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Brüssel gegen Astra-Zeneca

EU-Kommission dringt auf pünktliche Lieferung eines nicht zugelassenen Impfstoffs mit begrenzter Wirkung

  • Von Kurt Stenger
  • Lesedauer: 4 Min.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist sauer: Europa habe »Milliarden investiert, um die Entwicklung der weltweit ersten Covid-19-Impfstoffe zu unterstützen«, schimpfte die CDU-Politikerin am Dienstag in ihrer per Video übertragenen Rede beim Weltwirtschaftsforum. »Und jetzt müssen die Firmen liefern, sie müssen ihre Verpflichtungen einhalten.«

Für Ärger in Brüssel sorgt aktuell der britisch-schwedische Konzern Astra-Zeneca, bei dem die EU 400 Millionen Dosen bestellt hat. Vor wenigen Tagen teilte der Pharmakonzern mit, aufgrund von Problemen in einer Produktionsstätte werde es Lieferverzögerungen geben und trotz eines Zuschusses von gut 300 Millionen Euro statt 80 Millionen könnten im ersten Schritt nur 31 Millionen Dosen geliefert werden. Das verschärft die Engpässe in der EU, die durch Produktionsausfälle in einem Pfizer-Werk in Belgien entstanden waren. Außerdem strebt der französische Konzern Sanofi, ebenfalls als Großlieferant vorgesehen, wegen Problemen eine Zulassung inzwischen erst im vierten Quartal 2021 an. Bei einem weiteren Hoffnungsträger, einer Kooperation des US-Konzerns Merck mit dem französischen Pasteur-Institut, wurde sogar gerade die Forschung ganz eingestellt.

Die Verzweiflung in Brüssel scheint groß zu sein. Der von Astra-Zeneca zusammen mit der Universität Oxford entwickelte Vektorimpfstoff, bei dem über ein ungefährliches Virus quasi der Bauplan für die Herstellung eines Stücks der Hülle von Sars-CoV-2 geliefert wird, ist in der EU nämlich noch gar nicht zugelassen - die Arzneimittelbehörde EMA wird darüber vermutlich an diesem Freitag beraten. Dies darf eigentlich keine Formalie sein, worauf Politiker offenbar drängen. Die Frage von Wirksamkeit und möglichen Nebenwirkungen muss auf Grundlage der Ergebnisse klinischer Tests von unabhängigen Experten bewertet werden. Bei Astra-Zeneca liegt die Wirksamkeit laut den im Fachblatt »The Lancet« veröffentlichten Zahlen bei 70,4 Prozent, also deutlich unter den Werten der bisher zugelassenen mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna. Die Fachwelt rätselt auch darüber, warum beim Oxford-Impfstoff in einigen Tests die Wirksamkeit zunahm, wenn bei der ersten von zwei Dosen nur die Hälfte injiziert wurde. Dennoch setzen insbesondere osteuropäische EU-Mitglieder vorrangig auf den Astra-Zeneca-Konzern, dessen Produkt erheblich preisgünstiger ist als die der Konkurrenz.

Für Verwirrung sorgten am Dienstag auch deutsche Medienberichte mit Verweis auf interne Gespräche von Bundesregierung und Ländern, wonach die Wirksamkeit in der Gruppe der über 65-Jährigen bei nur acht Prozent liege und daher der Impfstoff für Senioren nicht zugelassen werde. Das Bundesgesundheitsministerium dementierte dies: Offenbar habe es eine Verwechslung gegeben, denn die acht Prozent bezögen sich auf den Anteil der Probanden in der Altersgruppe 56 bis 69, was nichts mit der Wirksamkeit zu tun habe. Auch Astra-Zeneca verwies auf veröffentlichte Zahlen, wonach der Impfstoff eine hohe Wirksamkeit bei Älteren aufweise.

Allerdings gibt es tatsächlich ein dickes Fragezeichen: Der Anteil der Senioren bei den klinischen Tests war im Fall von Astra-Zeneca äußerst gering, so dass die Daten nicht sehr aussagekräftig sind. Bekannt ist auch, dass zumindest die herkömmlichen Grippeimpfungen bei einem Drittel der Älteren nicht ausreichend wirken. Das liegt daran, dass das zu aktivierende Immunsystem der geimpften Personen mit zunehmendem Alter weniger effektiv arbeitet. Biontech, Moderna und Astra-Zeneca behaupten zwar, dies gelte nicht für die mRNA- und die Vektorimpfstoffe, doch genau wird man dies erst belegen können, wenn viele Millionen Menschen geimpft und die Daten ausgewertet sind. Dies gilt auch für die Frage, wie wirksam die Impfstoffe gegen die bekannten Virusmutationen sind, auch wenn hier bislang eher Entwarnung gegeben wird.

Bis dahin werden sicher noch Monate vergehen, denn wegen der Knappheit an Impfstoffen geht es in der EU nicht recht voran. Die Kommission hält die Lieferreduktion von Astra-Zeneca für »inakzeptabel«. In Brüssel vermutet man nämlich, dass es gar keine Produktionsprobleme gibt, sondern andere Abnehmer außerhalb der EU wie Großbritannien, die USA oder auch Indien, wo gerade die weltgrößte Impfkampagne gestartet wurde, vorrangig beliefert werden. Ausgerechnet die EU-Kommission, die sich sonst gerne als Verfechter des Freihandels hinstellt, erwägt nun, künftig die Ausfuhr von in der EU hergestellten Impfstoffen zu kontrollieren; Astra-Zeneca hat auch in der EU Produktionsstätten. Gerade die Verteilung von Impfstoffen in arme Länder über die Weltgesundheitsorganisation dürfte darunter noch mehr leiden.

Ex-EU-Mitglied Großbritannien schießt derweil zurück, »Impf-Nationalismus« sei »der falsche Weg«. Die Regierung in London gibt sich zuversichtlich, trotz aller Lieferschwierigkeiten bei der Impfung der Bevölkerung im Zeitplan zu bleiben, wie der zuständige Staatssekretär Nadhim Zahawi am Dienstag dem Sender Sky News sagte. Bis Mitte Februar will Großbritannien fast 15 Millionen Menschen geimpft haben. Hier wurden bereits gut 100 Menschen je 1000 Einwohner geimpft, in Deutschland dagegen erst 23. In Brüssel stellt man sich die Frage: Liegt dies daran, dass London schneller mit der Zulassung war und organisierter impft oder dass man über den besseren Draht in die Firmenzentralen verfügt?

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