»Wir können sie nicht verhungern lassen«

Caritas-Chef Müller über die Notwendigkeit und die Grenzen humanitärer Hilfe in Syrien

  • Von Philipp Hedemann
  • Lesedauer: 9 Min.

Herr Müller, wie ist die aktuelle humanitäre Lage in Syrien?

Dramatisch - und sie spitzt sich weiter zu. 6,6 Millionen Syrer sind Binnenvertriebene, also Flüchtlinge im eigenen Land. Über 80 Prozent der Syrer leben unter der Armutsgrenze. Jede dritte Schule ist zerstört oder beschädigt. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung wohnt in Ruinen, Rohbauten oder anderen Notunterkünften, meist ohne fließend Wasser und Strom. Die Lebensmittelpreise haben sich innerhalb eines Jahres um 250 Prozent erhöht. All das verschärft die Not jeden Tag.

Wie steht es nach fast zehn Jahren Krieg um die Gesundheitsversorgung?

Die Hälfte aller Gesundheitseinrichtungen ist zerstört oder beschädigt. Seit Beginn des Krieges hat rund die Hälfte des medizinischen Personals Syrien als Flüchtlinge verlassen. Als ich das letzte Mal in Damaskus war, sind mir die vielen Schilder von Arztpraxen aufgefallen. Aber die Ärzte sind einfach nicht mehr da. Vor Ausbruch des Krieges hat der Staat eine Gesundheitsbasisversorgung garantiert. Sie gibt es nicht mehr. Jetzt müssen ärztliche Dienstleistungen und selbst lebensrettende Operationen meist sofort in bar bezahlt werden. Die meisten Syrerinnen und Syrer können sich seitdem gar keine Gesundheitsversorgung mehr leisten.

Wie verschärft Corona die Not?

Selbst die offiziellen Zahlen, die weit unter den realen Zahlen liegen, weisen seit Oktober auf eine zweite Corona-Welle hin. Im Gegensatz zum Frühjahr gibt es jedoch aktuell keine strikten Präventionsmaßnahmen seitens der Regierung, was eine rapide Verbreitung des Virus beschleunigt. Berichte aus den sozialen Medien verdeutlichen, dass die medizinische Infrastruktur vollkommen unzureichend ist, es fehlt an Testmöglichkeiten, die Ärzte berichten von ganzen Familien, die infiziert sind, und hohen Todeszahlen. Den Krankenhäusern fehlt es an Ausrüstung, Medizin und insbesondere dringend benötigten Sauerstoffflaschen. Die Schulen scheinen ein Hotspot zu sein, es mangelt an Desinfektionsmitteln, weder Schüler noch Lehrer tragen Masken und das bei drei Kindern pro Schulbank.

Welche Auswirkungen hat Corona auf die humanitäre Hilfe?

Wir setzen unsere Arbeit mit Caritas Syrien und ihren Hunderten von lokalen Mitarbeitern um. Als das öffentliche Leben durch einen Lockdown zum Erliegen kam, waren auch wir betroffen. Wir mussten unter anderem Hilfsgüter dezentral direkt zu den Betroffenen liefern, um große Menschenaufläufe bei Verteilungen zu verhindern. Unsere Sozialzentren mussten teilweise geschlossen werden. Die Hilfe kam nicht komplett zum Erliegen, doch sie musste zeitweise eingeschränkt werden. Etliche unserer Mitarbeiter waren erkrankt, aber zum Glück ist keiner von ihnen an Corona gestorben.

Was bereitet Ihnen noch Sorgen?

Der bevorstehende Winter! Die Öl- und Gaspreise sind in den letzten drei Wochen um 170 Prozent gestiegen. Das liegt unter anderem an amerikanischen Sanktionen, die jeden Handel mit Syrien im Energiesektor unter Strafe stellen. Das hat zu einer starken Verknappung von Öl und Gas geführt - und im Winter wird es in Syrien sehr kalt. Die Menschen werden zwar nicht erfrieren, aber in nicht beheizten Ruinen drohen Lungenentzündungen, und chronisch Kranke werden weiter geschwächt werden. Außerdem sind immer mehr Syrerinnen und Syrer unterernährt, weil sie sich kaum noch Lebensmittel leisten können. Allein der Brotpreis ist um die Hälfte gestiegen. Wenn es denn überhaupt welches gibt! Unsere Partner berichten von langen Schlangen vor Bäckereien mit Wartezeiten von bis zu drei Stunden.

Wie hilft Caritas international in Syrien?

Bei uns stehen Überlebenshilfen im Vordergrund. Das heißt, wir verteilen unter anderem Lebensmittel und Hygieneartikel, weil diese nicht mehr verfügbar oder nicht mehr bezahlbar sind. Vor dem Winter wird dies mit warmer Kleidung und Teppichen zur besseren Isolierung ergänzt. Außerdem unterstützen wir Kinder, die auf Grund des Krieges viel Unterricht verpasst haben, beim Lernen. Es gibt viele Zehnjährige, die noch nicht lesen und schreiben können, jedoch aufgrund ihres Alters bereits in Klasse fünf eingeschult wurden. Erhalten sie keinen zusätzlichen Förderunterricht, werden sie nicht in der Lage sein, dem Unterricht zu folgen. Ergänzt werden diese Aktivitäten mit psychosozialen Angeboten, um vor allem Kinder, aber auch Frauen und Senioren bei der Bewältigung des Erlebten zu unterstützen und mit der weiterhin schwierigen Lebenssituation besser umzugehen. Zudem unterstützen wir Familien mit Geld oder Baumaterialien, damit sie sich für den Winter Wohnraum herrichten können. Mit sehr geringen Mitteln kann dabei schon viel erreicht werden.

Helfen Sie auch Menschen, die auf medizinische Hilfe angewiesen sind?

Ja. Dabei stehen für uns marginalisierte Gruppen wie behinderte Menschen und Senioren, die häufig chronische Krankheiten haben, im Vordergrund. Man geht davon aus, dass es in Syrien über 1,5 Millionen Menschen gibt, die eine bleibende Behinderung als direkte Folge des Krieges haben. Und jeden Tag werden es mehr, denn über drei Millionen Kinder sind Minen und nicht explodierter Munition ausgesetzt. Wir unterstützen besonders Bedürftige finanziell bei der medizinischen Versorgung. Dabei geht es oft um Fragen von Leben und Tod. Es ist jedes Mal wieder aufs Neue erschütternd, wenn wir Menschen, die unserer Hilfe dringend bedürften, abweisen müssen, weil uns schlicht und ergreifend die Mittel fehlen. Das macht die Arbeit für die Kolleginnen und Kollegen vor Ort extrem belastend.

Wer bekommt Hilfe, wer nicht?

Leider längst nicht alle, die sie benötigen. Elf Millionen von rund 16 Millionen Menschen, die noch in Syrien leben, sind derzeit auf humanitäre Hilfe angewiesen. Unter ihnen sind fünf Millionen Kinder. Aber längst nicht alle erhalten tatsächlich Hilfe. Es kommt vor allem darauf an, wo sie leben. In Gebieten, die umkämpft sind oder nicht von Regierungstruppen kontrolliert werden, ist es besonders schwer, die Menschen zu erreichen. Mittlerweile werden zwar rund 70 Prozent der Landesfläche von Assad-Truppen gehalten. Aber selbst dort können Kampfhandlungen den Zugang erschweren.

Wo hilft Caritas international?

Wir sind an fünf verschiedenen Standorten im Einsatz. In Aleppo und Damaskus erreichen wir die meisten Menschen. Wir können aber auch in Regionen arbeiten, die nicht unter der Kontrolle des Regimes stehen, allerdings nicht mit Caritas Syrien, sondern mit anderen lokalen Partnern. Die Namen und die Standorte dieser Akteure kann ich nicht nennen, um sie nicht zusätzlich zu gefährden.

Syrien ist das vierte Jahr in Folge das gefährlichste Land für humanitäre Helfer. Dort starben seit Jahresbeginn 20 Helfer. Wie gefährlich ist Ihre Arbeit?

Wenn humanitäre Helfer in Kriegsgebieten wie Syrien sterben, liegt es meistens daran, dass die Konfliktparteien die Neutralität der Helfer nicht respektieren, sie als interessengeleitete Eindringlinge sehen oder humanitäre Prinzipien wie das Recht auf die Versorgung mit Lebensmitteln schlicht nicht akzeptieren. Das passiert leider immer häufiger und macht unsere Arbeit in Syrien so gefährlich.

Die Hilfswerke der Vereinten Nationen dürfen in Syrien nur als Partner regimetreuer Organisationen arbeiten, darunter die »Syrien-Stiftung für Entwicklung« von Assads Frau Asma al Assad. Laut »Human Rights Watch« fließen auf solchen Wegen UN-Gelder in Millionenhöhe an Regimeangehörige. Ist Caritas international davon auch betroffen?

Es gibt in der Tat zahlreiche Untersuchungen, die besagen, dass die Arbeit der UN-Agenturen politisch manipuliert werde. An wichtigen Schaltstellen säßen Vertreter des syrischen Regimes und sorgten dafür, dass ihnen loyale Bevölkerungsgruppen zuerst oder ausschließlich Hilfe erhielten und vermeintlich illoyale Bevölkerungsgruppen von der Hilfe abgeschnitten würden. Es sollen sogar konkrete Namen von den Listen der Hilfeempfänger gestrichen worden sein. Die Auswahl der Begünstigten in unseren Projekten obliegt bisher allein uns und unserer Partnerorganisation. Das kann ich mit Sicherheit sagen. Wir entscheiden ausschließlich nach dem humanitären Prinzip der Bedürftigkeit. Wir können uns in unseren Projektgebieten frei bewegen, die Leute ungehindert fragen, wie es ihnen geht und uns so ein realistisches Bild der sozialen Lage machen - auch wenn die Regierung unsere Aktivitäten sicherlich beobachtet.

Woran liegt es, dass Sie in Syrien freier arbeiten können als die UNO?

Über die Vereinten Nationen wird sehr viel geholfen und somit auch das ganz große Geld abgewickelt. Da geht es um Hunderte von Millionen Dollar. Als nichtstaatliche Hilfsorganisation stehen wir vielleicht nicht so sehr im Fokus der Aufmerksamkeit. Natürlich können wir die UN-Hilfen nicht ersetzen, aber wir könnten noch deutlich mehr Menschen erreichen, wenn wir mehr Mittel bekämen.

Ist es nach fast zehn Jahren Krieg schwierig, Spenden für Syrien einzutreiben?

Auch wenn die Zahlen rückläufig sind, bin ich positiv überrascht, wie viele Menschen auch im Jahr zehn des Krieges noch für Syrien spenden. Das ist keine Selbstverständlichkeit, da es wenig Hoffnung auf einen Wandel der politischen Verhältnisse gibt. Doch es gibt in der deutschen Bevölkerung nach wie vor eine hohe Sensibilität für die Not der syrischen Bevölkerung. Die Spender können offenbar zwischen den Verantwortlichen und den Leidtragenden des Krieges unterscheiden. Und sie vertrauen uns, dass wir die Leidtragenden erreichen.

Aber klebt die humanitäre Hilfe nicht nur ein notdürftiges Pflaster auf eine immer wieder neu aufreißende Wunde, solange keine politische Lösung für den Konflikt gefunden ist?

In die Rolle will ich mich nicht drängen lassen. Wir sind nicht nur ein Pflaster! Natürlich braucht es langfristig eine politische Lösung, aber die gibt es derzeit nun mal noch nicht. Als humanitäre Organisation haben wir nicht den Anspruch, eine politische Lösung zu finden. Das ist Aufgabe der Politik. Wir haben ein humanitäres Mandat und die Anzahl der Menschen in Syrien, die auf humanitäre Unterstützung zum Überleben angewiesen sind, ist riesig und wird in den kommenden Monaten weiter wachsen.

Könnte die Hilfe dann nicht an die Bedingung geknüpft werden: Wir helfen nur, wenn wir überall helfen können?

Der Versuch der Politik durch Druck gegenüber der syrischen Regierung Veränderungen zu erreichen, war bislang leider nicht von Erfolg gekrönt. Die Hoffnung, durch weiteren Druck endlich verbesserten Zugang für humanitäre Hilfe zu erhalten, ist deshalb mehr als ungewiss. Das heißt, wir müssen mit den gegebenen Bedingungen arbeiten und versuchen, unter diesen Umständen so gut wie eben möglich zu helfen.

Entlassen Sie die syrische Regierung so nicht aus ihrer Verantwortung, sich um ihre eigene Bevölkerung zu kümmern?

Dieses Dilemma existiert leider. In Syrien haben wir es mit einem Staat zu tun, mit dem westliche Staaten aus nachvollziehbaren Gründen nicht zusammenarbeiten wollen. Und dennoch sehen wir es als humanitäre Organisation als unsere Pflicht an, die Not der Menschen in den Blick zu nehmen. Aus humanitärer Sicht müssen wir sagen: So wie jetzt kann es nicht weitergehen! Wir können die Menschen in Syrien nicht verhungern lassen, wir können sie nicht an banalen, leicht zu behandelnden Krankheiten zu Grunde gehen lassen, nur weil die politischen Verhältnisse so sind, wie sie sind. Als Hilfsorganisation müssen wir die humanitäre Situation von der politischen Situation trennen. Die politische Lösung des Konfliktes ist sehr schwierig und langwierig. Während daran gearbeitet wird, muss es humanitäre Hilfe geben.

Was kann Deutschland tun, damit Hilfsorganisationen in Syrien besser arbeiten können?

Wir erwarten von der Bundesregierung, dass sie sich weiter für einen verbesserten humanitären Zugang einsetzt. Deutschland ist weltweit der zweitgrößte Geber humanitärer Hilfe, Deutschlands Stimme hat deshalb Gewicht.

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