Scheeres’ Chaostage

Schulen und Kitas sollen in den Notbetrieb gehen - die Eltern müssen bei Beschulung selber ran

  • Rainer Rutz
  • Lesedauer: 3 Min.

Im Zuge des bundesweiten Lockdowns werden auch in Berlin die Schulen am Mittwoch schließen. Wie Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Montag konkretisierte, soll für die Schüler in den verbleibenden drei Tagen bis zum Beginn der Weihnachtsferien »schulisch angeleitetes Lernen zu Hause« organisiert werden. »Wir sprechen hier nicht von Ferien. Uns ist es wichtig, dass die Kinder zu Hause auch lernen«, sagte Scheeres auf einer Sondersitzung des Bildungsausschusses des Abgeordnetenhauses. Um es auf den Punkt zu bringen: Das Homeschooling ist zurück. Gleiches hatte die Bildungsverwaltung zuvor schon für die Zeit vom 4. bis 8. Januar beschlossen, also die Woche nach den Weihnachtsferien.

Mit Blick auf das Infektionsgeschehen in Berlin wiederholte die Bildungssenatorin im Parlamentsausschuss ihr seit Wochen vorgetragenes Mantra: »Schulen sind keine Hotspots.« Scheeres hatte sich unter Berufung auf diesen Grundsatz lange gegen die Rückkehr zur Daheimbeschulung gesperrt. Noch am vergangenen Mittwoch wollte sie einem von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und Landeselternausschuss geforderten Mix aus Präsenzbetrieb und Homeschooling nur dann zustimmen, wenn es auch in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen »einen richtigen Cut« gibt. Der ist nun seit Sonntag beschlossene Sache. Scheeres zufolge müsse man nun eben »all diese Bewegungen« in der Stadt reduzieren. Aber Schulen seien ja »gut aufgestellt«.

Wer gedacht hat, nun ist Ruhe in der Kiste, sah sich bereits am Montag eines Besseren belehrt. »Es hat mir selten so leidgetan, recht gehabt zu haben«, ärgerte sich Berlins GEW-Chef Tom Erdmann gegenüber »nd«. Die Gewerkschaft hätte für das Wechselmodell plädiert, nicht für ein Lernen zu Hause. »Das ist genau die Form, die man hätte vermeiden müssen. Darauf sind die Schulen einfach nicht vorbereitet«, so Erdmann mit Blick auf die an vielen Schulen vorherrschenden Defizite in Sachen Digitalunterricht.

Wohl auch deshalb steht es den Schulen frei, die Daheimbeschulung bei Bedarf auch über analoge Formen zu gewährleisten. Einzige Vorgabe: Die Lehrkräfte müssen sich in der ersten Woche nach den Ferien auch in diesem Fall mindestens zweimal bei allen Schülern melden. Geklärt ist zudem die Frage der Notbetreuung für Grundschulkinder. Wie beim ersten Lockdown wird es auch diesmal eine Notbetreuung geben, die Alleinerziehende und Eltern in »systemrelevanten Berufen« in Anspruch nehmen können.

Große Aufregung gab es bereits am Sonntag hinsichtlich der Frage, was denn nun für die Kitas gilt. So hatte die Bildungsverwaltung zunächst erklärt: »Kitas bieten weiterhin eine Betreuung an.« Kurz darauf sah man sich zur Konkretisierung gezwungen. Jetzt hieß es, die Kitas würden ab Mittwoch »lediglich eine Notversorgung« gewährleisten. Die Verwirrung war perfekt. Dies auch, weil jeweils hinzugefügt wurde, dass alle Eltern »eindringlich aufgefordert« seien, »ihre Kinder nur in die Einrichtung zu bringen, wenn dies unbedingt notwendig ist«.

Nun gibt es für die Definition von »unbedingt notwendig« anders als an den Grundschulen weder Berufslisten noch anderweitige Vorgaben. Wie Scheeres betonte, sollen vielmehr die Eltern »in sich gehen«, ob sie ihre Kinder in die Kitas bringen müssen oder nicht. Marianne Burkert-Eulitz, familienpolitische Sprecherin der Berliner Grünen, kritisierte dann auch, dass die Entscheidung »bei den Eltern hängen bleibt«. Überhaupt sei die Kommunikation von Scheeres’ Verwaltung »nicht ganz nachvollziehbar«.

Roland Kern vom Dachverband der Berliner Kinder- und Schülerläden mahnt derweil zu etwas Gelassenheit: »Natürlich wird es jetzt stressige Tage für uns geben. Bis Freitag hieß es schließlich: Alles bleibt offen. Der Umschwung muss sich nun erst einmal setzen.« Aber Berlins Kita-Träger hätten »um genau dieses Signal gebeten«, so Kern zu »nd«.

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