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Nazipropaganda mit Anleitung

Ein museumspädagogischer Workshop auf Usedom bleibt in der Täterperspektive

  • Von Ulrike Wagener
  • Lesedauer: 4 Min.

Es ist eine absurde Szene, die ein Artikel der »Ostseezeitung« vom 10. Dezember schildert: Die neunte Klasse der Europa-Schule auf Usedom malt in einem Workshop des Historisch-Technischen Museums Peenemünde Hakenkreuze, stilisierte Adler und militärische Machtsymbole als »Verzierung« für die A4-Rakete der Nationalsozialisten. Weder der Museumspädagoge Sven Brümmel noch die Lehrerin der Klasse oder die Reporterin des Regionalblattes finden daran etwas befremdlich. »Ich habe keine Denkgrenzen gesetzt«, wird Brümmel im Artikel zitiert. Skeptisch äußern sich allein die Schüler*innen, die namentlich und mit Foto erscheinen.

Die lokale Autorin Rike Reiniger zeigt sich darüber gegenüber »nd« bestürzt: »Ein Pädagoge hätte das komische Gefühl der Kinder aufgreifen müssen.« Diese seien missbraucht worden. Gemeinsam mit dem Friedrich-Bödecker-Kreis in Mecklenburg-Vorpommern, der sich für die Leseförderung von Kindern und Jugendlichen einsetzt, hat sie einen offenen Brief verfasst, der die Aufarbeitung seitens des Museums fordert.

Das »komische Gefühl«, das Reiniger beschreibt, ist auf mehreren Ebenen berechtigt. Erstens: Die von Propagandaminister Joseph Goebbels zur »Vergeltungswaffe« erklärten Großraketen wurden von Zwangsarbeiter*innen und KZ-Insass*innen hergestellt. Schon vor ihrem gezielt tödlichen »Einsatz« tötete die Produktion dieser Waffen Tausende von Menschen. Zweitens: In den 1940ern begann der leitende Grafikdesigner der Heeresversuchsanstalt, in deren Gebäuden sich heute das Museum befindet, die Hecks der Raketen mit Grafiken zu bestücken. Diese hatten meist militärische oder »erotische« Motive; im heutigen Museum ausgestellt wird ein Bild der »Frau im Mond«. Drittens: Dass in den 90er Jahren ausgerechnet dieses Motiv auf der Raketennachbildung in Peenemünde angebracht wurde, war, so sagt der Stiftungsdirektor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, gegenüber »nd«, Geschichtspolitik: »Sie folgten damit dem Narrativ der Raketenkonstrukteure um Wernher von Braun, die nach 1945 behaupteten, eigentlich hätten sie an der Mondrakete gearbeitet.« Dieser Mythos von Peenemünde als dem Geburtsort der Raumfahrt wird heute noch von Rechten verwendet, um die Verbrechen der Nazis zu relativieren. Desen ist man sich im Museum heute bewusst.

Dass Schüler*innen trotzdem propagandistische Motive reproduzierten, anstatt sie zu dekonstruieren, sieht Wagner kritisch: »Ziel der Museums- und Gedenkstättenpädagogik sollte es immer sein, Geschichtsbewusstsein zu stärken und historisches Urteilsvermögen zu fördern. Von diesem Ziel kann ich hier nichts erkennen. Dabei ließe sich anhand der Signets auf den Versuchsmustern der A4-Rakete einiges lernen«, so Wagner.

Auch Rike Reiniger kritisiert, dass dadurch Bilder aus der Täterperspektive entstanden und Propaganda unkritisch als Kunst bezeichnet worden sei. »Anstatt mit den Schüler*innen darüber nachzudenken, was nationalsozialistische Propagandabilder auf Waffen bewirken sollten, werden sie dazu ermuntert, solche Bilder zu reproduzieren«, heißt es in dem Offenen Brief des Friedrich-Bödecker-Kreises. Auch das Theater Vorpommern hatte einen Offenen Brief verfasst.

Das Museum hat seinen Fehler - zumindest teilweise - eingeräumt. »Eine kritisch-distanzierte Analyse und Vermittlung muss die Täterperspektive sowohl in ihrem Inhalt wie auch in ihrer Rhetorik und Ästhetik durchschauen und dekonstruieren. Im vorliegenden Fall gelang dies zwar inhaltlich, nicht aber ästhetisch«, heißt es in einer Stellungnahme des Kurators Philipp Aumann.

Fraglich ist, ob Museumspädagoge Sven Brümmel das Anliegen des Hauses teilt. Er zeigt sich in Online-Medien fast ausschließlich in preußischer Militärkleidung an Usedomer Kaiserbädern. Ein Bild von sich und dem Hohenzollernprinzen kommentiert er auf Facebook: »Seine Königliche Hoheit Prinz Georg Friedrich von Preußen hat seinen treuen Diener sofort am Adler am Revers erkannt.« Nach der Veröffentlichung dieses Artikels in der Printausgabe hat Brümmel seinen Facebook-Account auf privat umgestellt. Der Post ist nun nicht mehr öffentlich einsehbar. Auf nd-Nachfrage bezeichnet Aumann Brümmels Militär-Inszenierung als »Privatsache«. Man werde nun zunächst intern mit dem wissenschaftlichen Beirat und der Bundeszentrale für politische Bildung über den Vorfall beraten, eine öffentliche Auseinandersetzung sei angestrebt. Das Projekt sei »schiefgegangen«, man müsse nun überlegen, ob es an Konzeption und Durchführung liege, oder der Ort Peenemünde per se für eine »kreative Auseinandersetzung« zu »sensibel« sei. Die Schule und die »Ostseezeitung« haben auf Nachfragen des »nd« bis Redaktionsschluss keine Stellung bezogen.

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