantischen Ozean. Noch vier Tagesmärsche, dann sind wir da. Dann mag Gott geben, dass dies Elend endet und der Frieden heimkehre. Er ist eine furchtbare Menschenopferei.« Diese Episoden machen das Buch zu einem vielstimmigen Panorama des Krieges.

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