Glanzloses Ende einer Ära

Die deutschen Wasserballer scheitern ernüchternd in der Olympiaqualifikation. Ein Neuaufbau ist nötig.

Beim Olympia-Qualifikationsturnier der Wasserballer in Rotterdam, wo unter elf Teilnehmern am Sonntag die letzten drei Tickets für die Sommerspiele von Tokio vergeben werden, stand am Freitag das Viertelfinale an. Die deutsche Nationalmannschaft war da schon nicht mehr dabei. Nach fünf Niederlagen in Serie gegen die Niederlande (10:11), Frankreich (12:13), Russland (5:17), Rumänien (7:12) und abschließend Kroatien (8:22) schied sie als Sechster und Letzter der Vorrundengruppe B frühzeitig aus. Platz vier wäre mindestens nötig gewesen, um weiter von Olympia träumen zu dürfen.

Zwar hatte Bundestrainer Hagen Stamm die Chancen auf ein Ticket vorab auf nur »10 bis 20 Prozent« beziffert, aber die Art und Weise, wie das dritte Olympiascheitern in Folge zustande kam, war schon ernüchternd. So blieb Stamm nur die Feststellung: »Wir waren nicht bereit, das Olympiaticket zu lösen.«

Zu schwach für die Mittelklasse

Die Niederlande und Frankreich sind bestenfalls Wasserball-Mittelklasse, gegen die es in jüngerer Vergangenheit stets Pflichtsiege gab. Gleiches gilt für Rumänien. Russland ist zwar zuletzt erstarkt, zählt aber auch längst noch nicht wieder zu den Spitzennationen dieser Sportart. Selbst Kroatien, 2012 Olympiasieger und 2019 Weltmeister, ist ein gutes Stück von der einstigen Dominanz entfernt. Die übrigen Ergebnisse der Gruppe bestätigen durchaus die Ausgeglichenheit des Sextetts, nur Deutschland fiel deutlich heraus.

Dies war anhand der Resultate der vergangenen zwei Jahrzehnte, vor allem im Nachwuchs, absehbar gewesen. Bei internationalen Meisterschaften der Talente hat Deutschland in diesem Jahrtausend noch keine Medaille gewonnen - von den international schon immer hinterherhinkenden deutschen Frauen ganz zu schweigen.

Das Aus für Tokio ist das Ende einer Ära. Eine Reihe von Spielern wird aufhören, auch Stamm und Teile seines Trainerstabs treten nun zurück. Man muss zudem feststellen, dass alle Reformansätze vergangener Jahre gescheitert sind. Vielversprechende Zukunftskonzepte fehlen, personelle Alternativen auch - selbst wenn Stamm behauptet: »Mein Nachfolger übernimmt keinen Scherbenhaufen.« Für die öffentliche Förderung der Sportart, die längst mit dem Präfix »Rand« versehen werden muss, ist das Verpassen von Olympia ein weiterer Rückschlag, da Ergebnisse bei Großereignissen - zumindest teilweise - weiterhin Einfluss auf die Finanzierung durch den Bund nehmen.

»Wir haben nicht im Ansatz unsere Leistung abrufen können«, erkannte der Berliner Spieler Marko Stamm, der neben Julian Real (Hannover) als Einziger aus dem deutschen Aufgebot schon einmal Olympische Spiele (2008 Peking) miterlebt hatte. Es ist immer mehr zu bezweifeln, dass künftige Generationen noch einmal in diesen Genuss kommen werden, wenn nicht endlich in einer konzertierten Aktion klar strukturierte Maßnahmen getroffen werden. Die wenigen Nachwuchstalente mit Anspruch und Niveau sind an den Fingern beider Hände abzuzählen. Die Finanzierung von Lehrgängen und der Teilnahme an internationalen Wettbewerben (etwa der Weltliga) ist schwierig.

Hoffen aufs Quäntchen Glück

Voraussetzung für eine bessere Zukunft wäre allerdings eine realistische Standortbestimmung beim Deutschen Schwimm-Verband (DSV). Die Berichterstattung seiner Funktionäre aus Rotterdam lässt daran freilich zweifeln. Da wurde getitelt: »Deutschlands Männer gegen Russland ohne Wurfglück«. Nach der 10:11-Niederlage gegen die Niederlande stand eine »starke Aufholjagd« im Fokus. Und bei der 12:13-Pleite gegen Frankreich wurde das »Quäntchen Glück« vermisst.

Auch innerhalb der Mannschaft war vor dem Turnier offenbar zu wenig Selbstkritik vorhanden. Da hatte Kapitän Julian Real noch bekundet: »Wir fahren gut vorbereitet nach Rotterdam.« Timo van der Bosch (Ludwigsburg), einer der wenigen, die nicht in Berlin oder Hannover spielen, gab nun zu, dass man mit zu viel Selbstsicherheit ins Turnier gegangen sei. »Wir dachten, gegen Holland und Frankreich gewinnen wir auf jeden Fall - und wurden vom Gegenteil überzeugt.« Eine ehrliche Selbstanalyse täte dem deutschen Wasserball nun gut. »Wir hängen im Vergleich zu anderen Ligen in Europa zurück, auch bei der Jugendarbeit. Unsere Mannschaft war im Turnier fast die älteste. Wir brauchen mehr junge Leute, die motiviert sind, für Deutschland zu spielen.«

Rainer Hoppe war bis 2019 zwei Jahre lang DSV-Wasserballwart und hatte versucht, einige Fehlentwicklungen zu korrigieren. Er sprach von Monokulturen in Berlin und Hannover. Alle Ressourcen würden dorthin transferiert, obwohl in den Teams überwiegend ausländische Spieler agierten. Änderungen gelangen auch ihm nicht, also trat er zurück. Seinen Posten gibt es nun nicht mehr. In Bezug auf Rotterdam sagt er: »Meine Befürchtung ist, dass die Verantwortlichen daraus nichts lernen werden.«

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