Leben hinter verschlossenen Türen

Die Theater sind dicht, aber der Probenbetrieb geht teilweise noch weiter

  • Von Tom Mustroph
  • Lesedauer: 7 Min.

Wie ein gestrandeter Tanker liegt die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. Die Fenster sind dunkel, die Eingangstüren zum Foyer geschlossen. Ab und zu setzt sich jemand auf die Treppenstufen davor, ruht sich vom Corona-Spaziergang aus. Sonst aber wirkt das Areal erschreckend verlassen.

Im Inneren des Hauses ein ähnliches Bild. Leer sind die Gänge, selbst die Kantine hat zu. Vorstellungen gibt es derzeit keine. Der Probenbetrieb ist heruntergefahren. Viele Mitarbeiter*innen arbeiten von zu Hause aus. Die Werkstätten sind im Februar komplett geschlossen. »Viele sind auf Kurzarbeit«, sagt Klaus Dobbrick, Leiter der Ton- und Videoabteilung. Dobbrick ist noch da, einer der wenigen. Denn Ton- und Videotechniker sind derzeit die Schlüsselfiguren der Branche. »Das, was noch öffentlich stattfindet, Streams von Vorstellungen oder Konzerten oder aufgezeichnete Diskussionen, findet alles im Medium Video statt«, beschreibt er die Lage. Das Medium Video ist seines, das seiner Abteilung. Und derzeit ist es das Leitmedium des Theaters.

Das färbt ab auf den Probenbetrieb. Kaum eine Probe ohne Kamera. Drehtermine im Außenraum und in diversen Nebenräumen der Volksbühne werden in die Probenplanung eingeschoben. Ja, geprobt wird tatsächlich noch. Bis Ende Januar hatte Claudia Bauer die große Bühne für sich. Sie inszenierte Ovids »Metamorphosen«, machte daraus »Metamorphosen [overcoming mankind]«. Direkte Corona-Bezüge vermeidet sie darin. »In «Germania» habe ich ja schon Heiner Müllers Text «Krieg der Viren» verwendet«, sagt sie lachend. »Krieg der Viren« bezog sich auf das HIV-Virus - Müllers Text beschrieb fast prophetisch, wie verletzlich die menschliche Gesellschaft durch Kleinstlebewesen werden kann.

Das komplexe Verhältnis von Mensch und Natur ist aber ein Thema. Ovid verwandelt schließlich Menschen in Pflanzen und Tiere. Für Bauer ist das Anlass, über die »Auflösung des des zerstörischen Superegos des Menschen und dessen Verwandlung in etwas Sanfteres, vielleicht eine Art Schwarmintelligenz nachzudenken«, erzählt sie. Sie betont zugleich die in den Ovidschen Verwandlungen oft miterzählte sexuelle Gewalt: »Die männlichen Götter nehmen die Gestalt von Tieren an. Die Menschenfrauen, die sie vergewaltigen, erstarren danach zu Pflanzen.«

Die Proben hat sie Corona-konform angelegt. Im Zentrum der Bühne steht eine Art Gewächshaus. Es wird durch transparente Plastikfolien gebildet und enthält im Inneren mehrere Kabinen, die ebenfalls durch Folien begrenzt werden. »Die Musiker befinden sich in diesen Kabinen. Wenn Schauspieler sprechen, geschieht dies auch meist in diesen Kabinen. Auf der Bühne berühren wir uns selten. Und wenn, dann tragen alle Handschuhe«, erzählt Bauer. Das sind ästhetische Entscheidungen, die einerseits die Arbeitsbedingungen während der Pandemie widerspiegeln. Andererseits korrespondieren sie mit ästhetischen Strategien, die Bauer ohnehin mag. »Ich trenne gern Stimme und Körper und setze gern Masken ein. Unter den Porträtmasken, die das Ensemble trägt, könnten sogar noch, wenn es die Hygienebedingungen erfordern sollten, FFP2-Masken getragen werden«, versichert sie. Außerdem wird das Ensemble zweimal wöchentlich getestet.

Beim Berliner Ensemble ist die Testfrequenz noch höher. »Alle zwei, drei Tage machen wir einen Test«, erzählt Sina Martens. Die Schauspielerin war zuletzt mit den Proben zu gleich zwei Stücken beschäftigt, zu »Anatomie eines Suizids« von Alice Birch und »Fabian« in der Regie von Frank Castorf. Bei beiden Stücken wurden die Premierentermine nach hinten geschoben. Der »Fabian«-Produktion passierte das gleich zwei Mal. »Eigentlich sollten wir im März 2020 damit herauskommen. Als wir in der Endprobenphase waren, kam aber der erste Lockdown«, erzählt Martens.

Im Herbst 2021 wurde erneut geprobt - und zehn Tage vor der Premiere gab es den nächsten Lockdown. Wann die Premiere dieser Inszenierung nach dem gleichnamigen Roman von Erich Kästner über das Auseinanderdriften der Gesellschaft während des aufziehenden Faschismus der frühen 1930er Jahre tatsächlich stattfinden kann, ist völlig ungewiss. »Wir fragen bei allen gerade Termine bis in den September hinein ab«, erzählt die Dramaturgin Amely Joana Haag. Es geht dabei bereits um den dritten vorläufige Premierentermin. »Es fühlt sich an wie ein ungeborenes Kind. Die Inszenierung ist nicht herausgekommen, sie ist wie unerlöst, geht nicht heraus aus dem Kopf. Man hat das Gefühl, dass man ganz besonders auf es aufpassen muss«, beschreibt Martens die Situation.

Dass die Inszenierung im November nicht herauskommen durfte, bedauern Martens und auch Haag noch mehr als den geplatzten ersten Termin im Frühjahr. Denn angelegt war die Arbeit in einer Prä-Corona-Spielweise, mit körperlicher Nähe, Berührungen und Umarmungen. »Als wir im November für den zweiten Premierentermin mit den Wiederaufnahmeproben begannen, haben wir diese Spielweise beibehalten. Wir hatten ja ganz engmaschige Tests, konnten deshalb die extreme körperliche Nähe zulassen«, blickt Haag zurück und ergänzt: »Man hat doch jetzt das Distanz-Halten so verinnerlicht, dass dieses Castorf-Theater mit all seiner Körperlichkeit besonders provokativ gewirkt hätte.«

Die Proben stellten zugleich eine Art Urlaub von der Pandemie dar, waren etwas Altbekanntes, das ganz plötzlich sehr wertvoll war. »Der Moment auf der Bühne, Tränen und Schweiß zu riechen - das war für mich einer der unglaublichsten Momente 2020. Etwas, was vorher sehr normal war für mich, hatte auf einmal ganz besondere Bedeutung«, erinnert sich Martens. Für die Proben hatte sie auch ganz besondere Sorgsamkeit an den Tag gelegt, war extra aus ihrer WG ausgezogen und hatte sich in eine Art Selbstisolation begeben, um ihre Kontakte so weit wie möglich einzuschränken.

Während Martens und Haag darauf hoffen können, dass die Inszenierungen, an denen sie beteiligt sind, später gezeigt werden können - wenn nicht in dieser Spielzeit, dann eben in der nächsten - läuft den Kolleg*innen an der Volksbühne die Zeit davon. Die Spielzeit endet im Juni, dann folgt der Intendantenwechsel von Klaus Dörr zu René Pollesch. Das bedeutet: Was nicht gezeigt werden kann bis Juni, fällt dem Vergessen anheim. »Wir sind eine Welt mit Verfallsdatum Juni«, sagt Regisseurin Claudia Bauer treffend.

Sie selbst wirkt noch ziemlich gelassen. »Es ist das erste Mal, dass ich es nicht bedauere, keine 35 Jahre mehr zu sein«, bemerkt sie trocken. 35 Lebensjahre ist die magische Grenze, bis zu der es noch Nachwuchsstipendien gibt und man auf dem Ticket »junge*r Künstler*in« durch die Welt der Theater und Förderinstitutionen reisen kann. Mit mehr als 35 Jahren hat Bauer mittlerweile aber eine ganze Menge Regiearbeiten abgeliefert. »Man weiß, was ich kann, kennt mich, kann mich einordnen. Für die, die in dieser Saison eigentlich durchstarten wollten, als Regisseur*innen, Spieler*innen, Bühnen- und Kostümbildner*innen, ist es aber schwierig. Sie waren kaum zu sehen, sie müssen jetzt darum bangen, wie sie in Zukunft ihr Brot verdienen«, blickt sie auf jüngere Kolleg*innen, denen die Pandemie viel stärker zusetzt.

An eine Rückkehr des Theaters als Kunstsparte glaubt sie immerhin fest. »Menschen brauchen diese Begegnungen. In der kurzen Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Lockdown habe ich selbst versucht, so viel Theater wie möglich zu sehen. Was war das für ein Erlebnis, wieder mit anderen Menschen in einem Raum zu sein, auf Abstand zwar, aber zusammen. Und dann ging das Zuschauerlicht aus, und das Licht auf der Bühne ging an«, schwärmt sie. Frühestens nach Ostern wird dies bei den Berliner Bühnen der Fall sein.

Von einem erfolgreichen Comeback der Theaterkunst sind auch Sina Martens und Amely Joana Haag vom Berliner Ensemble überzeugt. »Man wusste in der Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Lockdown ja anfangs nicht, wie die Menschen reagieren. Sie hatten aber Lust auf Theater. Wir hatten mehr Anmeldungen als wir Besucher*innen in den Saal lassen durften«, erzählt Haag.

Und auch Klaus Dobbrick, dessen Ton- und Videoabteilung in den Pandemiezeiten einen enormen Bedeutungszuwachs erfuhr, freut sich wieder auf das Liveerlebnis im Theaterraum. Die frisch gemachten Erfahrungen mit zahlreichen Livedrehs, der noch stärkeren Verschränkung von Livespiel und vorproduziertem Material sowie der Produktion von regelrechten Theaterfilmen wie etwa Pinar Karabuluts »Mourning becomes Electra« (Stream am 13.3.) oder Alexander Eisenachs aktuell hergestellter Bühnen-Film-Hybride »Anthropos, Tyrann (Ödipus)« (19.2.) will er aber auch in Zukunft einbringen. Und er erhofft sich dabei, dass die Videoproduktion in die Abläufe des Theaterapparats nich besser integriert wird. »Drehtage waren im ›normalen‹ Theateralltag eher ungewöhnlich, die Planung orientierte sich vor allem auf Proben und Vorstellungen. Nun aber sind es die Drehtermine, in denen das Material entsteht, das öffentlich gezeigt wird«, erzählt er. Und genau diese Drehtage sind im Probenkalender für alle Abteilungen nicht einmal erwähnt.

Eine Pandemiefolge dürfte ohnehin der gestiegene Stellenwert der Fachleute für den aufgezeichneten Ton und das aufgezeichnete Bild sein. Mochten manche Regisseur*innen in ihnen bislang eher Dienstleister sehen, so sind sie in den letzten Monaten zu Mitgestalter*innen avanciert.

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