Pokalhelden mit Potenzial

Rot-Weiss Essen schlägt Leverkusen - und will endlich im Profifußball ankommen

  • Von Andreas Morbach, Essen
  • Lesedauer: 4 Min.

Der führende Essener Pokalschreck musste sich erst einmal sammeln. »Wo sind wir gerade angekommen? Im Viertelfinale?«, überlegte Daniel Davari einen Moment lang. Als der 33-jährige Torwart die unmittelbare Konsequenz des Sensationserfolgs über Bayer Leverkusen sortiert hatte, legte er umso zielsicherer fest: »Das müssen wir feiern.« Für die nächsten zwei Wochen sei er nicht mehr ansprechbar, erklärte Davari dann. Ein kleiner Scherz - denn schon am Wochenende wartet auf Rot-Weiß Essen eine noch wichtigere Partie als das frisch absolvierte Highlight im DFB-Pokal gegen die Werkself.

Mit dem 2:1 nach Verlängerung gegen den vermeintlich übermächtigen Erstligisten steht der Traditionsverein aus dem Ruhrgebiet im nationalen Cup unter den letzten Acht - zum ersten Mal seit 27 Jahren. Damit wachsen die Pokaleinnahmen des Regionalligisten auf rund zwei Millionen Euro. Angesichts des Personalbudgets von knapp drei Millionen Euro für diese Saison ist das ein enormer Geldsegen. »Unsere ganze Pokalstory hat uns im Corona-Kontext schon sehr geholfen«, kommentierte Vorstandschef Marcus Uhlig nach dem Triumph über Bayer - und gab noch einen kurzen sportlichen Ausblick: »Wir strotzen vor Selbstvertrauen. Den ersten Kracher in dieser Woche haben wir hinter uns. Jetzt gehen wir den nächsten an.«

Am kommenden Sonnabend empfangen die Pokalhelden aus dem Pott die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund zum Spitzenspiel in der Regionalliga West: Die BVB-Reserve führt die Tabelle aktuell an - mit zwei Punkten Vorsprung auf Essen, das aber ein Spiel weniger ausgetragen hat. Nur der Meister steigt direkt in die dritte Liga auf. Der Zweite muss sich mit mindestens einem weiteren Jahr Viertklassigkeit abfinden.

Für Rot-Weiß Essen hält dieser Zustand bereits seit zehn Jahren an. Entsprechend groß ist in dem Verein, der am Montag seinen 114. Geburtstag feierte, die Sehnsucht nach der Rückkehr in den Profifußball. »Wir wollen hoch, und wir wollen auch mit aller Macht hoch«, betont Klubchef Uhlig im Gespräch mit »nd«. Den Sprung von der vierten in die dritte Liga bezeichnet der 49-Jährige als »das kleinste Nadelöhr im deutschen Fußball«. Und sind die Kicker aus der 58 0000-Einwohner-Stadt dort erst mal durchgeschlüpft, könne man über das große Potenzial sprechen, das in diesem Verein schlummere.

Bis dahin verordnet der Chef Bescheidenheit - schließlich weiß Uhlig, in welchem Umfeld er sich bewegt. Die Rot-Weißen zählt er zu den »ganz wenigen, ganz besonderen, relativ weit unten stehenden Traditionsklubs« mit »einer ganz besonderen Aura«, sieht sie in einer Riege mit 1860 München, Eintracht Braunschweig und Kickers Offenbach. Diese Vereine eint laut Uhlig neben enormen Fanpotenzial aber auch das Problem, dass immer besonders viele Leute mitreden wollen - und eine entsprechende Unruhe herrscht. »Der Verein hat in der Vergangenheit zu viel über das Übermorgen und das Vorgestern gesprochen«, findet der Mann, der seit gut drei Jahren dabei ist, den Deutschen Meister von 1955 im Hier und Jetzt zu verankern. Auf diesem Weg sind die Essener mit der jüngsten, umfassenden Nabelschau wieder ein gutes Stück voran gekommen. So engagierte der Klub, für den schon Berühmtheiten wie Helmut Rahn, Willi Lippens oder Horst Hrubesch gespielt haben, im vergangenen Sommer mit Christian Neidhart einen neuen Cheftrainer. Zudem wurden insgesamt zwölf Spieler abgegeben, zehn andere kamen frisch dazu.

Zwei dieser Neuankömmlinge sorgten am Dienstagabend für ein nachträgliches Silvesterfeuerwerk und ein Autokorso rund um das Essener Stadion: Allen voran Schlussmann Davari, der die Leverkusener mit seinen Paraden zur Verzweiflung trieb. Und Torjäger Simon Engelmann, der schon bei den Pokalsiegen über Bielefeld und Düsseldorf getroffen hatte und nun die haushoch favorisierte Werkself mit dem Treffer zum 2:1 aus dem Wettbewerb schoss.

»Wenn ich den Ball am Fuß hab’, kann’s immer klingeln«, erklärte Engelmann später in derselben lässigen Selbstverständlichkeit, mit der er den Ball drei Minuten vor Ende der Verlängerung ins Netz gedonnert hatte. »Ein besseres Drehbuch für so ein Spiel kann man nicht schreiben, wir sind mega stolz auf die Jungs«, jauchzte Neidhart, der sein Team am Mittwoch schon wieder auf das große Ligaduell gegen Dortmund trimmte.

Sein Chef denkt bereits ein gutes Stück weiter. »Natürlich weiß keiner, wie sich das gesamte Corona-Setup in Deutschland und weltweit in den nächsten Wochen und Monaten entwickelt. Aber die Hoffnung, dass wir ab Ostern zumindest über ein Teilöffnungsszenario in den Stadien nachdenken dürfen, haben wir schon«, sagt Uhlig. »Es wäre schon ein Stück weit Ironie des Schicksals, wenn du hier mit Rot-Weiß Essen den größten Erfolg seit zig Jahrzehnten schaffst - und keiner von den Fans, für die wir das alle machen, dabei sein kann.« Ohne Zuschauer zu spielen, daran will sich der Klubchef der diesjährigen Pokalsensation jedenfalls nicht gewöhnen. Weil er längst gemerkt hat: »Das fühlt sich so was von falsch, so was von komisch und blöd an - gerade in Essen.«

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