Brauchen wir künstliches Fleisch?

DR. SCHMIDT ERKLÄRT DIE WELT: Fleisch aus dem Labor

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 3 Min.
Brauchen wir künstliches Fleisch?

In Singapur darf man jetzt Chicken Nuggets aus dem Labor essen, las ich kürzlich in unserer Zeitung. Und sie bestehen tatsächlich aus Fleisch. Aber ist das überhaupt Fleisch, wie wir es kennen?

Jein. Es ist tatsächlich Fleisch aus dem Bioreaktor, präziser gesagt: aus Hühnermuskelzellen gewonnen.

Und zur Tarnung ist außenrum Panade. So wie bei den Fischstäbchen.

Ja, das Chicken Nugget ist sozusagen das Fischstäbchen vom Land. Es geht bei diesen Lebensmitteln um ein Fleischgemisch, wie in der Bulette. Tatsächlich kreisten bislang die meisten Versuche, Fleisch aus dem Bioreaktor herzustellen, um Hackfleisch. Denn in den USA ist der größte Teil des konsumierten Fleisches Hackfleisch.

Es geht um den künstlichen Burger.

2013 gab es mal einen Burger aus Retortenfleisch, der allerdings künstlich rot eingefärbt werden musste, weil die reinen Muskelzellen, die sie da gezüchtet hatten, offenbar nicht so ganz die richtige Farbe hatten.

Fleisch ohne Körper.

Fast, denn alle diese Labor-Züchtungen müssen aus Stammzellen real lebender Tiere gewonnen werden. Aus diesem Grund sind sie auch nichts für Veganer. Sondern für Leute, die gerne Fleisch essen, aber dabei ein schlechtes Gewissen haben wegen der Massentierhaltung. Es ist auch eine Frage des Preises: Der Prototyp eines Kunstburgers von 2013 hatte noch Produktionskosten von bescheidenen 250 000 Euro.

Die Massenproduktion drückt den Preis. Aber trotzdem ist es Genfood.

Ja. An dieser Stelle wird wahrscheinlich der nächste grüne Kulturkonflikt ausbrechen. Die, die gegen die Massen- oder überhaupt die Tierhaltung sind, werden sich mit den Leuten in die Wolle kriegen, die gegen Gentechnik und Chemie sind. Denn ohne Biochemie geht da nichts.

Es wird zu viel Fleisch gegessen.

Seit 1990 hat sich der globale Fleischverbrauch ungefähr verdoppelt. Ein Siebentel des weltweiten Ausstoßes an Klimagasen ist der Viehwirtschaft zuzurechnen. Auch mit Fischstäbchen aus der Retorte wird sich irgendwann jemand beschäftigen müssen.

Und mit dem Insektenessen.

Das Insektenprotein ist sicherlich noch im Rennen - auch wenn es gegenüber dem Retortenzeugs mit einem höheren Ekelfaktor zu kämpfen hat, selbst wenn sich Fleisch aus dem Silicon Valley erst mal nicht so gut anhört.

Und der Beruf des Metzgers stirbt aus.

Wie auch der des Bäckers. Das liegt wahrscheinlich in beiden Fällen daran, dass alles, was mit Lebensmitteln zu tun hat, in unserer Gesellschaft erstaunlich schlecht bezahlt ist.

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