Worüber soll man noch reden?

SONNTAGSSCHUSS über das Charakterschwein Corona

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

Ich frage mich manchmal, wie andere Berufsgruppen so mit Corona umgehen. Ich meine jetzt nicht logistisch oder ökonomisch. Da hat jeder so seine Masken und Kreuze zu tragen. Ich meine jetzt eher so rhetorisch. Andere Gesprächsthemen als das zackige Virus scheint es ja global kaum noch zu geben, dementsprechend färbt das ja sicher auch auf den Smalltalk, mit dem jede Berufsgruppe fachspezifischere Themen einleitet. Womit also fängt Bäckerin Maier ein Gespräch an, wenn sie Bäcker Meier auf dem Marktplatz begegnet?

Unter Sportjournalisten, so viel weiß ich, gibt es ein Smalltalk-Thema, das alle andere in den Schatten stellt. 15 bis 18 von uns sind ja bei jedem Spiel der ersten und zweiten Liga zugelassen, mit Maske sitzen wir viele Meter weit voneinander entfernt auf den eisigen Tribünen. Das sind keine guten Voraussetzungen, um über Schopenhauer zu reden. Für das unmittelbar Erlebte reicht es aber. Und da scheiden sich die Geister. Während die einen finden, dass in Stadien ohne Zuschauer die volle Konzentration auf den Sport als solchen viel besser möglich ist (was zuweilen eine Strafe ist), können die anderen dem puren Gekicke nichts abgewinnen. Männergepöbel, das von nackten Betonwänden zurückgeworfen wird, kryptische Zurufe (»Höhe!«, »Zweite Bälle!«), die wohl auch den Spielern nur ein innerliches »Ach was, Trainer, echt jetzt?« entlocken - auf all das würden sie gerne verzichten, wenn endlich wieder 50 000 andere zugucken dürften, wie die zweiten Bälle an den jeweiligen Gegner gehen und das Heimteam doch wieder zu tief steht. Ich gehöre, es wird Sie nicht wundern, zur zweiten Fraktion. Auch wenn ich gestehen muss, dass ich es den Geisterspielen hoch anrechne, dass sie für eine Zivilisierung bei An- und Abreise gesorgt haben. Statt sich nüchtern anhören zu müssen, was Adrenalin und Alkohol aus ansonsten humorbegabten Menschen machen, wenn sie mit hunderten Gleich-Entsinnten zusammengepfercht sind, setzt man sich einfach hin und steigt ohne Tinnitus aus. Wellnessclub, dein Name sei ÖPNV!

Am Samstag habe ich mir nach dem Geisterspiel in Hoffenheim das in Stuttgart angeschaut, doch als ich gegen Mitternacht dementsprechend gleichmütig in den Feierabendmodus schalten wollte, fiel mich völlig unvorbereitet die Fußball-Emotion an. Auf dem Küchentisch lag das neue »Zeitspiel«, die von gnadenlos sympathischen Fußball-Irren herausgebrachte Zweimonatsschrift, die sich mit den wirklich wichtigen Fragen des Lebens auseinandersetzt. Man erfährt Historisches über Motor Suhl oder den VfR Bürstadt, Aktuelles über die Sportfreunde Siegen oder den SC Geislingen, und als ob all das nicht reichen würde, um wirklich zu begreifen, dass Corona, die alte Charaktersau, den echten Fußball zum Erliegen gebracht hat, erfährt man auch noch allerlei, das man besser nie gewusst hätte. »Fanzine with tears in my eyes«, denke ich in Anlehnung an einen vom späteren »Spiegel«-Ressortleiter Mike Glindmeier erfundenen Titel des St. Pauli-Fanzines »Übersteiger«.

Ist es denn nicht schlimm genug, dass sie in Jena ausgerechnet jetzt anfangen müssen, das heißgeliebte Stadion zu demolieren und mir so unwiderruflich die Chance nehmen, dereinst im Mai (2021? 2022? 2037?) endlich wieder ein echtes Heimspiel im Paradies zu sehen? Zu wissen, dass irgendwo im fernen Thüringen die Bagger rumkaspern, wo man doch - gerade erst - verdaut hat, dass - gerade erst - 2005 in NRW der gottgleiche Bökelberg durch ein seelenloses 08/15-Gebäude am Stadtrand ersetzt wurde, ist schwer genug. Dank des »Zeitspiels« weiß ich jetzt noch, dass auch in einem meiner persönlichen Lieblingsstadien der Wahn grassiert: Beim österreichischen Zweitligisten Austria Lustenau wollen sie sich ebenfalls modernisieren und an die Stelle des Reichshofstadions etwas bauen, das dann so aussehen wird wie die Neubauten in Duisburg, Dresden, Aachen, Gladbach, Jena. Bisher steht da ein herrlich schäbiges Stadion. Hinter der Fankurve, im Stadioninneren, findet vor jedem Heimspiel ein informelles Volksfest statt - vor einer von unzähligen Hütten, Buden und Kapellen (!), an denen nach Herzenslust gegessen und getrunken wird. »Modernität«, das klingt so schön. In Wirklichkeit macht sie die Welt oft nur eintöniger.

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