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Streit um Missbrauchsgutachten: Druck auf Woelki lässt nicht nach

Kölner Kardinal schließt Rücktritt nicht aus / Initiative »Maria 2.0«: »Systemische Ursachen für Missbrauch beseitigen«

  • Lesedauer: 3 Min.

Köln. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki muss sich wegen der Zurückhaltung eines Gutachtens zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum weiterhin massive Kritik gefallen lassen. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx sprach am Wochenende von einem schweren Schaden für die katholische Kirche, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) von Missmanagement und einem Desaster. Aus der Politik wurden Rufe nach Transparenz und Aufklärung laut. Woelki bat erneut um Geduld bis zur Vorlage eines neuen Gutachtens am 18. März, aus dem er Konsequenzen ziehen werde, einen Rücktritt schloss er nicht aus.

Der Erzbischof steht in der Kritik, weil er ein Missbrauchsgutachten der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl wegen methodischer und rechtlicher Bedenken seit Monaten unter Verschluss hält. Er gab stattdessen beim Kölner Strafrechtler Björn Gercke ein neues Gutachten in Auftrag. In der Düsseldorfer »Rheinischen Post« kündigte er die gleiche Übernahme von Verantwortung an, die er anderen abverlange, wenn mit diesem Gutachten »alle Fakten auf dem Tisch« liegen würden. In dem Interview schloss er auf Nachfrage auch einen Rücktritt nicht aus.

Mit den Ergebnissen des Gercke-Gutachtens werde das Erzbistum in der Lage sein, »die organisatorischen, strukturellen oder systemischen Fehler und Versäumnisse zu benennen«, sagte Woelki. Er hatte am Donnerstag bereits Fehler eingeräumt, »für die ich letztlich auch die Verantwortung trage«. Im Kölner Domradio wies der Kardinal am Sonntag den Vorwurf der Vertuschung eines mutmaßlichen Missbrauchsfalls zurück, den er 2015 nach der Prüfung von Personalakten nicht an den Apostolischen Stuhl in Rom gemeldet hatte.

Kardinal Marx, langjähriger Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, sagte der »Augsburger Allgemeinen« mit Blick auf die Vorgänge in Köln: »Die Wirkung dessen, was da passiert, ist für uns alle außerordentlich negativ.« Er hoffe, »dass sich Perspektiven zeigen, um aus dieser Situation herauszukommen«.

ZdK-Präsident Thomas Sternberg mahnte am Samstag im Deutschlandfunk »ganz klare und saubere Transparenz in der Sache« an. Der Ärger im Bistum sei »inzwischen so groß und so sehr auch in den Kerngemeinden angekommen«, dass die Veröffentlichung des neuen Gutachtens Mitte März zu spät erfolge, um Vertrauen zurückzugewinnen. ZdK-Vizepräsidentin Karin Kortmann forderte »eine Verwaltungsgerichtsbarkeit und eine Gewaltenteilung« in der katholischen Kirche. Sie wünsche sich zudem, »dass die Katholiken an der Basis ihren Bischof wählen können«, sagt sie dem Bremer »Weser-Kurier«.

Die Reforminitiative katholischer Frauen »Maria 2.0« forderte, die »systemischen Ursachen« des Missbrauchs und seiner Vertuschung zu beseitigen. »Kein Mensch kann nachvollziehen, warum es jetzt noch ein Gutachten geben soll«, sagte die Theologin und Aktivistin Maria Mesrian im WDR-Radio. »Wir wissen, was passiert ist, wir wissen, in welchem System, in welcher Atmosphäre diese Taten begangen wurden und wie sie vertuscht wurden.« Ein Rücktritt allein nütze nichts: »Das gesamte System steht zur Disposition, weil wir gesehen haben, dass Aufklärung, wenn sie die Kirche selbst betreiben will, nicht möglich ist.«

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Der SPD-Fraktionsvize im Landtag von Nordrhein-Westfalen, Jochen Ott, sagte der »Rheinischen Post«, wenn Woelki jetzt nicht schnell für die nötige Transparenz sorge, müsse »auch die Politik das Thema auf die Tagesordnung nehmen«. Bei Missbrauch gehe es »schlichtweg um Verbrechen, und die müssen ohne Ansehen der Person oder Institution lückenlos aufgeklärt werden«. Die religionspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, Sigrid Beer, kritisierte, eine schonungslose Aufklärung werde offenbar behindert. Woelki sei zur Belastung eines aufgeklärten und kritischen Christentums geworden, sagte sie dem Blatt. epd/nd

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