Vorausschauen oder nur orakeln?

Zukunft ist schwierig: Die Delphi-Methode vertraut auf die Schwarmintelligenz

  • Von Steffen Schmidt
  • Lesedauer: 6 Min.

Noch vor wenigen Jahren haben viele Leute zu Silvester flüssiges Blei in Wasser gegossen, in der Hoffnung, so etwas über die Zukunft zu erfahren. Nicht der Zweifel am Wert solcher Orakel hat dem Brauch ein Ende gemacht, sondern Umweltvorschriften. Schließlich ist Blei ein giftiges Schwermetall.

Auch die alten Griechen griffen auf ein recht zweifelhaftes Verfahren zurück, wenn sie etwas über den Ausgang eines geplanten Krieges oder sonst über die Zukunft erfahren wollten: Sie zogen nach Delphi, wo im Tempel des Apollon eine Priesterin Künftiges prophezeite. Wenn deren Orakel manchmal verlässlicher ausfielen als die in anderen Heiligtümern Apollons, dann wohl vor allem, weil man sich im Vorfeld besser über die Fragesteller informiert hatte.

Mit dem Orakel von Delphi hat eine seit 1971 in Japan praktizierte Methode der Vorausschau allerdings nur noch den Namen gemein. Denn dabei werden weder Priester noch ihre Götter befragt, sondern Fachleute der Wissens- und Technologiegebiete, über deren künftige Entwicklung man sich im Unklaren ist. Die Methode entstand in den 1950er Jahren in den USA und wird in Fernost bis heute mit einigem Erfolg praktiziert. Unternehmen und staatliche Forschungsförderung stützen sich auf die Ergebnisse dieser Vorausschau. Die DDR-Oberen entwickelten in den 1980er Jahren starkes Interesse für den japanischen Weg der Forschungssteuerung; vermutlich in der Annahme, es handele sich dabei um eine - wenn auch erfolgreichere - Art der Planwirtschaft.

Ein Trugschluss, wie Kerstin Cuhls vom Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung ISI meint. Ihr Institut bekam nämlich nach der Wiedervereinigung vom Bundesforschungsministerium gemeinsam mit den japanischen Kollegen vom National Institute for Science and Technology Policy den Auftrag mit deutschen Experten eine Studie zu den gleichen Fragenkomplexen wie in Japan durchzuführen. »Dabei wollte man eben nicht in eine Forschungsplanung wie in der DDR einsteigen, weil man gesehen hat, dass das so nicht funktioniert.« Es sei darum gegangen, vielversprechende Forschungsrichtungen zu identifizieren und zu bewerten. Die Methode sollte besonders Unternehmen Hinweise auf sich schleichend vollziehende Entwicklungen in Wissenschaft und Technik liefern. Zugleich gab es zu jedem Thema auch einen Fragenkatalog zu den jeweils nötigen Maßnahmen. Das Ergebnis wurde 1993 veröffentlicht. Auf diese Weise verbessern sich für die Gesellschaft die Chancen, Zukunft zu gestalten.

Wie wohl jede Methode, die versucht, in die Zukunft zu blicken, gibt es auch bei der Delphi-Methode Volltreffer und Fehlprognosen. Fraunhofer-Forscherin Cuhls nennt die GPS-Höhenvermessung als einen Volltreffer der Vorausschau aus dem Jahr 1993. Danach hätte das Verfahren 1997, 1998 einsatzfähig sein und tatsächlich gab es 1998 Zeitungsmeldungen über eine neue Höhenvermessung des Mount Everest mit Hilfe von GPS. Für den gleichen Zeitraum erwartete der erste deutsche Delphi-Bericht den Durchbruch von »Taschentelefonen«.

Weit daneben lag das moderne Orakel 1993 bei der Zukunft des Verkehrswesens. So wurden für 2019 energiesparende Überschalltransportsysteme erwartet - die Concorde wurde 2003 endgültig stillgelegt. Und Frachtschiffe sollten mit neuen Technologien bis 2020 in der Lage sein, den Pazifik in zwei Tagen zu überqueren. Autonom fahrende Frachtschiffe sollte es gar schon 2010 geben. Immerhin, an letzterem wird gearbeitet. Und einige optimistische Unternehmen in den USA und Israel entwickeln inzwischen Business-Jets mit Überschallgeschwindigkeit.

1998 gab es dann noch mal eine neue Umfrage, diesmal inhaltlich stärker auf deutsche Belange zugeschnitten. Damals gab es zwar noch nicht einmal das Wort Smartphone, doch werden für den Zeitraum 2004-2008 »Persönliche mobile Kommunikations-Endgeräte« erwartet, »die Multimedia-Dienstleistungen empfangen können«. 2007 kam das erste iPhone auf den Markt. Ziemlich genau auf den Punkt kam man auch bei einem Thema aus der Grundlagenforschung, dem Nachweis von Gravitationswellen aus dem Kosmos. Der prognostizierte Zeitraum reichte von 2009 bis 2015. Tatsächlich gelang der Nachweis 2015. 2017 gab es dafür einen Nobelpreis.

Interessant ist im Report von 1998 die Frage nach dem ersten praktikablen Kernfusionskraftwerk. Professor Cuhls erinnert sich, dass man seinerzeit am Institut diskutiert habe, ob man die Frage überhaupt in den Fragenkatalog aufnehmen soll. Auf Wunsch des Auftraggebers, des Bundesforschungsministeriums, blieb die Frage drin. Und anders als in manchen offiziellen Verlautbarungen fallen die Antworten ziemlich skeptisch aus. Der Mittelwert der Erwartungen lag bei 2028, allerdings waren acht Prozent der befragten der Meinung, ein Fusionskraftwerk sei »nie realisierbar«.

Bei den erneuerbaren Energiequellen erwarteten die Befragten eine nennenswerte Rolle von Wellenkraftwerken bei der Stromproduktion für 2020 und Solarzellen mit einem Wirkungsgrad von 50 Prozent. Nun, Wellenkraftwerke gibt es einige, doch tragen sie bis heute wenig zur Energieversorgung bei. Labormuster von Solarzellen schaffen inzwischen einen Wirkungsgrad von rund 47 Prozent, die aus der Massenproduktion sind davon noch weit entfernt.

Beim Verkehr machen sich neben der Abkopplung von den japanischen Fragen auch die fünf Jahre gesellschaftlicher Debatten bemerkbar: Das Fahrrad wird im Fragenkatalog als vollwertiges Verkehrsmittel wahrgenommen. Bei den Antworten ist eine Polarisierung allerdings kaum zu übersehen. Einerseits erwartet man schon um 2009 ein flächendeckend ausgebautes Radwegenetz und um 2006 Leihfahrräder an allen Bahnhöfen, andererseits ist bei beiden Punkten ein erklecklicher Prozentsatz der Befragten der Ansicht, dergleichen komme nie.

Manche Prognosen scheitern auch an veränderten Rahmenbedingungen. So konnte man 1998 realistisch erwarten, dass bis 2020 ein sogenanntes Interferometer aus mehreren Satelliten in der Lage sein würde, Gravitationswellen zu messen. Das internationale Projekt dafür wurde allerdings durch einen Politikwechsel in den USA verzögert. Die USRaumfahrtagentur Nasa musste sparen und stieg aus dem Projekt aus. Und so wird wohl vor 2025 nichts daraus.

»Es können auch ganz andere Dinge dazwischen kommen«, meint die Fraunhofer-Forscherin. »Dass man zum Beispiel feststellt, ein vielversprechendes Nanomaterial, erweist sich als giftig. Dann lässt man diese Entwicklung eben fallen. Delphi-Studien werden als Arbeitsmaterial für die Entscheidungsfindung genutzt.« So etwas kann man eben nicht ganz genau vorhersagen. Umgekehrt erwartete der Delphi-Bericht 1998 schon um 2004 eine deutliche Verkehrsreduktion durch Videokonferenzen und Teleworking. Doch gegen die Gewohnheiten kam erst der Lockdown wegen der Covid-19-Pandemie an.

Wie tückisch schon Vorhersagen für das nächste Jahr sind, hat nicht erst diese Pandemie verdeutlicht. Das US-Wissenschaftsjournal »Science«, dass alljährlich neben den Durchbrüchen und Reinfällen am Ende eines Jahres auch jene Forschungsfelder skizzierte, auf die im folgenden Jahr zu achten sein würde, beendete diese Rubrik 2016. Und das sicher nicht nur wegen dem Amtsantritt Donald Trumps in jenem Jahr.

Bleibt die Frage, wie sinnvoll Prognosen der technischen Entwicklung sind. Präzise Vorhersagen werden sie wohl ebensowenig sein können wie eine Wetterprognose für den kommenden Sommer. Eine Orientierung für die öffentliche Debatte allerdings schon. Denn die gesellschaftlichen Auswirkungen von Neuerungen - Gentests für Gesundheitsrisiken etwa oder automatische Gesichtserkennung - kann man nur vorher diskutieren, wenn man eine Vorstellung hat, wohin die Reise gehen soll.

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