Die Zärtlichkeit des Schlachterbeils

Das Horrorfilmfestival »Final Girls« zeigt eine illustre Bandbreite feministischer Gruselfilme

Als »Final Girls« werden in Horrorfilmen die Frauen bezeichnet, die bis zum Schluss überleben und den Killer oder das Monster töten. So wie Jamie Lee Curtis in Halloween. Das verrät schon, wohin die Reise beim Final Girls Berlin Film Festival geht, dessen erste Hälfte online stattfinden wird. Die zweite folgt später im Jahr. Der Festivalname steht aber auch dafür, dass es in die Auswahl nur Horrorgenuss schaffte, bei dem Frauen (das versteht sich transinklusiv) oder Non-binaries Regie geführt haben und Filme, die von Frauen geschrieben oder produziert wurden, mit Frauen in Rollen, in denen sie mehr als nur Objekte und aufgehübschte Opfer sind. Ziel ist, eine feministische Horrorfilm-Community aufzubauen. Das Hauptprogramm besteht aus fünf Featurefilmen und fünf Kurzfilmblöcken, die nach Themen wie Comedy, Isolation, Revenge und Cyber-Horror geordnet wurden. Darüber hinaus gibt es Talks und der Podcast »I spit on your podcast« ist zu Gast. Die Liebe zum Detail reicht bis zum Ticketpreis: 6,66 Euro.

Spätestens seit »Friedhof der Kuscheltiere« wissen wir, dass Cultural Appropriation nach hinten losgeht, wenn Eltern ihre Kinder unter Missbrauch von Naturreligionen, die sie nicht verstehen, aus dem Totenreich zurückholen. »Los Que Vuelven«/»The Returned«, einer der Featurefilme, ist eine Reflexion über die Unterdrückung der Guaraní durch die spanische Kolonialisierung im Norden Argentiniens, und das im Gewand eines Horrorfilms. Eine Landbesitzerin erfährt dank der für sie arbeitenden Guaraní Kerana von den Mächten der Naturgöttin Iguazú, dargestellt im Bild eines pittoresken Wasserfalls an einer Lichtung. Im Schmerz darüber, dass ihr Kind tot geboren wird, wirft sie jegliche Bedenken über Warnungen vor dieser Magie über Bord, bringt es zu dieser Lichtung, und es klappt: Die Gottheit bringt es zurück. Aber nicht ohne einen Preis. Der Vater des totgeborenen Kindes, der jähzornige, brutale Landbesitzer und ein ihm verbundener, kalter Priester stehen bald im Kampf gegen weit mehr als die unterdrückten Farmarbeiter*innen: die wilde Natur. Mysteriöse Kräfte werden hier mit einer großartigen Soundlandschaft zum Leben erweckt. Der Gegensatz von Wald und Plantage ist zentral, beide sind jeweils für die einen Zuflucht und für die anderen Gefahr. Es ist ein langsam und mit wenig Worten erzählter Film, vielleicht zu langsam für manche Horrorfans. Es sind die Bilder und Geräusche, die diese Geschichte der argentinischen Filmemacherin Laura Casabé unter die Haut gehen lassen.

»Warum kapiert die Katze nicht, dass sie nicht raus kann«, diese Frage, gestellt von der Protagonistin, als sie noch ein junges Mädchen war, hallt am Ende von »Fellwechselzeit« nach. Dieser Film von Sabrina Mertens erzählt in chronologischen Fragmenten zehn Jahre aus dem erdrückenden Familienleben von Stephanie; ihre Entwicklung vom lebhaften Kind zur depressiven Jugendlichen, die in Zeichnungen oder dem Spiel mit dem alten Schlachterwerkzeug des Großvaters Zuflucht sucht. »Stephie, spielst du schon wieder mit dem Schlachterbeil?« wäre in einem anderen Film bestimmt ein humorvoller Satz, hier hat er einen vergorenen Beigeschmack. Die Mutter ist depressiv, immer wieder auf die Hilfe der Tochter angewiesen, ein lebendes Symbol der Perspektivlosigkeit, dem sich die Tochter nicht entziehen kann. Der Vater ist distanziert, latent aggressiv, Hauptsache sein Essen ist rechtzeitig auf dem Tisch. Auch dieser Film kommt mit wenig Dialogen aus. Dafür gibt es Bilder eines spießbürgerlichen westdeutschen Lebens der 70er Jahre. Der Horror ist hier kein fantastischer, sondern das, was in den staubigen Eingeweiden der Familie wuchert. Das Unausgesprochene, das in der Luft liegt. Dass es sich auf die Vergangenheit bezieht, darauf deuten unzählige Gegenstände der Familiengeschichte, von denen die Messiewohnung überzuquellen zu scheint: Selbst das Gebiss der Großmutter wird aufgehoben und dient schließlich zur autoerotischen Selbstverletzung. Generationen der Repression. Ein leiser bedrückender Film, der im Nachhall seine Intensivität entfaltet.

Wer denkt, dass dem Final Girls Festival das Schrille fehlt, wodurch das Horrorgenre oft so wunderbar glänzt: weit gefehlt. In den Kurzfilmen wimmelt es nur so von herrlich überzogenem Grusel. »Kalley’s Last Review« nimmt die Beauty-Youtuber-Szene mit drastisch blutigem Witz aufs Korn, der im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht. In »Growth« entwickelt der Drang zu Online-Hasskommentaren eine grün-schleimige Körperlichkeit. »Your Monster« zeigt, dass das Monster im Kleiderschrank auch empowernd sein kann.

»Fish Whiskers« ist nur einer der Filme, in denen Kinder tragende Rollen haben, eine fiese Geschichte voll magischem Realismus. »Swipe Up, Vivian!« spielt in einer Zukunft, die traurig an unsere Gegenwart erinnert: Auch dort herrscht Sperrstunde, und die isolierte Heldin lässt sich auf einen Onlinedating-Service ein, der sich als personalisierter entpuppt, als sie erwartet hatte. »Fragile.com« ersinnt einen Online-Service, den es so hoffentlich noch nicht gibt: Camgirls, die vor laufender Kamera weinen und so den männlichen Hunger nach weiblichem Schmerz bedienen. Das Revenge-Horrorgenre ist mit »There Will Be Monsters« präsent, in der eine Gruppe von Männern lernen muss, dass die Frau, die sie belästigen, nicht so wehrlos ist wie erwartet.

Ein großartiger Kurzfilm ist »Stucco« von Janina Gavankar. Eine junge Frau ist gerade in eine neue Wohnung gezogen und schlägt aus Versehen ein hammergroßes Loch in die Wand, als sie ein Bild aufhängen will. Sie versucht, die Pläne für die Wohnung zu bekommen, um festzustellen, ob ein Hohlraum hinter der Wand ist und es entwickelt sich nicht zuletzt dank hervorragender Kameraeinstellungen und schaurigen Body-Horror-Elementen ein klaustrophobisches Szenario. Die Frau kann die Wohnung nicht verlassen. Sie leidet in Folge einer toxischen Beziehung unter Agoraphobie. Auch in diesem Film gibt es Szenen, die wegen der Pandemiebedingungen vertraut sind: eine Therapiesitzung via Skype, eine Online-Yoga-Session.

Ein anderer Favorit unter den Kurzfilmen ist »The Rougarou« von Lorraine Caffery, ein Coming of Age Horror. Der Rougarou ist eine Figur aus der Cajun Folklore, ein Mann mit dem Kopf eines Wolfs oder Hundes, der in den Sümpfen von Louisiana sein Unwesen treiben soll. Die Hauptrolle spielt ein zwölfjähriges Mädchen, das in kaputten Verhältnissen mit einem Dealer als Vater aufwächst, dem sie vertraut. Er erzählt ihr, dass die Narben, die er am Rücken hat, vom Rougarou stammen. Als ein Mord in der Nachbarschaft geschieht, gibt er dem Monster die Schuld. Die Tochter macht sich daraufhin daran, eine Falle für den Rougarou zu bauen und seiner Gewalttätigkeit ein Ende zu setzen.

Das Final Girls Festival zeigt eine wohltuende Vielfalt des Horrorgenres, in dem Frauen nicht auf das gefolterte sexualisierte Objekt reduziert werden, und in denen Gewalt nicht einfach nur billiger Handlungstreiber ist. Das Schaudern aus sicherer Distanz, das Horrorfilme so reizvoll macht, ist hier oft das lustvolle Überwinden von Problemen, die sonst nicht die typischen Genrethemen sind, wie Rollenerwartungen, Schönheitsdruck, sexualisierte Übergriffe, toxische Beziehungen, Bindungsängste. Das so filmisch überspitzt zu genießen, kann durchaus ein wenig helfen, sich nicht vom realen Horror überwältigen zu lassen, sondern lieber selbst zum Final Girl zu mutieren.

Final Girls Film Festival, 4. bis 7. Februar, online unter: www.finalgirlsberlin.com

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