Insel für die Stromerzeugung

Dänemark betritt Neuland bei Offshore-Windenergie und Wasserstoffspeichern

  • Von Andreas Knudsen, Kopenhagen
  • Lesedauer: 4 Min.

Fast einstimmig hat das dänische Parlament am Freitag dem bisher größten Infrastrukturprojekt des Landes zugestimmt: In einer Sonderwirtschaftszone in der Nordsee, 80 Kilometer vor dem nächstgelegenen Fischereihafen Thorsminde auf Jütland, soll eine künstliche Insel entstehen, auf der Energie von riesigen Offshore-Windparks gespeichert werden kann. Der dänische Industrieverband verglich das Vorhaben gleich mit der ersten Mondlandung.

An der Stelle, wo die Insel geplant ist, hat die Nordsee eine Tiefe von 25 bis 40 Metern. Die Bürger werden von den Großanlagen weit draußen auf dem Meer nicht belästigt, und die Windverhältnisse sollen hier eine nahezu ununterbrochene Energieproduktion ermöglichen. Die Umwelteingriffe werden als relativ gering eingeschätzt, ebenfalls der Einfluss auf die Fischerei. Allerdings würde die Änderung von zwei Schifffahrtswegen erforderlich werden. Bis 2033 sollen laut bisheriger Planung mit Sand gefüllte Betonkästen an dieser Stelle versenkt werden, um eine Insel mit der Fläche von umgerechnet 18 Fußballfeldern aufzuschütten. Sie wird zudem von hohen Deichen geschützt. In der Mitte soll sich der Arbeitshafen befinden, während die Windparks um die Insel herum platziert werden.

In der ersten Bauphase sollen insgesamt 200 Windräder mit einer Höhe von 260 Metern entsehen, die Strom für drei Millionen Haushalte liefern können. In der nächsten Phase sollen zusätzlich 360 Windräder dann weitere sieben Millionen Haushalte mit Elek-troenergie versorgen. Wird weniger Strom nachgefragt als produziert wird, kann die überschüssige Energie verwendet werden, um Elektrolyseanlagen zu betreiben, die Wasser in Wasserstoff umwandeln. Dieser kann dann als Treibstoff für Schiffe und Flugzeuge verwendet werden.

Der Wasserstoff soll nach den gegenwärtigen Vorstellungen per Pipeline an Land transportiert werden. Alternativ kann er als Energiespeicher genutzt und bei Bedarf wieder in elektrischen Strom umgewandelt werden. Dies würde jedoch die Kosten in die Höhe treiben. Außerdem ist die Power-to-X-Technologie noch nicht ausgereift - viele Länder stecken derzeit große Summen in die Forschung, auch um als Sieger aus diesem Wettlauf hervorzugehen und als Erster am Markt zum Technologieexporteur zu werden. Umgelehrt benötigen Unternehmen, die auf diese Technologie setzen, große Strommengen. Falls die Insel erst nach 2030 zur Verfügung steht, wird Dänemark schlechte Wettbewerbskarten haben.

Bei dem nichtsdestotrotz äußerst wichtigen Infrastrukturprojekt sichert sich der Staat laut dem Parlamentsbeschluss eine Mehrheit von 50,1 Prozent der Anteile. Um aber Kosten und Risiken breiter zu verteilen, werden weitere Investoren beteiligt. Dänische Pensionskassen haben bereits Interesse geäußert ähnlich wie der Betreiber des Hafens von Esbjerg, Windradproduzenten und verschiedene Energieversorger wie Ørsted, Dänemarks Nummer 1.

Auch wenn Klimaminister Dan Jørgensen strahlend verkündete, dass Dänemark bald um eine Insel reicher sein wird - bisher gibt es nur unverbindliche Absichtserklärungen. Das Projekt hängt nämlich auch vom Interesse der Nordseeanrainer ab. Ohne die verpflichtende Stromabnahme durch Deutschland, die Niederlande, Belgien und eventuell Großbritannien dürfte die Insel ein Luftschloss bleiben. In den kommenden drei Jahren sollen bilaterale Verträge geschlossen werden; die Zeit bis dahin wird mit weiteren Detailstudien überbrückt. Der Baubeschluss soll allerdings schon in den nächsten Wochen gefasst werden unter der Voraussetzung, dass mindestens eine bindende internationale Vereinbarung steht. Ein weiteres Fragezeichen: Windräder mit der vorgesehenen Höhe müssen erst einmal entwickelt und erprobt werden, bis sie in der oft stürmischen Nordsee installiert werden können.

Insgesamt ist das Projekt auf etwa 210 Milliarden Kronen (28,2 Milliarden Euro) veranschlagt. Der Löwenanteil der Kosten entfällt dabei auf die zu verlegenden Seekabel, die den Strom an die verschiedenen Abnehmer übertragen soll. Die gewaltigen Kosten können ohne eine langjährig garantierte Abnahme nicht investiert werden. Insbesondere die privaten Investoren werden die Gewinnaussichten genau analysieren, bevor sie Kapital einsetzen, das eine hohe Verzinsung abwerfen soll. Wegen den noch zahlreichen Unwägbarkeiten ist ein weiteres geplantes Projekt einer Energieinsel bei Bornholm zunächst auf Eis gelegt.

Klimaminister Jørgensen hat im Übrigen nicht Recht, wenn er davon spricht, dass Dänemark eine neue Insel bekommt. Laut dem UN-Seerechtsübereinkommen haben künstliche Eilande nämlich nicht den Status von Inseln mit territorialen Gewässern. Das soll verhindern, dass Staaten ihre 200-Meilen-Wirtschaftszonen auf dem Meer willkürlich zu Lasten der Nachbarn vergrößern.

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