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Händewaschen mit »I will survive«

POP-RICHTFEST: Ein Pop-Jahresrückblick voll mit Lockdown-Klischees

  • Von Nadia Shehadeh
  • Lesedauer: 7 Min.

Hand aufs Herz: Es war ein … interessantes Jahr. Und ich würde nun gern einen Jahresrückblick liefern, der inspiriert und Lust auf Neuentdeckungen macht. Stattdessen kommt hier eine Review des Pop-Jahres, die kein Lockdown-Klischee auslässt. Es gab trotzdem einige Highlights! Und die meisten würde ich ohne Umschweife weiterempfehlen, wenn man sie bisher verpasst hat.

Januar
Vollgestopft mit Essen und mit ein paar guten Vorsätzen im Ärmel trödelte ich mit ein paar Staffeln »Sopranos« im Nacken ins neue Jahr – und wusste noch nicht, dass 2020 und Nostalgie in den kommenden Monaten sowieso sehr gut Hand in Hand gehen sollten. Ansonsten daddelte ich mit den neuen Instagram-Story-Filtern rum und erfuhr unter anderem, welches Haustier ich war. Und ich wohnte in Bremen den »Conversations with Nick Cave« bei, einer Soiree aus Frage- und Antwortspielchen mit Cave und ein paar am Piano geträllerten Songs. Als hätte ich schon geahnt, dass dies für lange Zeit mein letztes prägendes Live-Erlebnis bleiben sollte, fasste ich mir ein Herz und verwickelte den Altmeister in ein kurzes und knackiges Gespräch über Cancel Culture. Wir kamen zwar nicht wirklich auf einen Nenner, aber er spielte auf meinen Wunsch hin nochmal »Into My Arms« für meine gute Freundin, die im Konzertsaal neben mir saß. Heute kann ich sagen: Besser sollte es dann dieses Jahr auch nicht mehr so richtig werden!

Februar
Die ersten Nachrichten über das ominöse »Corona« sickerten in die deutschsprachige Berichterstattung, aber das beschäftigte die praktisch veranlagte Bevölkerung kaum: Es wurde noch ordentlich geballert auf den hiesigen Karnevalsfeiern. Karneval interessierte mich null, dafür verfolgte ich mit Spannung mit, wie »Parasite« seine beiden Oscars einheimste. Harvey Weinstein wurde zu seiner Haftstrafe verurteilt, was ich ebenfalls unter »denkwürdige Episode des Jahres« verbuchen würde. Ansonsten war der Februar komplett scheiße: Der Anschlag in Hanau markierte einen kompletten Tiefpunkt. Shisha-Bars erfuhren einen kurzen Moment lang Solidarität und wurden endlich mal wertgeschätzt als wichtige Community-Treffpunkte insbesondere für junge Leute – nachdem die Presse sie vorher immer gern als Brutstätte organisierter Kriminalität gelabelt hatte.

März
Was bis Mitte März passierte habe ich nicht mehr so genau auf dem Schirm, denn der März 2020 ist für mich – und viele andere wahrscheinlich auch – nur mit einem Schlagwort verbunden: Lockdown. So wurde es für mich insgesamt ein Monat des Streamingfernsehens: die dritte Staffel »Ozark«, die problematische aber durchaus unterhaltsame Kurzserie »Tiger King« und der Start von »Disney Plus« brachten mich durch den Monat. Dazu gönnte auch ich mir einen Hamsterkauf – der aber völlig unnötig war. Hände waschen wurde zur Lifestyle-Beschäftigung und selbst Gloria Gaynor ließ sich in einem kleinen Video zu einer Anleitung des fachgemäßen Schrubbens hinreißen – mit »I will survive« als Soundtrack.

April
Ein Monat endloser Spaziergänge, Bananenbrotback-Sessions und »Dalgona«-Coffee – ich ließ im April kein Lockdown-Klischee aus. Dafür kamen kurz nach Ostern die ersten Lockerungen, aber ich hatte mich inzwischen an das Leben indoor auf der Couch gewöhnt. Es war ein perfekter Monat für die supergutgemachte Hulu-Serie »Little Fires Everywhere« und für den bei Netflix reingefeuerten Komplett-Katalog an Studio Ghibli-Filmen. Außerdem hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben bei meinen Endlos-Spaziergängen freiwillig Podcasts: unter anderem die neu gestartete Reihe »Pissy« vom Missy Magazine. Und ich hatte natürlich einen Dauerohrwurm von »Blinding Lights« von The Weeknd – wer hatte ihn nicht dieses Jahr!

Mai
Im Mai konnte ich dann bereits auf eine große Zahl gecancelter Konzerte und Festivals zurückblicken, aber das machte mir gar nichts aus, denn ich hatte inzwischen die Belastbarkeit einer mimosenhaften Orchidee entwickelt. Ich schaute »Dead to me« auf Netflix und der aufziehende Sommer versprach bereits einige süße Lockerungen. Ich ging das erste Mal ins Freibad und läutete die Freibad-Pommes-Saison ein. Dazu gab es dann auch die passende Lektüre: »Im Freibad« von Libby Page. Dazu lief in Dauerschleife »Chromatica« von Lady Gaga bei mir. »Stupid Love« wurde ein ständiger Begleiter bei einsamen Autofahrten – bis Jahresende.

Juni
In meiner Heimatstadt Rheda-Wiedenbrück entfaltete sich der Tönnies-Skandal in voller Pracht, so dass meine sowieso schon seltenen Familienbesuche noch seltener wurden. Ich wanderte weiter durch den Wald und zog mir in Endlos-Schleife die Alben »Punisher« (Phoebe Bridgers) und »Women in Music Pt. III« (Haim) rein. Ansonsten war es ein Monat der voll und ganz im Zeichen von »Black Lives Matter« stand. Es wurde auch wieder demonstriert, und zwar eindrucksvoll und weltweit.

Juli
Mein persönliches Highlight im Juli war eine Kurzreise an die Nordsee in ein Kaff namens Wremen. Wattspaziergänge, Fischbrötchen und Apfelkuchen am Deich lenkten von den großen Problemen der Welt ab. Pop gab es dort nicht, aber im Hintergrund lief dabei in Dauerschleife »Folklore« von Taylor Swift. Der Rest des Monats stand ganz im Zeichen von Beyonces Musik-Film und Visual-Album »Black is King«.

August
Ein Großteil des merkwürdigen Jahres war geschafft, was in den sozialen Medien mit dem »#2020Challenge«-Meme gefeiert wurde. Cardi B and Megan Thee Stallion brachen ein paar solide Rekorde mit »WAP«.

September
Der beste deutschsprachige Film des Jahres fand seinen Weg in die Kinos: »Futur Drei« von Faraz Shariat, eine universale Geschichte von Verlust, Fremdheit, Liebe und Freundschaft.

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»Schitt`s Creek«, die wunderbare Sitcom die man bei uns grad auf dem wirklich schäbigen Sreaming-Dienst »TV now« streamen kann, räumte verdient bei den Emmys ab. Wer es noch nicht gesehen hat, sollte es in den letzten Dezemberwochen unbedingt nachholen: Mehr Seelenfrieden und trockener Humor geht nicht.

Oktober
Ein eher mittelguter Herbst und eher schlechter Übergang in den Herbst kündigte sich hier bereits an. Ich überstand ihn mit »The Queen`s Gambit« und einer Schach-App, die ich mir aufgrund des Serienhypes direkt runterlud. Halloween-Partys wurden abgesagt, mir schwanten neue Lockdown-Einschränkungen und ich heiterte mich mit dem für mich besten Buch des Jahres auf: »Die schlechteste Hausfrau der Welt« von Jacinta Nandi. Wenigstens lachen war ja noch erlaubt!

November
Lockdown 2 stand vor der Tür, nur dieses Mal ohne Verheißungen wie Bananenbrot und Dalgona-Coffee. Ich gab mich der einzigen gescheiten TV-Sendung hin, die das deutsche Fernsehen seit Jahren hinbekommen hatte: »Das große Backen«. Bereits im Sommer aufgezeichnet war jede Folge eine Erinnerung an bessere Zeiten. Außerdem wohnte ich dem ersten Live-Festival meines Lebens bei, was gemütlich, aber auch ein bisschen unspektakulär war: Vom Bett aus verfolgte ich »Live from Reykjavik«. Zwischendurch fiel ich in einen Sekundenwinterschlaf.

Dezember
Der Dezember wurde dann für mich der Monat der großen Diven: Dolly Parton haute ihre Biographie und eine glitterige Weihnachtsproduktion auf Netflix rauf und machte Schlagzeilen mit ihrer Finanzspritze für den Impfstoff, Mariah Carey landete wieder mit »All I want for Christmas« in den Charts und lieferte mit »The Meaning of Mariah Carey« einen weiteren Bestseller und um auf Nummer sicher zu gehen und keine große Diva zu verpassen, besorgte ich mir noch das bereits im Mai erschienene Tori-Amos-Bio »Resistance – A Songwriter`s Story of Hope, Change and Courage«. Das, Taylor Swifts neues Album »Evermore« und ein Raclette-Grill sollen mich nun bis zum Jahresende begleiten.

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