Dänemark beschließt Ölförderstopp

Parlament des größten EU-Produzenten nach Großbritannien stimmt für Klimaneutralität bis 2050

  • Von Andreas Knudsen, Kopenhagen
  • Lesedauer: 4 Min.

Drei Jahre sind manchmal mehr als nur die Summe der Kalendertage. Manchmal entwickelt sich die Gesellschaft so rasant in wenigen Jahren, dass eine Vereinbarung, die vor drei Jahren beschlossen wurde, wie ein Papyrus aus fernen Zeiten erscheint. Dieses Schicksal widerfuhr einem Gesetzpaket, welches das dänische Parlament 2017 beschloss, um die Förderung von Öl und Gas im dänischen Teil der Nordsee für die nächsten Jahrzehnte zu stimulieren. Von bürgerlichen Parteien über Sozialdemokraten bis hin zu Linkssozialisten herrschte Einigkeit darüber, dass es wichtig wäre, die einheimische Produktion bis zum Ende des 21. Jahrhunderts, wenn die Vorkommen vermutlich erschöpft sind, beizubehalten. Seitdem haben die offenkundige Klimakrise, Fridays for Future und der Rückzug der Ölkonzerne, die um die Gesetzesvorlage gekämpft hatten, das Bild grundlegend geändert.

Die Parteien, die damals für die Ölförderung waren, meinen nun, dass Dänemark Vorreiter werden soll bei der Energiewende. Ende vergangener Woche stimmte das dänische Parlament für einen Stopp der Öl- und Gasförderung bis 2050. Erneuerbare Energiequellen sollen zu diesem Zeitpunkt das Land komplett versorgen und Dänemark in allen Punkten CO2-neutral sein. Rein rechnerisch könnte man die Förderung über dieses Jahr hinaus fortsetzen und sich trotzdem mit dem Titel klimaneutral schmücken, vorausgesetzt jedoch, dass die gesamte Förderung exportiert wird. Denn Dänemark ist nach dem Brexit der größte Förderer in der EU.

Umweltverbände und linke Parteien hatten lange auf die sozialdemokratische Regierungspartei eingewirkt, damit Dänemark klimaneutral wird. Doch die Sozialdemokraten zögerten lange, dies auch umzusetzen. Die Steuermilliarden, die langfristig auf dem Spiel stehen, müssen anderweitig ersetzt werden. Dänemark gehört mit einer Wirtschaftsleistung von zuletzt 49 720 Euro pro Einwohner zu den wohlhabendsten Ländern in Europa. Einen wichtigen Teil dieses Wohlstands erwirtschaftete das Land in den vergangenen Jahrzehnten durch die Förderung des Erdöls in der Nordsee.

Um Zeit zu gewinnen für die Entscheidungsfindung hinter den Kulissen, setzte Energie- und Klimaminister Dan Jørgensen zunächst eine Kommission ein, die mehr Wissen um das Für und Wider der Öl- und Gasförderung sammeln sollte. Diese brauchte dafür mehr als ein Jahr, während gleichzeitig die achte Ausschreibungsrunde für die Erkundung neuer Öl- und Gasvorkommen ausgesetzt wurde. Dieses Moratorium gab den bis dahin interessierten Ölförderern die Möglichkeit, ihre Prognosen neu zu berechnen.

Vor dem Hintergrund steigender Kosten, bestenfalls stagnierender Preise und der vielen Jahre, die seit dem letzten lohnenden Fund vergangen sind, zogen sie sich einer nach dem anderen zurück. Fast zeitgleich mit der Parlamentsentscheidung verkündete Total, der bedeutendste Förderer in Dänemark, sich zurückzuziehen. Total hatte 2018, ein Jahr nach der ausdrücklichen Unterstützung der Gesetzesgeber für die weitere Ölförderung, das Öl- und Gasgeschäft des dänischen Mærsk-Konglomerats übernommen. Eben dieses Unternehmen hatte wesentlich daran gearbeitet, weiterhin vorteilhafte Förderbedingungen zu haben, um aber kurz danach das Handtuch zu werfen. Total ist gegenwärtig dabei, das 2018 gekaufte Tyra-Feld für die kommenden 30 Jahre fit zu machen und muss dafür etwa vier Milliarden Euro investieren. Als etablierter Förderer hat der Konzern aber weiterhin die Möglichkeit, innerhalb seines Bereiches nach neuen Quellen zu suchen und bis zum Auslaufjahr 2050 auszubeuten.

Seit dem Beginn der Öl- und Gasproduktion 1972 hat die dänische Staatskasse gut an ihr verdient. Es wird geschätzt, dass sie etwa 100 Milliarden Euro Steuereinnahmen brachte. Etwa 25 Jahre lang war Dänemark Nettoexporteur, aber mit dem Schwinden der Vorkommen nach der Jahrtausendwende hat sich dies langsam geändert. Gegenwärtig nimmt der Staat etwa zwei Milliarden Euro jährlich ein. Etwa 10 000 Arbeitsplätze sind direkt oder indirekt mit der Förderung verbunden. Die meisten davon sind in Esbjerg an der Nordseeküste angesiedelt. Langfristig sollen die Beschäftigten umgeschult werden auf grüne Energietechnologien. So ist Esbjerg auch ein Knotenpunkt für den Export von Windrädern und soll dafür weiter ausgebaut werden. Teil des Beschlusses, die Öl- und Gasförderung einzustellen, ist auch ein staatlich finanziertes Forschungsprojekt, wie CO2 in den geleerten Feldern gelagert werden kann. Als andere mögliche Energiequelle und Arbeitsplatz der Zukunft wird auch die sogenannte Power-to-X-Technologie genannt, in deren Erforschung und Anwendung ebenfalls investiert werden soll.

Der dänische Beschluss wurde von Umweltverbänden begrüßt. Sie hoffen nun auf ähnliche Entscheidungen in Großbritannien und Norwegen. In diesen Ländern spielen Öl- und Gasförderung jedoch eine wesentlich größere Rolle für die Wirtschaft und höhere Profite, Steuereinnahmen und mehr Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Aber manchmal vergehen nur wenige Jahre, bevor eine utopische Vorstellung plötzlich Realität wird.

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