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Der Lockdown trifft hart

Die neuen Einschränkungen und Maßnahmen machen den Alltag für Hilfesuchende und Helfende schwerer

  • Von Markus Drescher
  • Lesedauer: 4 Min.

«Die kommenden Wochen sind eine Prüfung für uns alle», erklärte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier unter anderem am Montag. Und: «Wir sind ein starkes Land, weil in dieser schweren Krise so viele Menschen füreinander da sind und über sich hinauswachsen.»

Zu diesen Menschen, die in der Coronakrise besonders gefordert sind, zählt nicht zuletzt das Pflegepersonal, zu den Gruppen, für die die kommenden Wochen - wie schon die Zeit des Teil-Lockdowns - noch eine etwas schwerere Prüfung wie für andere wird, Menschen mit einem geringen Einkommen. Auf die Situation letzterer machte am Montag Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbandes VdK, aufmerksam. Mit Blick auf die coronabedingten Mehrkosten, die für ärmere Menschen kaum tragbar seien, erklärte Bentele gegenüber dem Evangelischen Pressedienst: «Ihr Leben ist wesentlich härter geworden.» So hätten sich in der Pandemie etwa phasenweise die Lebenshaltungskosten erhöht. Hinzu kämen Sonderausgaben für Masken und Desinfektionsmittel. «Das sind alles Kosten, die Menschen mit wenig Geld wie Grundsicherungsempfängerinnen und -empfänger oder Alleinerziehende große Löcher in die Haushaltskassen reißen», so Bentele.

Dass Risikogruppen künftig gratis Masken zur Verfügung gestellt bekommen sollen, hält Bentele für prinzipiell gut, allerdings würfen solche Leistungen neue Fragen auf. «Macht man zum Beispiel mit Desinfektionsmitteln weiter und müssten nicht viel mehr Menschen diese Masken bekommen?» Für die Risikogruppe der Älteren seien diese Masken zudem «nur ein Tropfen auf den heißen Stein», so Bentele. Größere finanzielle Probleme seien etwa der Lieferservice für Lebensmittel oder das Taxi zum Arzt, um Menschenmengen auf engem Raum zu vermeiden.

Bestätigte Covid19-Neuinfektionen in Deutschland

Zur Situation des Pflegepersonals in Alten- und Pflegeheimen, das laut sonntäglichen Bund-Länder-Beschluss zum harten Lockdown mehrmals pro Woche verpflichtend getestet werden soll, erklärte am Montag Caritas-Präsident Peter Neher: «Die Pflegeeinrichtungen sind seit Wochen mit allen Kräften bestrebt, flächendeckende Testungen ihrer Mitarbeitenden, der Bewohnerinnen und Bewohnern und auch von Besucherinnen und Besuchern durchzuführen. Es fehlt ihnen dafür aber schlichtweg an Personal.»

Die Personaldecke sei ohnehin schon extrem dünn und aktuell werde der Fachkräftemangel durch Quarantäne und Erkrankungen von Pflegekräften noch verstärkt, so Neher. Um den entsprechenden Einrichtungen nun die beschlossenen flächendeckenden Testungen zu ermöglichen, sieht die Caritas nun Länder und Kommunen in der Pflicht. Diese seien dazu aufgerufen, «mit allen verfügbaren Kräften, sei es der Medizinischen Dienste, von Medizinstudierenden, pensionierten Ärztinnen und Ärzten, der Bundeswehr und von Hilfsorganisationen wie dem THW, die Einrichtungen zu unterstützen. Diese dürfen bei ihrem hohen Engagement nicht länger allein gelassen werden.»

Auch Eugen Brysch,Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, zweifelt an der Umsetzbarkeit der Teststrategie. «An Schnelltests mangelt es in Deutschland nicht - doch es fehlen Menschen, die solche Tests vornehmen», so Brysch gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Für dieses seit Monaten bekannte Problem hätten Bund und Länder auch mit ihren Beschlüssen für eine harten Lockdown keine Lösung gefunden.

Die Zahl der Corona-Toten wächst

Ebenfalls ungeklärt sind die Probleme, die der harte Lockdown für Menschen bedeutet, «die keine Wohnung haben oder in sehr beengten, stressanfälligen Verhältnissen leben», wie die Diakonie am Montag erklärte. «Menschen ohne Obdach, psychisch kranke Menschen oder Familien mit Jugendlichen, die in sehr beengten Verhältnissen leben, sind auf öffentliche Räume und Alternativen angewiesen», so Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland. Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und von Kontakten und das Leben in kleinen Wohnungen führten zu mehr Stress und Konflikten. Probleme in der Partnerschaft und der Familie könnten in Gewalt münden. «Frauen und Kinder sind besonders gefährdet.

Bei der Umsetzung von Corona-Schutzmaßnahmen sei es dringend notwendig, die Lebenssituation und Bedürfnisse dieser Gruppen zu berücksichtigen, fordert Loheide und zeigt mögliche Lösungsansätze auf: »Kirchen können unter Berücksichtigung von Hygieneauflagen Gemeindehäuser öffnen, Hotels und Jugendherbergen Zimmer zur Verfügung stellen oder Kommunen Zugang zu Duschen in ihren Schwimmbädern ermöglichen.«

Besonderes Augenmerk auf die Lage von Jugendlichen und Kindern richtet die Volkssolidarität. Angesichts der erneuten Schließung von Schulen und Kitas müssten »Folgen, wie sie für viele junge Menschen und ihre Familien durch den ersten Lockdown im Frühjahr entstanden sind, diesmal unbedingt« vermieden werden, fordert Susanna Karawanskij, Präsidentin der Volkssolidarität. »Dennoch ist es uns als Volkssolidarität ein zentrales Anliegen, nachdrücklich darauf hinzuweisen, wie wichtig es bleibt, die Rechte aller junger Menschen in diesem Land auf Schutz, Bildung und Förderung durch die Offenhaltung von Kindertagesstätten, Schulen und Hortbetreuungen weiterhin so hoch zu halten, wie wir es seit den Lehren aus den Maßnahmen im Frühjahr getan haben«, so Karawanskij.

Kitas und Schulen dürften »nicht als Orte des Infektionsgeschehens dämonisiert, sondern vor allem weiterhin als Orte der Bildung und Förderung junger Menschen in unserem Land wertgeschätzt werden«. Ihre Wiederöffnung nach dem Ende der Weihnachtsferien muss deshalb ein Ziel der weiteren Corona-Politik sein - wenn nötig auch unter verschärften Hygienemaßnahmen.

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