Gibt es noch das Schwanenservice?

Geschichten vom Porzellan: Christine von Brühl erzählt über die Zerbrechlichkeit von Ruhm und Besitz

  • Von Monika Melchert
  • Lesedauer: 4 Min.

Filigranes, edles Porzellan, kunstvoll verziert und bemalt, ebenso wertvoll wie zerbrechlich, verbindet sich mit der berühmten sächsischen Manufaktur. Dazu das Symbol des Schwans, der Schönheit und Beständigkeit verheißt: Das »Brühlsche Schwanenservice«, Höhepunkt barocker Tafelkultur und ein Hauptwerk der Meißener Porzellankunst, steht im Mittelpunkt dieser historischen Recherche.

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Christine von Brühl: Schwäne in Weiß und Gold. Geschichte einer Familie.
Aufbau, 350 S. geb., 24 €. •

In Auftrag gegeben hat das Schwanenservice um 1740 Heinrich Graf von Brühl (1700-1763), eine der einflussreichsten Personen am Hof Augusts des Starken. Geboren in Weißenfels, gelangte er 1719 zunächst als Silberpage, dann Leibpage des Kurfürsten an den Hof in Dresden. Durch seine Begabung, sein Organisationstalent und eine herausragende dienstbare Beflissenheit arbeitete er sich immer weiter nach oben, wurde Geheimrat Augusts II. und stieg schließlich unter dessen Sohn August III. zum kurfürstlich-sächsischen, königlich-polnischen Premierminister auf. Seine enorme Karriere brachte ihm neben Bewunderung auch viel Neid ein, nicht zuletzt die persönliche Feindschaft des Preußenkönigs Friedrich II. Vor allem war Brühl jedoch ein passionierter Kunstsammler und -förderer, auf den große Teile der sächsischen Kunstsammlungen zurückgehen.

Seine Nachfahrin, die Autorin Christine von Brühl erzählt nun in ihrem neuen Buch »Schwäne in Weiß und Gold« die Geschichte ihrer weitverzweigten Familie über drei Jahrhunderte. Akribisch trägt sie alles zusammen, was von den Protagonisten in den aufeinanderfolgenden Generationen überliefert ist. Wir erfahren von den Berufswegen der Brühl-Familie, von den Ehen und zahlreichen Kindern. Konsequent versucht sie, die historischen Zusammenhänge begreiflich zu machen, die nur zu oft vom Kriegsgeschehen zerrissene Geschichte in der Mitte Europas. Jeder, der einmal den mehrteiligen Fernsehfilm »Sachsens Glanz und Preußens Gloria« (1985) gesehen hat, kann sich eine Vorstellung von den verwickelten Rivalitäten zwischen den beiden Nachbarländern im 18. Jahrhundert machen.

Christine von Brühl recherchiert das Schicksal des Schwanenservices anhand von Aufzeichnungen der Familienmitglieder sowie von Dokumenten, Archiven oder Museumskatalogen. All das ordnet sie in die kulturhistorischen Kontexte ein, die mit der Erfindung des europäischen Porzellans begannen.

Farbige Abbildungen einiger erhaltener Preziosen des Schwanenservices zeugen vom unvergleichlichen Glanz und Formenreichtum dieses prächtigen Ensembles. Geschaffen in jahrelanger Arbeit von der Kunstfertigkeit der Meißener Porzelliner unter Leitung von Johann Joachim Kändler, bestand es einst aus mehr als 2200 Einzelteilen, die das Service zu einem Gesamtkunstwerk machten.

Wie bereits in ihren Büchern »Anmut im märkischen Sand« (2015) und zuletzt »Gerade dadurch sind sie mir lieb. Theodor Fontanes Frauen« (2018) legt Christine von Brühl ein besonderes Augenmerk auf das Leben der weiblichen Familienmitglieder, die ihre zumeist sehr zahlreiche Kinderschar behüten mussten. Mittelpunkt der Familiengeschichte ist dabei das Schloss Pförten in der Niederlausitz nahe der Stadt Forst. Im Siebenjährigen Krieg von Friedrich II. niedergebrannt, später wiederaufgebaut, wurde es am Ende des Zweiten Weltkriegs erneut schwer beschädigt. Viele Teile des Schwanenservices wurden gestohlen, zerbrochen, im Ausland zu Geld gemacht. Die Nachkriegsgrenze bewirkte, dass Pförten, das heutige Brody, inzwischen in Polen liegt. Ein gemeinsames deutsch-polnisches, grenzübergreifendes Projekt versucht erfolgreich, das ehemalige Brühlsche Schloss neu zu beleben sowie die historischen Parkanlagen von Bad Muskau, Branitz und Brody im Europäischen Parkverbund Lausitz zusammenzuführen.

Christine von Brühl hat sich zur Aufgabe gemacht, den Spuren zu folgen und die lange Geschichte nachzuzeichnen, die das großartige Tafelservice mit ihren Vorfahren verbindet. Ohne zu idealisieren oder zu stark zu vereinfachen, dokumentiert sie die Entwicklung bis in die Zeit nach 1990. Denn nun gab es die Chance, die in alle Winde zerstreuten Teile des Schwanenservices zusammenzuführen. Im Jahr 2000 organisierten die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden eine Ausstellung: die Rekonstruktion einer festlichen Speisetafel mit 22 Gedecken. Dazu entstand ein Katalog mit dem Verzeichnis aller original erhaltenen Stücke, die sich heute im In- und Ausland in privatem oder öffentlichem Besitz befinden. Prunkstück ist der von der Porzellan-Manufaktur Meissen rekonstruierte barocke Tafelaufsatz mit dem reichen Dekor aus Schwänen, Muscheln und Nymphen. Vieles ging im 20. Jahrhundert verloren; etwas jedoch ist bewahrt und über alle Kriege und Unruhen gerettet worden: »Ausgerechnet Porzellan, das so leicht zerbricht.«

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