Der Delinquent im Einweckglas

Eine Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden gibt Einblicke in das Leben im Gefängnis

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 6 Min.

Mit wirrem Haar und hohlem Blick sitzt ein Mann auf dem Boden eines Einweckglases. Der Deckel ist mit einem Metallverschluss fest fixiert. Die gestreifte Hose zeigt, dass es sich bei der Figur in der Zeichnung um einen Gefangenen handelt. »Isolationshaft« hat Günther Finneisen die Karikatur genannt, die ihn selbst darstellt. Zunächst als Autodieb hinter Gittern gelandet, musste er nach einem gewaltsamen Gefängnisausbruch mit Geiselnahme 16 Jahre in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Celle in strenger »Absonderung« verbringen - »lebendig begraben«, wie ein Reporter schrieb. Erst 2012 kam er frei.

16 Jahre allein in einer Zelle, ohne Gespräche, ohne Berührungen: Solche Haftbedingungen zehren extrem an Körper und Geist. Welchen Sinn hat eine so lange und rigide Strafe? Ist sie Ausdruck von Vergeltung? Vom Willen zu Einschüchterung und Unterwerfung? Oder geht es um Besserung, um die Vorbeugung künftiger Vergehen? Welche Hoffnungen verbindet eine Gesellschaft damit, einem Menschen derart lange die Freiheit zu entziehen?

Finneisens Zeichnung ist in der Ausstellung »Im Gefängnis« im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden. Diese weist gleich eingangs in großen Lettern an der Wand darauf hin, dass es die Gesellschaft ist, die festlegt, warum und wie lange jemand hinter Gitter geschickt wird: »Wir sind es, die strafen«, heißt es. Wer die soziale Ordnung stört, indem er gegen deren Regeln verstößt, soll bestraft werden. Was aber als Vergehen oder Verbrechen gilt und welche Strafe angemessen ist, unterscheidet sich von Land zu Land und von Epoche zu Epoche. Die Schau zitiert Beispiele: Zwei junge Engländer, die 2011 wegen des Aufrufs zum Aufstand in den sozialen Netzwerken zu vier Jahren Haft verurteilt wurden. Ein 42-Jähriger, dem eine Abtreibung 2013 in Irland 14 Jahre Haft eintrugen. Ein 22-jähriger Franzose, der wegen des Diebstahls eines Ziegenkäses immerhin drei Monate hinter Gitter geschickt wurde.

Gefängnishaft gilt seit der Französischen Revolution als gängiges Mittel der Bestrafung. Bis dahin waren Delinquenten körperlich gezüchtigt, oft genug auch hingerichtet worden. Die Inhaftierung galt als humanere Alternative. In Einrichtungen wie dem von Jeremy Bentham 1791 entworfenen Panopticon, das mit seinem kreisförmigen Grundriss und dem zentralen Turm zur Überwachung als Prototyp späterer Gefängnisbauten gilt, sollten Straftäter verwahrt, kontrolliert, aber auch erzogen werden - zur Einhaltung der Regeln als Voraussetzung für eine Rückkehr in die Gesellschaft. Das Gefängnis, zitiert die Ausstellung den Kriminologen David Garland, ergreife »Besitz vom Körper des Gefangenen«, diszipliniere diesen, beschränke seine Bewegungen. Eigentliches Ziel aber sei es, die Seele zu verändern - als »Sitz seiner Gewohnheiten«.

Um zu zeigen, was das in der Praxis heißt, werden die Besucher der Ausstellung, die das Dresdner Museum gemeinsam mit dem Internationalen Rotkreuz- und Halbmondmuseum Genf und dem Musée des Confluences Lyon erarbeitet hat, im Wortsinn hinter Gitter geschickt. Ihr Szenograf, der Züricher Architekt Tristan Kobler, stellte in giftgrün getünchte Räume drei Käfige, die an Zellen erinnern, obgleich ihre bunte Lackierung einen Teil des Schreckens nimmt. Schweren Gittertüren führen in eine Welt, in der deutlich andere Regeln gelten als jenseits der Gefängnismauern: strikte Hierarchien und das Recht des Stärkeren; Misstrauen, das oft Verhältnis zwischen den Insassen und zu den Wärtern prägt. In einer Vitrine sind selbst gebaute Waffen aus dem Schweizer Gefängnis Champ-Dollon zu sehen: ein Schlagring aus Schlüsselringen; ein Messer, das in einem Kruzifix versteckt ist. In einem Kunstprojekt haben Insassen der JVA Herford ihre Erfahrungen verarbeitet, indem sie Hocker gestalteten. Einer hat einen gewaltsam abgeknickten Fuß; bei einem scheinen die zusammengedrückten Beine wie von Würgemalen übersät.

Vom Alltag in einem Gefängnis haben die meisten Menschen keine Vorstellung - oder allenfalls eine, die von Filmen und TV-Serien geprägt ist. Einige Szenen laufen in einem engen Raum in Endlosschleife; Ausschnitte aus »American History X« (1998) oder Oliver Hirschbiegels »Das Experiment« (2001) etwa. Oft geht es in den Filmsequenzen um Einsamkeit, Widerstand oder um die Vorbereitung von Flucht und Ausbruch. Es seien klischeehafte Bilder, die von der Realität in echten Haftanstalten eine »beträchtliche Kluft« trenne, wie die Ausstellung anmerkt. Letztere ist über lange Strecken nicht zuletzt geprägt von Einsamkeit, Warten und Langeweile. Versinnbildlicht wird das in der Schau etwa durch eine Installation von Rodrique Glombard: vier Reihen mit zwölf Sanduhren, die je 30 Minuten laufen, von Besuchern selbst umgedreht werden können und die Frage aufwerfen, wie sich hinter Gittern die Zeit totschlagen lässt.

Einige Antworten werden in einer weiteren Zelle gegeben. Zu sehen sind Fotos von Häftlingen, die mit aus Wasserflaschen selbst gebauten Hanteln oder mit Tätowierpistolen Marke Eigenbau ihre Körper gestalten; daneben ein aus Seife geformtes Schachspiel oder ein Pizzaofen, den sich der RAF-Terrorist Jan Carl Raspe 1975 im Hochsicherheitsgefängnis Stammheim bastelte. Auch kunsthandwerkliche Produkte entstehen in Gefängnissen, etwa ein Räuchermann in Gestalt eines Häftlings, der über den »Gitterladen Sachsen« vertrieben wurde. Kreative Betätigung mag helfen, die Haftzeit zu ertragen; dennoch sind psychische Störungen und Drogensucht in Haftanstalten weit verbreitet.

Und wofür das Ganze? Zu Gefängnisstrafen verurteilte Straftäter sitzen in Deutschland im Schnitt 206 Tage hinter Gittern, in Frankreich 300, in den USA über 1600 Tage. Sind sie danach bereit für ein Leben im Einklang mit den gesellschaftlichen Normen? Fachleute bezweifeln das. Keine Art des Umgangs mit Straffälligen, sagt der Kriminologe Bernd Moelicke in einem Videointerview in der Ausstellung, sei so teuer wie das Gefängnis »und hat gleichzeitig eine so hohe Rückfallquote«. Im Knast, zitiert der Katalog der Ausstellung einen Ex-Häftling, werde »überhaupt erst die Bedingung für den Rückfall geschaffen«. Fjodor Dostojewski stellte schon 1862 in seinen »Aufzeichnungen aus einem Totenhaus« fest, Gefängnis wecke »nur Hass, Begierde nach verbotenen Genüssen und einen schrecklichen Leichtsinn«.

Die Schau stellt alternative Konzepte zur Debatte, das Modell einer »restorativen Justiz« etwa, bei dem Opfer von Straftaten einbezogen und ein Ausgleich mit diesen als Sanktionsprinzip angewandt wird. Man solle, sagt der französische Richter Denis Salas, Straftätern zu verstehen geben: »Du bist besser als deine Taten.« Wie viel Anklang solche Modelle in der Gesellschaft tatsächlich fänden, ist offen. Am Ende der Ausstellung können Besucher die Frage beantworten, ob sie einen ehemaligen Gefangenen als Nachbarn akzeptieren würden. Die Zustimmung überwiegt klar. In den USA gibt es freilich seit 2005 eine »National Sex Offender Public Website«, der Bürger entnehmen können, wo in ihrer Nachbarschaft Sexualstraftäter wohnen. Ein umstrittenes Instrument: Es berge, heißt es in der Ausstellung, die Gefahr, ehemalige Häftlinge lebenslang zu stigmatisieren. Die Strafe dauert dann fort, auch wenn sich die Gittertüren des Gefängnisses längst wieder geöffnet haben.

»Im Gefängnis. Vom Entzug der Freiheit« bis 31. Mai 2021 im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden. Das Museum ist derzeit geschlossen, aber es gibt ein digitales Angebot: »Knastpost«. Mehr Informationen unter: www.dhmd.de

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